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Das Nest der Schlangen Commissario Montalbano ringt um Fassung. Roman von Camilleri, Andrea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Das Nest der Schlangen

Ein heftiger Regenschauer reißt Commissario Montalbano aus einem wohligen Traum, in dem er mit seiner Verlobten Livia sorglos durch einen paradiesischen Wald wandelte. Auch im Kommissariat von Vigàta zeigt sich der Tag in aller Nüchternheit: Der angesehene Buchhalter Cosimo Barletta wurde tot in seiner Strandvilla aufgefunden. Die Ermittlungen lassen abgründige Familiengeheimnisse ahnen, und Montalbano fühlt sich schon bald an ein furioses Schlangennest erinnert ... Andrea Camilleri ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 269
    Erscheinungsdatum: 31.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732563357
    Verlag: Bastei Lübbe AG
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Das Nest der Schlangen

Eins

Salvo und Livia waren in einem dichten Wald, ohne dass sie wussten, warum und wieso. Ein von Menschen unberührter Wald, daran gab es keinen Zweifel, zumal sie ein paar Meter vorher an einem Baum ein Holzschild mit Brandgravur entdeckt hatten, das ihn als Naturwald auswies. Sie waren nackt wie Adam und Eva, nur ihre sogenannte Scham - die, wenn man es genau bedachte, nichts Beschämendes hatte - war mit dem klassischen Feigenblatt bedeckt, das sie für einen Euro pro Stück am Eingang erstanden hatten. Die Feigenblätter waren aus Plastik, ziemlich hart und unangenehm. Noch lästiger aber war das Barfußgehen.

Je weiter Montalbano in den Wald hineingeriet, desto mehr wuchs seine Überzeugung, schon einmal dort gewesen zu sein. Aber wann? Die Erklärung lieferte ihm der Kopf eines Löwen, der zwischen zwei Riesenfarnen hervorlugte.

"Weißt du, wo wir hier sind, Livia?"

"Ja, weiß ich, in einem Naturwald. Stand ja auf dem Schild."

"Aber der Wald ist gemalt!"

"Wie, gemalt?"

"Wir sind im Traum der Yadwiga , dem berühmten Gemälde des Zöllners Rousseau!"

"Spinnst du?"

"Du wirst schon sehen, dass ich recht habe. Gleich müssten wir Yadwiga begegnen."

"Woher kennst du diese Frau?", fragte Livia argwöhnisch.

Und tatsächlich, kurze Zeit später stießen sie auf Yadwiga, die nackt, wie sie war, auf dem Sofa liegen blieb, als sie die beiden kommen sah. Sie legte den Zeigefinger auf den Mund zum Zeichen, dass sie schweigen sollten. Dann sagte sie:

"Gleich fängt es an."

Eine Nachtigall ließ sich auf einem Ast nieder, machte eine Art Verbeugung vor den Gästen und begann, Il cielo in una stanza zu singen.

Die Nachtigall sang ausgezeichnet, es war ein Hochgenuss, mit Modulationen, die selbst Mina kaum hinbekommen hätte. Der Vogel improvisierte, das war klar, aber er improvisierte mit wahrhaft künstlerischer Phantasie.

Plötzlich gab es einen Schlag, gefolgt von einem zweiten und einem dritten, noch lauteren, und Montalbano fuhr aus dem Schlaf hoch.

Er fluchte, aber bald wurde ihm klar, dass es heftig donnerte und blitzte. Es war eines jener schweren Gewitter, die das Ende des Sommers ankündigen.

Aber wie konnte es sein, dass er - mitten in diesem Krach und inzwischen hellwach - immer noch diesen Vogel Il cielo in una stanza singen hörte? Das war doch unmöglich.

Er schaute auf die Uhr. Halb sieben. Er ging zur Veranda, denn der Gesang schien von dort zu kommen. Aber es war kein Vogel, sondern ein Mensch, der singen konnte wie ein Vogel. Montalbano öffnete die Verandatür.

Am Boden kauerte ein schäbig gekleideter, etwa fünfzigjähriger Mann mit zerrissener Jacke, dem langen Bart eines Propheten und einem aschgrauen zotteligen Wuschelkopf. Er hatte eine große Tasche neben sich stehen. Ein Vagabund, soviel war klar.

Als er Montalbano sah, richtete er sich auf und fragte:

"Habe ich Sie geweckt? Entschuldigen Sie bitte. Ich habe Zuflucht vor dem Regen gesucht. Wenn ich Sie störe, verschwinde ich."

"Aber nein, bleiben Sie ruhig", sagte der Commissario.

Die Art, wie der Mann redete, verblüffte ihn. Es war nicht nur sein geschliffenes Italienisch, auch der kultivierte Tonfall beeindruckte den Commissario.

Weil es ihm schäbig vorkam, ihm die Verandatür vor der Nase zuzuschlagen, ließ er sie halb offen und ging in die Küche, um sich seinen Espresso zu kochen.

Er trank ein Tässchen, doch sofort bekam er ein schlechtes Gewissen. Er goss ein zweites Tässchen voll und trug es auf die Veranda hinaus.

"Für mich?", fragte der Mann verblüfft und stand auf.

"Ja."

"Danke! Vielen Dank!"

Beim Duschen ging dem Commissario durch den Kopf, dass der arme Kerl da draußen sich bestimmt schon lange nicht mehr gewaschen hatte. Als er fertig war, kehrte er auf die Veranda zurück. Es goss in Strömen

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