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Anna annA von Hartmann, Lukas (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Anna annA

Ist das Anna oder annA? Wer ist das Original und wer die Kopie? Und wer ist man, wenn es jemanden gibt, der genauso aussieht wie man selbst? Ein Roman für Kinder ab 9 Jahren über die Kraft der Phantasie und die Frage, was die eigene Identität ausmacht. Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen, zuletzt Ein Bild von Lydia

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257606003
    Verlag: Diogenes
    Größe: 1668 kBytes
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Anna annA

[7] 1. Kapitel

Das grüne Lesebuch

Anna war wütend. An diesem Tag hatte ihr Herr Wullschleger wieder eine Strafarbeit aufgebrummt. Und nur weil sie zum dritten Mal ihr Lesebuch zu Hause vergessen hatte. Das Lesebuch hatte nämlich einen grünen Einband, und wenn man's aufklappte und umgekehrt auf den Boden stellte, verwandelte es sich in einen kleinen Tunnel, durch den die Familie Gygax fahren konnte. Das waren Figürchen, die Anna selber aus Stoff- und Holzresten gebastelt hatte. Mit ihnen spielte sie fast jeden Abend.

Die Eisenbahnreise begann jeweils bei der Kommode, das heißt beim Bahnhof Madagaskar. Sie führte quer über den Teppich, um Stuhl- und Tischbeine herum und endete im Urwald unter dem Fenster, wo Efeuranken und Palmenwedel die Hitze milderten. Herr Gygax begann nach der Teppich-Überquerung immer furchtbar zu schwitzen und seine sechs Kinder mussten ihm mit einem roten Taschentuch den Schweiß von der Stirne wischen. Wenn sie durch den Tunnel fuhren, schrien die [8] Kinder vor Schreck und drückten sich aneinander und Herr Gygax redete beruhigend auf sie ein.

Das Lesebuch war also unentbehrlich, wenn die Familie Gygax verreisen wollte, und da Herr Gygax Prediger und Tierfänger war, geschah dies sehr häufig. Anna gab sich zwar alle Mühe, am Morgen nach einer solchen Reise daran zu denken, dass sie das Lesebuch in die Mappe packen musste; aber manchmal war sie noch so müde, dass sie's dummerweise vergaß.

Leider hatte Herr Wullschleger seine Prinzipien. Damit die Schüler lernten, an alles zu denken, was in der Schule wichtig war, heftete er eine Liste mit allen Namen an die Wand. Wer etwas zu Hause oder sonst wo vergessen hatte, bekam einen Strich, und bei drei Strichen gab's eine Strafarbeit. Anna hatte jetzt zum vierten Mal den dritten Strich. Und immer nur wegen des Lesebuches! Sie stellte sich vor, wie sie wieder eine halbe Stunde über einer stumpfsinnigen Sprachübung brüten würde.

Mit dieser Vergesslichkeit musste es endlich ein Ende haben! Wie nur? Sie hatte schon hundert Tricks ausprobiert, um sich ans Lesebuch zu erinnern. Der Knoten im Taschentuch nützte nichts, denn früh am Morgen musste sie sich kaum jemals schneuzen. Die Notiz auf dem Schreibtisch übersah sie sogar dann, wenn sie den dicken roten Filzstift [9] benutzt hatte. Und die Mutter? Sie ging eine Viertelstunde vor ihr aus dem Haus und konnte sie nicht ermahnen; außerdem war sie - wie Herr Wullschleger - der Meinung, dass ein zehnjähriges Mädchen gut genug auf sich selber aufpassen könne. Der Vater? Der lebte seit drei Jahren in einer anderen Stadt und kam auch nicht in Frage. Das Einfachste wäre natürlich gewesen, das Lesebuch bereits am Abend, vor dem Schlafengehen, mit den übrigen Schulsachen in die Mappe zu stecken. Doch auch das ging nicht, denn das jüngste der sechs Gygax-Kinder konnte nicht einschlafen, wenn sich in seiner Umgebung etwas verändert hatte, und manchmal wollte es unbedingt in einem Zelt übernachten und dann verwandelte sich der Tunnel eben in ein Zelt und es war noch viel weniger möglich, das Lesebuch einzupacken.

Ich muss ein zweites Lesebuch haben, dachte Anna, eines mit dem gleichen grasgrünen Einband; dann bleibt immer eines in der Schule und das andere in meinem Zimmer! Aber auf welche Weise kam sie zu diesem zweiten Buch? Konnte sie's kaufen? Bücher waren teuer; da würde Annas Taschengeld wohl nicht ausreichen. Wie konnte man überhaupt Lesebücher kaufen? Auf den Gestellen vor den großen Kiosken gab's nur rote und blaue [10] Kriminalromane und in der richtigen Buchhandlung, wohin sie mit ihrer Mutter ab und zu ging, hatte sie noch kein einziges Schulbuch gesehen.

Anna blieb allein im Klassenzimmer zurück an diesem Tag; auch Herr Wullschleger, der ihr noch die Strafarbeit erklärt hatte, war schon gegangen. Er hätte sicher gewusst, wo's Lesebücher zu kaufen gab. Aber Ann

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