text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Das dunkle Herz Roman von Hainer, Lukas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2018
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
12,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Das dunkle Herz

Während einer Gedenkfeier für ihren verschwundenen Bruder wird Anna schwarz vor Augen, und sie erwacht am Rande einer verlassenen Wüstenstadt. Als alle Versuche scheitern, Kontakt zu ihren Eltern aufzunehmen, sucht sie in der Stadt nach Antworten und stößt auf weitere Ankömmlinge, unter ihnen der junge Nick. Bald entbrennt ein Kampf ums Überleben, sowohl mit ihrer unwirtlichen Umgebung als auch unter den Gestrandeten selbst. Während die Spannungen eskalieren und es sogar zu Toten kommt, findet Anna plötzlich Hinweise auf ihren Bruder - ist es möglich, dass er noch lebt? Als sie der Spur folgen, stoßen Nick und sie auf ein furchtbares Geheimnis, das dieser Ort und seine Bewohner hüten: das dunkle Herz. Und plötzlich geht es um weit mehr als nur um ihr eigenes Schicksal. Lukas Hainer ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Songtexter. In Zusammenarbeit mit der Band "Santiano" startete er 2017 seine Kinderbuchreihe "König der Piraten", zu der ein Hör-Musical mit der Band und mehrere Hörbücher erschienen sind. "Das dunkle Herz" ist der erste Jugendroman des Autors, der nach Lebensabschnitten in Brasilien und Norddeutschland derzeit wieder in seinem Geburtsort München lebt. Gemeinsam mit seiner Familie genießt er dort von ganzem Herzen die Freiheit, jeden Tag an seinen Geschichten und Songs arbeiten zu dürfen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 01.03.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492990769
    Verlag: Piper
    Größe: 737 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Das dunkle Herz

Trauerglocken

"Zum heutigen Gottesdienst erinnern wir uns auch an einen Jungen, der vor zehn Jahren von uns gegangen ist." Der Pfarrer hatte nach seiner Predigt vor dem Altar Stellung bezogen.

Anna fand nicht, dass es etwas Besonderes war, wenn sie heute an den Jungen dachten, der ihr Bruder gewesen war. Sie konnte sich an keinen Tag in den letzten zehn Jahren erinnern, an dem sie nicht an ihn gedacht hatten. Sein Schatten lag in ihrem Elternhaus über jeder gemeinsamen Mahlzeit. Er lag in den Sorgenfalten ihrer Mutter und sein Name schien noch immer auf der Tür zu dem leeren Zimmer im Haus zu prangen, auch wenn die Buchstaben dort schon lange nicht mehr hingen:

"Ben", der Junge, der von uns gegangen ist.

"Familie Engel schickt ihre Gedanken und Fürbitten zum Heiligen Vater. Wir beten gemeinsam mit den Eltern Susanne und Frank und mit der Schwester Anna für die Seele des kleinen Ben."

Der Pfarrer suchte Blickkontakt mit Annas Mutter, und diese trat aus der Kirchenbank und machte sich auf den Weg nach vorne. Es war bis ins kleinste Detail dieselbe Szene wie im Jahr davor und davor und davor. Anna hätte wetten können, dass es auch an Bens Beerdigung so abgelaufen war, aber daran konnte sie sich nicht erinnern. Sie war vor zehn Jahren immerhin erst vier gewesen. Annas Mutter hatte vermutlich dasselbe schwarze Leinenhemd und die schwarze Hose getragen und war ebenso von einem Pfarrer nach vorne gebeten worden. Nur war sie dann wohl nicht an der Osterkerze, sondern an einem kleinen, leeren Sarg vorbeigelaufen.

Die meisten würden einen Sarg mit einem Kind darin vermutlich für schlimmer halten als einen leeren. Aber Anna wusste, dass ihre Eltern alles, was passiert war, weitaus besser verkraftet hätten, wenn sie Ben damals tatsächlich hätten beerdigen können.

"Danke", sagte Annas Mutter mit brüchiger Stimme am Lesepult. Sie legte einen kleinen Zettel darauf und begann.

"Heute ist es zehn Jahre her, dass wir unseren Sohn Ben verloren haben. Meiner Familie und mir fällt es immer noch schwer, es bei unserem Abschied von ihm zu belassen." Mit einer zittrigen Bewegung strich sie sich eine Strähne aus der Stirn. Anna hatte ihr volles Haar geerbt, doch bei ihrer Mutter wirkte es inzwischen matt und kraftlos. "Selbst nach all der Zeit suche ich ihn manchmal noch unter den Kindern, die von der Grundschule nach Hause gehen, obwohl er jetzt schon siebzehn Jahre alt wäre und vielleicht sein Abitur gemacht hätte."

Sie musste eine Pause machen und kämpfte sichtlich mit den Tränen. Anna senkte den Blick, auch wenn es traurige Gewohnheit geworden war, ihre Mutter so zu sehen. Alles, was sie sagte, hatte Anna so oder so ähnlich schon zigmal gehört. Sie stellte sich vor, ihre Mutter spräche dort vorn über sie, und ihr großer Bruder säße hier an ihrer Stelle. Würde er weinen? Mit Sicherheit hätte er sich besser an Anna erinnern können als umgekehrt, denn die meisten Bilder in ihrem Kopf stammten aus alten Videos ihrer Eltern.

Auf einem davon war sie erst knapp zwei, wackelte ständig vergnügt quietschend hinter ihrem fünfjährigen Bruder her und rief: "Bem, Bem!", während dieser sich von ihr fangen ließ. Sie hatte keine eigene Erinnerung an die Szene, kannte sie nur aus der Kameraperspektive ihrer Mutter. "Bem" hatte sie ihn noch bis zu seinem Verschwinden manchmal genannt, zwei Jahre später. Ob ihr Bruder tatsächlich nicht mehr lebte? Oder gab es doch irgendwo den mittlerweile siebzehnjährigen Jungen, von dem ihre Mutter sprach?

"Bis heute fällt es uns nicht leicht, damit zu leben", fuhr diese am Pult fort. "Jeden Tag frage ich mich, ob ich an irgendetwas nicht gedacht habe. Ob es noch einen Hinweis gibt, den man verfolgen könnte, oder ob man erneut einen Aufruf starten sollte. Ich weiß nicht, wie wir mit der Situation jemals hätten umgehen sollen, ohne den vielen Rückhalt, gerade hier in der Gemeinde. Dafür möchten wir euch heute noch einmal danken."

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen