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Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. Und wie du dein Leben selbst bestimmen kannst. von Nützel, Nikolaus (eBook)

  • Verlag: cbj Kinder- & Jugendbücher
eBook (ePUB)
6,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Online verfügbar

Ihr schafft mich!

Wir sind doch alle Individualisten! Oder etwa nicht? Warum essen wir Scampis, aber keine Maikäfer? Warum tragen wir im Supermarkt keinen Bikini, am Strand aber schon? Und warum gehen wir in die Schule, obwohl wir gar keine Lust haben? Regeln, Normen und Gesetze haben uns fest im Griff. Aber wie kommen diese Normen eigentlich in unseren Kopf? Und was ist überhaupt "normal"? Anhand anschaulicher Beispiele erklärt Nikolaus Nützel, wie unsere Gesellschaft funktioniert - und wie wichtig es ist, dass die Jungen auch mal gegen den Strom der Alten schwimmen, Regeln hinterfragen und das Undenkbare denkbar machen. - Eine Analyse unserer Gesellschaft - geistreich und unterhaltsam - Mit Cartoons von Rattelschneck, bekannt aus FAZ, Süddeutsche und DIE ZEIT - Mit spannenden Themenkästen und einem Glossar der Fachbegriffe Nikolaus Nützel, gelernter Dolmetscher, Diplom-Journalist und Romanist, arbeitet als freier Journalist vor allem für den Bayerischen Rundfunk. Daneben schreibt er Sachbücher für Jugendliche, die unter anderem zweimal als 'Bestes Junior-Wissensbuch' des österreichischen Wissenschaftsministeriums ausgezeichnet wurden. "Sprache oder Was den Mensch zum Menschen macht" war zudem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und erhielt den "Luchs" von Radio Bremen und DIE ZEIT.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641095727
    Verlag: cbj Kinder- & Jugendbücher
    Größe: 2089 kBytes
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Ihr schafft mich!

Kapitel Zwei

Wir sind alle völlig verschieden! Ich nicht.

Was das Äußere mit mir zu tun hat. Was Nacktsein mit Normen zu tun hat. Wie sich Normen ändern. Und was das alles mit Autonomie zu tun hat.

Wir sehen es an Jana und ihrer Verkleidung als Hexe der Dimensionen: Cosplayer sind nur Cosplayer, wenn sie nicht allein sind. Nur dann gelten sie nicht als Spinner. Auch der 50-jährige Bankberater, der von Montag bis Freitag im Anzug herumläuft, ist nicht verrückt. Deshalb legt er diesen Anzug lieber ab, wenn er seine 16-jährige Tochter zum Revival-Konzert von Take That oder seinen 15-jährigen Sohn zu einem Konzert der Alt-Punkrocker von Greenday begleitet. Sakko und Krawatte auf dem Boulevard of broken dreams? Geht gar nicht.

Wenn es dem Banker aber eines Tages gelingt, auch seinen Sohn zu überreden, dass er sich um eine Banklehre bewirbt, dann wird der 50-Jährige dem jungen Mann wiederum raten, auf dem Bewerbungsfoto das Augenbrauen-Piercing herauszunehmen. Und aufs Färben der Haare vorher zu verzichten.

Was die richtige Kleidung ist, hängt also von der Situation ab. Das kann so weit gehen, dass die richtige Kleidung gar keine Kleidung ist. Am Nacktbadestrand macht sich derjenige verdächtig, der etwas anhat, während alle anderen unbekleidet durch die Gegend laufen. Denn bei dem Nacktheits-Verweigerer liegt die Vermutung nahe, er könnte ein Spanner sein, der selbst nichts zeigen will. Auch Nacktsein kann also zur Kleidernorm werden. Und sogar mit der Norm des Nacktseins kann eines geschehen, was bei Normen gern mal passiert: Sie ändern sich. Und zwar rasant.

Nackt oder nicht nackt, das ist hier die Frage.

Ein Beispiel dafür ist Bayerns Landeshauptstadt München. Zu seinen Touristenattraktionen zählen nicht nur das Hofbräuhaus oder das Olympiastadion. Sondern auch die Nackerten . Sie gehören seit vielen Jahren zum größten Park der bayerischen Landeshauptstadt wie Weißbier und plätschernde Bachläufe. An diesen Freundinnen und Freunden der unbedeckten Haut lässt sich eines schön studieren: wie zügig sich das Verhalten von Menschen wandeln kann. Vor 50 Jahren wäre es auch in München undenkbar gewesen, dass massenhaft Menschen in aller Öffentlichkeit ihre Kleidung abstreifen. Dann kam die berühmt-berüchtigte 68er-Zeit. Freiheit hieß mit einem Mal auch: Freiheit vom Zwang, bekleidet zu sein.

Ziemlich schnell tummelten sich so viele nackte Männer und Frauen im Englischen Garten, dass die Behörden die Sache gar nicht mehr in den Griff bekommen hätten - wenn sie es denn versucht hätten. Münchens Nackerte wurden aber bald auch eine Touristenattraktion. Und solche Attraktionen sind wertvoll. Besonders wertvoll waren die Nackerten , weil anfangs auch viele junge Leute dabei waren. Mancher bekleidete Besucher des Englischen Gartens schaute sich ganz gern mal an, wie da 18- oder 20-jährige Frauen und Männer unbekleidet herumlagen oder vielleicht Federball oder Frisbee spielten. Das hat was, dachte sich der eine oder andere, der selbst nie die Kleider ablegen würde.

Allerdings hat die Sache irgendwann ihren Höhepunkt überschritten. Seitdem geht es bergab mit dem Nackertsein als Lebensgefühl. Schon im Jahr 2002 konnte man lesen, dass der Parkdirektor des Englischen Gartens in großer Sorge war. Denn die Zahl der Nackerten war schon zu diesem Zeitpunkt um gut 90 Prozent abgesackt, hatte er ausgerechnet. Gerade die jungen Leute seien nicht mehr bereit, sich auszuziehen, beklagte der Parkdirektor. Es gibt zwar keine aktuellen Nackten-Zählungen in München. Aber man darf vermuten, der Trend hat sich weiter fortgesetzt. Und wenn sich heute jemand im Englischen Garten nackt in die Sonne legt, dann sind es eher die 70-Jährigen als die 17-Jährigen. Von denen, die 1968 jung und nackt waren, sind auch heute noch einige nackt. Aber jung sind sie nicht mehr.

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