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Das Meer der Illusionen Kriminalroman. Havanna-Quartett 'Herbst' von Padura, Leonardo (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
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Das Meer der Illusionen

Havanna im Herbst 1989: Fischer entdecken am Strand eine Leiche. Wie sich herausstellt, war der Tote ein hoher Funktionär der kubanischen Regierung, bis er sich vor elf Jahren in die USA absetzte. Damals zuständig für die Enteignung der Bourgeoisie, hatte er sich viele Feinde geschaffen. Warum kehrte er nach Kuba zurück? Wollte er wirklich nur seinen schwer kranken Vater besuchen? Oder gab es einen anderen Grund? Im vierten Teil des Havanna-Quartetts begegnet Teniente Mario Conde abgehalfterten Funktionären und den alten Familien, die viel, aber längst nicht alles verloren haben. Während der Hurrikan Félix unbarmherzig auf Havanna zurast, fühlt Mario Conde, dass ein wichtiger Abschnitt seines Lebens zu Ende geht. Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen und im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Havanna.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293304826
    Verlag: Unionsverlag
    Serie: Metro Bd.4
    Originaltitel: Paisaje de otono
    Größe: 2900 kBytes
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Das Meer der Illusionen

1

K omm endlich!", rief er in einen friedlich gelangweilten Himmel, der noch mit einem trügerischen Blau aus der Herbstpalette gefärbt war. Mario Conde stand mit freiem Oberkörper und ausgebreiteten Armen auf der Dachterrasse und schrie seine Verzweiflung mit aller Kraft heraus, um seine Stimme auf Reisen zu schicken und zu beweisen, dass er überhaupt noch eine Stimme besaß, nachdem er drei Tage lang kein einziges Wort hervorgebracht hatte.

Seine von übermäßigem Zigaretten- und Alkoholgenuss geschundene Kehle nahm den Ausbruch mit Erleichterung zur Kenntnis, und sein Geist genoss den bescheidenen Akt der Befreiung, der sein Inneres so sehr in Aufruhr versetzte, dass er beinahe einen zweiten Schrei ausgestoßen hätte.

Wie der Matrose im Ausguck eines verlorenen Schiffes beobachtete El Conde den wolkenlosen und windstillen Himmel, in der absurden Hoffnung, sein erhöhter Aussichtsplatz ermögliche es ihm, am Horizont endlich die beiden bedrohlichen Markierungskreuze zu entdecken, deren Weg er seit einigen Tagen auf der Wetterkarte verfolgt hatte, während sie sich auf ihr angepeiltes Ziel zubewegten: auf die Stadt, das Viertel und eben diese Dachterrasse, von der aus er sie herbeirief.

Zunächst war es ein ferner Keil am Himmel gewesen, noch namenlos, ganz unten auf der Skala eines Tropentiefs, das von der Küste Afrikas heranzog und heiße Wolken für seinen Totentanz vor sich hertrieb. In zwei Tagen würde es in die Besorgnis erregende Kategorie eines Zyklons aufsteigen, inzwischen ein Giftpfeil über dem Atlantik, der seine Spitze auf das Karibische Meer richten und das Recht erworben haben würde, auf den Namen Félix getauft zu werden. In der vergangenen Nacht jedoch hatte das Tief, zu einem Hurrikan aufgeblasen, sich bereits über die Inselgruppe von Guadeloupe gelegt wie ein grotesker Haarwirbel, entfesselt durch die verheerende äolische Umarmung mit Windgeschwindigkeiten von zweihundert Kilometern pro Stunde, in der Absicht, Bäume zu entwurzeln und Häuser zu zerstören, jahrtausendealte Berggipfel und historische Flussläufe zu verändern, Tiere und Menschen zu töten. Wie ein Fluch aus einem heiteren Himmel, der immer noch verdächtig gelangweilt und friedlich aussah. Wie eine Frau, die es da-rauf abgesehen hat, einen Mann in den Wahnsinn zu treiben.

El Conde wusste aber, dass all diese Umwege und Täuschungsmanöver das Tief nicht von seiner Mission und von seinem Ziel abbringen würden. Seit er seinen Weg auf der Wetterkarte verfolgte, fühlte er sich ihm merkwürdig verbunden. Das Scheißtief kommt direkt auf mich zu, dachte er, während er beobachtete, wie es sich näherte und immer gewaltiger wurde. Irgendetwas in der Atmosphäre oder am Tief selbst - garniert mit Wetterleuchten, begleitet von Federwolken, Kumuluswolken, tief hängenden Regenwolken, Stratuswolken, die jedoch nicht in der Lage sind, sich in einen Hurrikan zu verwandeln - ließ ihn die Zwangsläufigkeit und die wirklichen Absichten der Regenmassen und außer Kontrolle geratenen Winde erahnen, die das kosmische Schicksal mit der deutlichen Absicht erschaffen hat, über genau diese Stadt hinwegzufegen, sie einer heiß ersehnten und notwendigen Reinigung zu unterziehen.

An jenem Abend war El Conde das tatenlose Warten leid, und er entschloss sich, den Wirbelsturm lautstark herbeizurufen. Ohne Hemd, die Hose nur halb zugeknöpft, die Batterien geladen mit Alkohol, der seine verborgensten Kräfte mobilisierte, stieg er durchs Fenster auf die Dachterrasse. Dort erwartete ihn ein angenehm warmer Herbstabend, an dem er beim besten Willen keinerlei Anzeichen für einen drohenden Zyklon entdecken konnte. Angesichts des trügerisch friedlichen Himmels vergaß er für einen Moment den Zweck seines Aufstiegs und ließ den Blick über das Viertel wandern, über all die Antennen, Taubenschläge, Wäscheleinen und Wassertanks, die ein schlichtes, ländlich anmutendes Alltagsleben widerspiegelten

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