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Spiegelkind von Bronsky, Alina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.09.2012
  • Verlag: Arena Verlag
eBook (ePUB)

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Spiegelkind

Im Leben der 15jährigen Juli ist alles geregelt. Auffallen ist gefährlich, wer der Norm nicht entspricht, wird verfolgt. Doch dann verschwindet Julis Mutter plötzlich spurlos und der Vater zittert vor Angst. Nach und nach kommt Juli hinter das Geheimnis ihrer Familie: Ihre Mutter ist eine der wenigen Pheen, die wegen ihrer besonderen Fähigkeiten in der Gesellschaft der totalen Normalität gefürchtet und verachtet werden. Gehört auch Juli bald zu den Ausgestoßenen? Zusammen mit ihrer neuen Freundin Ksü und deren Bruder Ivan macht sie sich auf eine gefährliche Suche - nach der verschwundenen Mutter, der verbotenen Welt der Pheen und der Wahrheit über sich selbst.

Alina Bronsky, Jahrgang 1978, war Medizinstudentin, Werbetexterin und Redakteurin bei einer Tageszeitung, bis sie eines Tages ein Manuskript an drei Verlage schickte und auf Anhieb die Zusage bekam. Ihr Debüt 'Scherbenpark' gehörte zu den meist beachteten Debüts des Jahres 2008, wurde für diverse Preise nominiert, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, und für das Kino verfilmt. Ihr zweiter Roman 'Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche' stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Die Rechte an Bronskys Romanen wurden in mehr als 15 Länder verkauft, sie erscheinen unter anderem in den USA und Italien. 'Spiegelkind' und 'Spiegelriss' bezeichnet Alina Bronsky als ihre bisher persönlichsten Bücher. Foto © Bettina Fürst-Fastré

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 10.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783401801230
    Verlag: Arena Verlag
    Serie: Spiegel-Trilogie Bd.1
    Größe: 5736 kBytes
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Spiegelkind

Das Verschwinden

"Schau lieber nicht hin", sagte mein Vater und versperrte mir den Weg.

"Wieso?", fragte ich und versuchte, unter seinem linken Arm durchzuschlüpfen, mit dem er sich am Türpfosten abstützte. Es war mir fast gelungen, doch dann hielt er mich an der Kapuze fest.

"Jetzt lieber nicht."

"Aber wieso?" Ich schüttelte den Kopf, um mich aus seinem Griff zu befreien. Normalerweise berührte er mich gar nicht.

Mein Vater ließ die Kapuze los, legte mir dafür beide Hände auf die Schultern. Sie fühlten sich schwer an. Mein Vater war dünn und hochgewachsen, kein kräftiger Mann, eher der Typ Trauerweide. Jetzt bückte er sich zu mir runter, um mir in die Augen zu schauen. Ich starrte zurück. Er sah wieder weg.

"Was soll das alles?" Ich schüttelte seine Hände ab. "Was tust du überhaupt hier?"

"Juli", sagte er, diesmal ohne mich anzusehen. "Ich muss dir etwas sagen."

Das hatte ich mir schon gedacht, so merkwürdig, wie er sich verhielt. Außerdem hatte er hier an diesem Tag gar nichts zu suchen. In dieser Woche war meine Mutter dran. Mein Vater sollte in ihrer Zeit nicht auftauchen und umgekehrt auch. Das war eine Vereinbarung, die von ihren Anwälten ausgehandelt und von meinen Eltern im Gerichtssaal unterschrieben worden war.

Sie wurde nur im Notfall außer Kraft gesetzt.

Mein Herz schlug gegen meine Rippen, als hätte ich unseren Kanarienvogel Zero verschluckt. Ich riss mich zusammen, um mir meine aufsteigende Angst nicht anmerken zu lassen.

"Juli, mein Mädchen." Mein Vater sprach mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit. "Ich muss dir etwas sagen. Es ist etwas Schlimmes passiert."

Ich riss mich los und schoss an ihm vorbei ins Innere des Hauses.

Ich rannte durch den Flur, der dunkel war, weil alle Türen geschlossen waren. Ich konnte kaum etwas sehen. Draußen hatte grell die Sonne geschienen. Ich stolperte geblendet über die Schuhe, die meine Geschwister Jaro und Kassie abgeworfen und mitten im Weg liegen gelassen hatten. In den Wochen mit meiner Mutter lagen die Dinge einfach rum. In den Wochen meines Vaters standen alle Schuhe im Schuhschrank, alle Tassen im Küchenschrank, mit den Henkeln in die gleiche Richtung gedreht, und alle Zeitungen steckten nach Datum sortiert im Zeitungsständer.

Ich riss die Wohnzimmertür auf.

Dieses Chaos hätte selbst meine Mutter mit uns drei Geschwistern zusammen nicht anrichten können.

Die Zeitungen bedeckten im wirren Durcheinander den Boden. Die Blumentöpfe waren alle umgeworfen, dazwischen lag verstreute Erde, die Stängel der Pflanzen waren abgebrochen und einzelne Blütenblätter flogen umher, was dem Raum eine unpassende Festlichkeit verlieh. Jemand hatte die Bücher aus den Regalen gerissen und die Schubladen aus ihren Verankerungen. Die Tür von Zeros Käfig stand offen. Der Käfig war leer, nur eine einzige gelbe Feder klebte am Gitter und flatterte im Luftzug.

Ich drückte den Rücken gegen den Türpfosten, rutschte langsam herunter und biss mir vor Aufregung in die Hand. Einbrecher. Bei uns war eingebrochen worden.

Mein Vater kam rein und hockte sich neben mich.

"Du solltest so etwas Schreckliches nicht sehen", sagte er.

Ich sah ihn an und er wich zurück.

Keine Ahnung, wann genau es angefangen hatte, aber irgendwas zwischen uns lief nicht mehr so gut wie früher. Als ich klein war, hatte ich meinen Vater unglaublich bewundert. Später hatte ich ihn einfach nur geliebt und irgendwann hatte ich mich dabei ertappt, dass ich ihn bemitleidete. Es hatte ihn ziemlich umgehauen, als meine Mutter beschlossen hatte, ihn zu verlassen.

Nach der Trennung brach er schon mal am Frühstückstisch in Tränen aus, völlig unvermittelt, während meine Geschwister und ich den Blick verlegen auf unsere Vollkorncroissants senkten. Er erzählte sogar den Nachbarn auf der Straße, wie schlecht es ihm und uns allen ginge und wie schrecklich sich unsere Mutter verhalten h

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