text.skipToContent text.skipToNavigation

Anpfiff zur zweiten Halbzeit Wenn aus Jungs MÄNNER werden von Eisert, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.04.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Anpfiff zur zweiten Halbzeit

Irgendwann ist jeder Mann kein junger Mann mehr. Die Lebenszeit, die vergangen ist, scheint länger zu sein, als die, die noch kommt. Auch für Bestsellerautor Christian Eisert beginnt die zweite Halbzeit seines Lebens. Was nun? Die Suche nach der Antwort verlangt ihm einiges ab. Denn nicht nur die Mängel werden mehr, auch die Möglichkeiten, sie zu beseitigen. Ob Hormonpillen, Lichtatmung oder Entspannungsbrillen, Eisert schreckt vor nichts zurück. Zum Leidwesen der zwei Frauen an seiner Seite. Bald geht es nicht mehr nur um Eitelkeiten, sondern um die Frage: Was gewinnen Männer, wenn sie älter werden?

Christian Eisert, geboren 1976 in Berlin, ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Er schreibt Gags und Drehbücher u. a. für die Fernsehshows "Alfons und Gäste" und "Grünwald Freitagscomedy", sowie für "Löwenzahn" und "Shopping Queen". Seine Bücher über Nordkorea und die Schweiz wurden Bestseller und mehrfach übersetzt. Christian Eisert lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 16.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641180140
    Verlag: Goldmann
Weiterlesen weniger lesen

Anpfiff zur zweiten Halbzeit

ZWEI

Am Tag nach dem Friseurbesuch saß ich hoch über einer Neuköllner Kopfsteinpflasterstraße auf dem Balkon. Zusammen mit Anne und einer Spinne, aber ohne zu ahnen, dass ich am Beginn eines Prozesses stand, der ein keinesfalls neues, eher altes und doch gänzlich anderes Leben in Gang setzte, an dessen Ende ein Scharfschütze für 1500 Euro Honorar in meinem Auftrag vor dem Bundeskanzleramt in Stellung ging und ich jeden Dienstag zuschaute, wie Herr Dettmar ertrank. Dazu später mehr.

Von schräg links fiel die Sonne dieses Junimorgens auf den Balkontisch. Welche Farbe und Beschaffenheit die Tischplatte hatte, war nicht zu erkennen. Frische Brötchen, Marmelade, Honig, Leberwurst, allerlei Käse, Obst, Orangensaft und was außerdem ein üppiges Sonntagsfrühstück ausmacht, bedeckten jeden Quadratzentimeter.

Für unsere Maßstäbe schien schon Vormittagssonne. Anne und ich sind Frühaufsteher, ab zehn ist Vormittag.

Unter Annes Missfallensbekundungen - sie frönt gerne ihrer Liebe zu Sonnenbädern - klappte ich den Sonnenschirm auf. Ein aus dem Sperrmüll am Straßenrand gerettetes Unikum, das Gestänge schwergängig und angerostet, die Bespannung aus schwerem gelbbraunen Stoff mit Blumenmuster.

Anne trug ein hellblaues Spaghettiträger-Top und olivfarbene Shorts. Manchmal glaube ich, sie hat nicht mehr Farbverständnis als ein Regenwurm. Der kann nur hell und dunkel unterscheiden. Da ich jahrelang die Sprecher-Texte für eine Fashion-Sendung im Nachmittagsprogramm schrieb, schickt sie mir manchmal Selfies aus Umkleidekabinen und bittet um modischen Rat. Ihre Bühnenoutfits haben wir gemeinsam ausgesucht.

Ihre langen Beine reichten bis zur Balkonbrüstung, dort wo der Schirmschatten nicht hinreichte, in den Halterungen der fehlenden Blumenkästen lagen ihre Füße, Rücken und Kopf lehnten am Rauputz der Hauswand. In der Kiste unter ihrem Po waren die Sitzpolster verstaut gewesen, die jetzt den Kistendeckel und zwei Stühle bequemer machten, alle gruppiert um den rechteckigen Tisch. Jedes Möbelstück von anderer Farbe, Gestaltung und Materialbeschaffenheit. Pippi Langstrumpf hätte sich hier bestimmt wohlgefühlt. Annes Frisur erinnerte dagegen weniger an den schwedischen Kinder-Hippie, sondern an meinen Friseur, nur waren ihre langen Haare blond und nachlässiger zum Dutt gezwirbelt.

"Dich stört ja gar nicht, dass die Leberwurst in der Sonne steht. Und die Milch. Und die Butter." Anne kannte meine Marotten.

"Ist ja nicht meine Leberwurst und Milch und Butter. Außerdem weiß ich, wie sehr es dich nervt, wenn ich ständig aufspringe und Sachen kühl stelle." Ich verschwieg, wie viel Selbstbeherrschung es mich gekostet hatte, die Lebensmittel nicht wenigstens in den Schatten zu schieben. Entlastung hatte ich mir durch das Aufspannen des Sonnenschirms versprochen, aber sein Schatten fiel in die falsche Richtung.

"Du bist schon ein seltsames Vögelchen." Sie lachte herüber. Ihre weißen, gleichmäßigen Zahnreihen blitzten. Ich kenne niemanden, der perfektere Zähne hat. Hin und wieder fragen Kolleginnen Anne, bei wem sie die hat machen lassen. Worauf sie antwortet: "Bei Mama, Papa und meiner Zahnbürste."

Wegen des Dreier-Rhythmus dieser Aufzählung lässt sie die anderen Pflegemaßnahmen weg: Antibakterielle Spülung, Zahnzwischenraumbürstchen, Fluoridgel, die Anti-Knirsch-Schiene mit leichter Korrekturfunktion in der Nacht. Bei unserem Bootsurlaub im Frühjahr hatte ich in der Zeit, in der sie ihre Zähne pflegte, das Frühstücksgeschirr inklusive Rühreipfanne gewaschen, abgetrocknet und weggeräumt.

Anne hielt, die Augen geschlossen, das Gesicht in die Sonne, deren Schein hinter dem Schirmschatten an der Hauswand herabkletterte. Ich ruckelte auf meinem Stuhl etwas weiter nach vorn.

Jetzt - beschloss ich - ist auch kein guter Moment, um Anne von meinen Nächten mit Gloria zu erzählen. Stattdessen flüsterte ich: "Nicht bewegen."

Aus halb geöffneten Lidern beobachtete Anne,

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen