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Die wandernde Erde Erzählungen von Liu, Cixin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.01.2019
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Die wandernde Erde

Als Wissenschaftler herausfinden, dass die Sonne schon bald erlöschen wird, schmiedet die Menschheit einen waghalsigen Plan. Mithilfe gewaltiger Raketentriebwerke soll die Erde aus ihrer Umlaufbahn herausgerissen werden, um in den Weiten des Alls nach einem neuen Heimatstern zu suchen. Und so begibt sich unser Planet auf eine lange, gefährliche Wanderschaft ... In "Die wandernde Erde" sind elf meisterhafte und preisgekrönte Erzählungen vom Autor des Sensationsromans "Die drei Sonnen" versammelt. Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmen konnte. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits viele Male mit dem Galaxy Award prämiert. Cixin Lius Roman Die drei Sonnen wurde 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 688
    Erscheinungsdatum: 14.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641222369
    Verlag: Heyne
    Originaltitel: (Liulang diqiu)
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Die wandernde Erde

Bremsjahre

Ich habe nie die Nacht gesehen und nie die Sterne, habe nie Frühling, Herbst oder Winter erlebt. Ich wurde gegen Ende der Bremsjahre geboren, als die Rotation der Erde zum Stillstand kam.

Es hatte zweiundvierzig Jahre gebraucht, um die Erdumdrehung abzubremsen, drei Jahre länger, als von der Einheitsregierung ursprünglich veranschlagt. Meine Mutter hat mir erzählt, wie die Familie gemeinsam dem letzten Sonnenuntergang zusah. Wie die Sonne ganz langsam versank und noch einmal innezuhalten schien, als sie den Horizont erreichte. Es dauerte drei Tage und Nächte, bis sie völlig verschwand, obwohl es zu dieser Zeit schon gar keine "Tage" und "Nächte" im herkömmlichen Sinne mehr gab. Anschließend war die östliche Hemisphäre noch lange Zeit - über zehn Jahre, glaube ich - in ewige Abenddämmerung getaucht, denn die Sonne sank nicht sehr tief unter den Horizont, sodass eine Hälfte des Himmels dauerhaft matt erleuchtet blieb. Während dieses langgezogenen Sonnenuntergangs wurde ich geboren.

Die Dämmerung war keinesfalls gleichbedeutend mit Dunkelheit, denn dank des Erdantriebs blieb die gesamte Nordhalbkugel taghell erleuchtet. Man hatte die Triebwerke auf der Eurasischen und der Nordamerikanischen Platte errichtet, da nur diese beiden großen Kontinentalplatten geschlossen und stabil genug waren, um den gewaltigen Schubkräften zu widerstehen, die die Antriebselemente gemeinsam erzeugten. Insgesamt zwölftausend von ihnen waren über die Ebenen Asiens und Nordamerikas verteilt.

Von dort, wo wir wohnten, konnte man Hunderte der leuchtenden Plasmasäulen sehen, die von den Antrieben ausgestoßen wurden. Stell dir einen gewaltigen Tempel vor, so groß wie die Akropolis in Athen, mit unzähligen, himmelhoch aufragenden Riesensäulen - nur dass die Säulen wie gigantische Leuchtstoffröhren aus grellem, bläulich weißem Licht bestehen. Inmitten dieser Säulenhalle bist du nur ein auf dem Boden herumkriechendes Bakterium. Jetzt hast du in etwa einen Eindruck davon, wie die Welt aussah, in der ich aufwuchs.

Dabei ist diese Beschreibung nicht ganz korrekt, denn die Eigenrotation der Erde konnte nur gestoppt werden, indem man ihr die Schubkraft des Erdantriebs tangential entgegensetzte. Die Düsen waren deshalb in einem speziellen Winkel ausgerichtet, wodurch die riesigen Lichtsäulen am Himmel leicht schräg standen. Der Tempel, in dem wir uns befanden, schien also auch noch kurz vor dem Einsturz zu stehen. Nicht wenige Leute von der Südhalbkugel wurden wahnsinnig, als sie in den Norden kamen und sich plötzlich in dieser Szenerie wiederfanden.

Noch schlimmer als der Anblick war jedoch die sengende Hitze, die von den Triebwerken ausging. Die Außentemperatur lag bei siebzig bis achtzig Grad Celsius, man konnte nicht mehr ohne Kühlanzug vor die Tür gehen. Außerdem brachten diese Temperaturen unablässige Gewitter mit sich. Die dunklen Sturmwolken, durchlöchert von den Plasmasäulen der Triebwerke, ergaben ein Bild wie aus einem Albtraum. Das bläulich weiße Licht streute in die Wolken und schuf wild wabernde, in unzähligen Farben glimmende Leuchtkränze, als wäre der gesamte Himmel mit weiß glühender Lava übergossen.

Irgendwann hielt mein Großvater es einfach nicht mehr aus. Die Hitze setzte ihm so zu, dass er im Delirium mit nacktem Oberkörper nach draußen in den Regen rannte, ehe wir ihn aufhalten konnten. Die vom Plasma brühend heißen Regentropfen brannten ihm die Haut vom Leib.

Für meine Generation dagegen war das alles völlig selbstverständlich - zumindest, wenn man auf der Nordhalbkugel geboren war -, so selbstverständlich, wie Sonne, Mond und Sterne für die Menschen vor den Bremsjahren gewesen waren. Wir nannten die gesamte Menschheitsgeschichte der Vergangenheit das "Alte Solarzeitalter". Das muss eine herrliche, ja, eine goldene Zeit gewesen sein!

Als ich eingeschult wurde, machte die Lehrerin mit unserer dreißigköpfigen Schulklasse eine Bildungsreise einmal

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