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Waldkind Roman von Speer, Natalie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.12.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 21.12.2018 per Download lieferbar

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Waldkind

Nehmt euch in Acht vor dem Deamhain.
Der verwunschene Wald lebt. Er begehrt. Er verführt.
Doch seine verschlungenen Pfade führen nicht in die Freiheit, sondern in den Tod ...

Eva und Cianna könnten unterschiedlicher nicht sein - die erste rebellisch und unerschrocken, die zweite eine Träumerin. Während Eva als Regierungsagentin Jagd auf gefährliche Fabelwesen im verwunschenen Wald Deamhain macht, führt Cianna das behütete Leben einer Bürgerstochter.
Doch dann findet Cianna am Rand des Deamhain ein verlorenes Kind, das eine besondere Verbindung zum Wald zu haben scheint. Sie ahnt nicht, dass der Deamhain das Kind nicht so einfach ziehen lassen wird. Und dass der Wald Eva und Cianna zu tödlichen Feindinnen macht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 639
    Erscheinungsdatum: 21.12.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732561247
    Verlag: Bastei Lübbe AG
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Waldkind

Cianna

Mutter hat einen passenden Tag für die Hinrichtung ausgesucht. Der Himmel hängt fahlweiß wie ein Leichentuch über uns. Es riecht nach Regen, nach Moos und verrottendem Laub. Heute ist Frühlingsanfang, der Festtag der Gabe - doch die Welt riecht nach Tod.

Ich sitze am vorderen Rand der Bürgertribüne, die den Platz von zwei Seiten begrenzt. Mutter und der Scharfrichter harren vorne auf dem Galgenpodest aus, und auf dem schlammigen Platz in der Mitte wartet eng gedrängt die schweigende Menge der Gemeinen. Das einfache Volk muss stets zu uns aufblicken, so will es Mutter, und so will es die Ordnung unserer Republik.

Ich wünschte, es wären nicht so viele. Es müssen Hunderte sein, viel mehr als wir. Männer und Frauen, Alte und Kinder, die dunklen Haare und Filzumhänge durchtränkt vom Regen. Ihre Blicke sind wie Wespenstiche, ihre fremden, abgezehrten Gesichter machen mir Angst. Sie müssen seit dem Morgengrauen marschiert sein, um rechtzeitig hier anzukommen, auf dem Galgenplatz am Rande des Deamhains. Wie es Gesetz ist, muss das ganze Heimatdorf der Übeltäter ihrer Hinrichtung beiwohnen.

Ein Raunen geht durch die Menge.

"Da kommen sie." Der greise Gelehrte Zenon, der neben mir sitzt, streckt seinen faltigen Hals.

Die Reihe der Ordnungswächter, die vor uns den ganzen Platz umgibt wie ein eiserner Ring, öffnet sich, um den Gefangenentransport durchzulassen. Vier Ordner schieben die Menge mit Stöcken beiseite, zwei Ochsen ziehen mühsam den großrädrigen Karren durch den Schlamm.

Ich erhasche einen ersten Blick auf die beiden Gefangenen, und mein Atem stockt. Das muss ein Irrtum sein. Das sind doch noch Kinder. Mein Blick eilt zu Mutter, doch sie steht aufrecht, die Hände gefaltet. Ihr Gesicht lässt keinerlei Regung erkennen, nur der Saum ihrer rubinroten Toga flattert im Wind.

Gefühle sind Schwäche . Ihre Worte. Meine Finger umklammern das Geländer der Tribüne.

"Sie haben einen Ordnungswächter erschlagen", teilt mir Zenon ungefragt mit, und in seiner Stimme schwingt Entrüstung. "Lass dich von ihren unschuldigen Gesichtern nicht täuschen."

Der Händler Jannis auf seiner anderen Seite nickt.

"Es sind harte Zeiten", sagt er ernst. "Die Missernten, der Krieg im Norden gegen die Barbaren, für den ein Drittel der erwachsenen Männer eingezogen worden ist. Deshalb rekrutieren die Rebellen inzwischen schon Kinder."

Rebellen? Ich schaudere. Mutter und ich reden nie über sie. Nicht seit Maeve. Und auch die anderen Bürger erwähnen sie nur mit vorgehaltener Hand, wie eine ansteckende Krankheit oder einen fauligen Geschmack im Mund.

Ich kenne die meisten der Bürger, die mit mir auf der Tribüne sitzen. Während der Karren durch die wogende Menge vor uns poltert, mustere ich ihre Reihen. Es sind etwa dreißig blonde Männer und Frauen, die zum Festtag erschienen sind. Hochgeborene Händler, Gelehrte, Beamte, Gutsherren der nahen Landgüter. Ihre Gewänder sind stilvoll, ihre Sessel mit Schaffell gepolstert, und Sklaven reichen ihnen heißen Assain-Tee, um die Glieder zu wärmen. Nur bei den Händlern gibt es ein paar Männer, die ich nicht kenne. Einer von ihnen hat für einen Bürger ungewöhnlich dunkelblonde, wild abstehende Locken. Sein Blick ist finster, als hätte er eine persönliche Rechnung mit den Gefangenen zu begleichen.

Die Haltungen der Bürger zeugen von Stolz und feierlichem Ernst. Sie alle präsentieren sich selbstsicher den Blicken der Menge - viel selbstsicherer als ich. Auch der greise Gelehrte Zenon neben mir hält sich aufrecht und hat würdevoll seine Hände im Schoß gefaltet.

Spürt er nicht das Entsetzen der wogenden Volksmenge, die drückende Nähe des Waldes?

Ein scharfer Ruf ertönt, die Ochsen stoßen ein dunkles Brüllen aus. Gegen meinen Willen muss ich wieder hinschauen. Der Karren mit den Gefangenen hat vor dem Galgenpodest angehalten. Lass dich von ihren unschuldigen Gesichtern nicht täusch

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