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Dunkelrote Erde von Schrefer, Eliot (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.04.2014
  • Verlag: Carlsen
eBook (ePUB)
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Dunkelrote Erde

Wie immer verbringt Sophie die Ferien bei ihrer Mutter im Kongo. Kaum ist die 14-Jährige in Kinshasa angekommen, kauft sie einem Straßenhändler ein niedliches Bonobo-Baby ab und nennt es Otto. Es ist krank und braucht unbedingt Fürsorge und Pflege. Dass ihre Mutter ihr deswegen Vorwürfe macht, ist schnell schon nicht mehr Sophies einziges Problem. Rebellen haben die Regierung gestürzt, das Land befindet sich im Krieg und die UN will alle Ausländer ausfliegen. Doch Tiere dürfen nicht mit. Weil ihre Mutter unterwegs ist, trifft Sophie eine folgenschwere Entscheidung: Sie bleibt. Denn sie kann Otto nicht verlassen. Eine gefahrvolle Odyssee beginnt. Eliot Schrefer hat in Harvard studiert und anschließend für zahlreiche Zeitungen geschrieben, darunter The Huffington Post und USA today . Mit seinem Roman "Dunkelrote Erde" wurde er für den National Book Award 2012 nominiert. Wenn er nicht gerade Bonobos im Kongo besucht, lebt er in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 24.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783646925043
    Verlag: Carlsen
    Größe: 1324 kBytes
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Dunkelrote Erde

Es ist schwer vorstellbar, aber Beton kann tatsächlich verrotten: Erst verfärbt er sich grünlich, dann wird er schwarz und schließlich zerbröckelt er.

Doch das weiß kaum jemand. Das wissen wohl nur die Kongolesen.

Es gab eine Zeit, da sind auch mir solche Sachen nicht aufgefallen. Als kleines Kind habe ich im Kongo einfach nur die üppige, immergrüne, kraftstrotzende Natur wahrgenommen. Und diesen Wahnsinnshimmel, über den die Vögel leuchtend bunte Streifen zogen. Mit acht Jahren bin ich dann mit Dad in die USA gezogen. Seitdem besuchte ich meine Mutter nur in den Sommerferien, und jedes Mal kam es mir so vor, als würde ich ins Nirgendwo reisen – oder genauer: auf die gefährliche, feucht-schwüle Rückseite des Nirgendwo. Der Brunnen im Zentrum von Kinshasa, den ich früher für ein richtiges Prunkstück, ein architektonisches Meisterwerk hielt, sah für mich auf einmal nur noch aus wie eine alte Suppenschüssel. Mit massenhaft Einschusslöchern drin. Und niemand, den ich fragte, konnte sich daran erinnern, wer die dort reingeballert hatte. Wenn man näher heranging, sah man, dass die Löcher sich teilweise überschnitten, so viele waren es. Das ist die Demokratische Republik Kongo: Dort haben sogar die Einschusslöcher noch Einschusslöcher.

Die Hauptstadt Kinshasa hat rund zehn Millionen Einwohner, aber nur zwei geteerte Straßen und so gut wie keine Ampeln. Es ist ziemlich aussichtlos, auf den chaotischen, ständig überfüllten Straßen schnell irgendwohin zu kommen. Und deshalb steckten wir auch sofort im Verkehr fest, als der Fahrer vom Haus meiner Mutter losfuhr, um mich zu ihrem Arbeitsplatz zu bringen. Wegen einer Straßensperre kamen wir nur zentimeterweise voran. Dass die Polizei die Straße abriegelt, ist nicht gerade an der Tagesordnung, aber auch keine Seltenheit. Einige der Polizisten auf Kinshasas Straßen sind echt, andere sind irgendwelche Typen in gestohlenen Uniformen, die versuchen Bestechungsgelder abzugreifen. Absolut unmöglich, die echten von den unechten zu unterscheiden. Aber letztlich ist es auch egal, denn in beiden Fällen gelten dieselben Verhaltensregeln: Motor anlassen, Ausweis gegen die Windschutzscheibe halten, keinesfalls das Fenster runterkurbeln und erst recht nicht aussteigen, wenn man aufgefordert wird mitzukommen.

Auch jetzt näherte sich jedem Auto, das abbremste, ein Mann. Allerdings sah er nicht nach einem falschen Polizisten aus, sondern eher nach einem ganz normalen Bettler. Dann sah ich, dass er irgendein kleines Tier hinter sich herzog. Ich kletterte auf den Vordersitz, um besser gucken zu können.

Es war ein Affenjunges. Sobald der Mann neben einem Auto stand, riss er das Äffchen hoch, das wie auf Knopfdruck ein breites Grinsen aufsetzte und mit den Füßchen strampelte. Obwohl der Mann stark humpelte, war er erstaunlich flink, er hatte eine ganz eigene Art, seinen schorfigen Klumpfuß vorwärtszuschwenken. Hinter dem Typen stand ein rostiges Fahrrad, auf dessen Gepäckträger eine Holzkiste geschnallt war, wahrscheinlich zum Transportieren des Affen.

Ich hatte an diesem Morgen bereits unzählige leidende Tiere gesehen: Graupapageien am Straßenrand, die so eng in ihren Käfigen zusammengepfercht waren, dass die bereits verendeten Vögel genauso aufrecht dastanden wie die noch lebenden; eine verkrüppelte Hündin, die mit ihrem bloßliegenden Hüftknochen jaulend auf einem überfüllten Markt herumlief, umschwirrt von Fliegen; ein paar halb tote Kätzchen, die vom Gürtel eines Hausierers baumelten. Aber ich hatte gelernt solche Bilder auszublenden. Anders ging es gar nicht in einer Stadt, in der man alle paar Kilometer einen Menschen am Straßenrand s

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