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Das Spiel des Poeten Commissario Montalbano liest zwischen den Zeilen von Camilleri, Andrea (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.05.2015
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Das Spiel des Poeten

Ein greises Geschwisterpaar in religiösem Wahn, das Schüsse abfeuert, sobald jemand sich der Wohnung nähert. Eine massakrierte Gummipuppe, die Rätsel aufgibt - umso mehr, als sich in einem anderen Viertel Vigàtas eine zweite Puppe mit denselben Blessuren findet. Anonyme Botschaften in Reimform, die im Kommissariat eingehen. Commissario Montalbano ahnt schon bald, dass ein weit zurückliegender Fall erneut ans Tageslicht gerückt ist: das mysteriöse Verschwinden eines Mädchens, dessen Leiche nie gefunden wurde ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 270
    Erscheinungsdatum: 15.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732505999
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: La caccia al tesoro
    Größe: 2106 kBytes
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Das Spiel des Poeten

Eins

Gregorio Palmisano und seine Schwester Caterina waren seit ihrer frühesten Jugend eifrige Kirchgänger, das wusste jeder in der Stadt. Sie versäumten weder die Morgen- noch die Abendandacht, keine Messe und keine Vesper, und manchmal gingen sie auch ohne besonderen Anlass in die Kirche, einfach nur weil sie Lust dazu hatten. Der zarte Weihrauchduft, der nach der Messe in der Luft lag, und der Geruch von Kerzenwachs waren für die Palmisanos verführerischer als das Aroma von Hackfleischsauce für jemanden, der seit zwei Wochen nichts gegessen hat.

An ihrem Stammplatz in der vordersten Bank knieten sie im Gebet, ohne allerdings den Kopf zu senken. Ihre Blicke galten aber weder dem großen Kruzifix über dem Hauptaltar noch der schmerzensreichen Mutter Jesu am Fuß des Kreuzes. Vielmehr hielten sie sie auf den Pfarrer gerichtet und verfolgten aufmerksam jede seiner Bewegungen: wie er das Evangeliar umblätterte, den Segen spendete, beim Dominus vobiscum die Arme ausbreitete und mit dem Ite, missa est die Gemeinde entließ.

Am liebsten wären die beiden selbst an die Stelle des Priesters getreten, hätten sich Messgewand, Stola und Paramente übergeworfen, das Tabernakeltürchen geöffnet, den silbernen Kelch herausgenommen und die Kommunion an die Gläubigen ausgeteilt. Vor allem Caterina.

Als sie ihrer Mutter Matilde einmal verriet, was sie später werden wolle, hatte diese sie korrigiert:

"Du meinst, Nonne."

"Nein, Mama, Pfarrer."

"Ach! Und warum willst du Pfarrer werden und nicht Nonne?", hatte Signora Matilde belustigt gefragt.

"Weil der Pfarrer die Messe liest und die Nonne nicht."

Stattdessen mussten die beiden Kinder ihrem Vater in seinem Lebensmittelgroßhandel helfen, der sich über drei Lagerhallen erstreckte.

Nach dem Tod ihrer Eltern änderten Gregorio und Caterina das Sortiment. Statt mit Nudeln, Dosentomaten und Stockfisch handelten sie fortan mit Antiquitäten. Gregorio besorgte die Objekte, indem er die ältesten Kirchen der Umgebung und halbverfallene Wohnsitze verarmter Adliger abklapperte. Eines der drei Lager war bis unters Dach mit Kruzifixen aller Art gefüllt, angefangen bei kleinen Kreuzen, die man sich an einer Kette um den Hals hängen konnte, bis zu Wandkreuzen mit lebensgroßer Christusfigur. Es gab auch drei oder vier identische, schlichte Kreuze ohne Korpus, die riesig und sehr schwer waren und dazu bestimmt, bei der Karfreitagsprozession von einem Büßer auf der Schulter getragen zu werden, während finstere römische Zenturionen ihn mit Peitschenhieben traktierten.

Als Gregorio siebzig und Caterina achtundsechzig Jahre alt waren, verkauften sie die drei Lager, allerdings nicht ohne einen Teil der Waren eines Nachts in ihre Wohnung im obersten Stock eines Hauses neben dem Rathaus zu verfrachten. Die Wohnung verfügte über sechs geräumige Zimmer und eine nie genutzte Terrasse und war viel zu groß für zwei unverheiratete Geschwister, die nicht einmal Neffen oder Nichten hatten.

Von dem Moment an, da sie ohne Beschäftigung waren, verstärkten sich ihre religiösen Marotten. Sie verließen die Wohnung nur noch , um zur Kirche zu gehen, Seite an Seite, mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf und ohne einen Gruß zu erwidern. Danach verbarrikadierten sie sich wieder in ihrer Wohnung, deren Fensterläden stets geschlossen waren, als befänden sich die Bewohner in ewiger Trauer.

Die Einkäufe erledigte eine Frau, die seinerzeit die Lagerräume für sie gereinigt hatte. Sie durfte die Wohnung allerdings nie betreten, sondern holte morgens lediglich das Geld unter der Fußmatte hervor. An der Tür war mit einem Reißnagel ein Zettel befestigt, auf dem Caterina ihre Wünsche notiert hatte.

Die vollen Einkaufstüten stellte die Frau vor die Tür, klopfte und rief: "Der Einkauf!" Dann ging sie wieder. Die Geschwister besaßen keinen Fernseher, und als sie noch mit Antiquitäten handelten, hatte niemand si

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