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Der Nebel von gestern Mario Conde ermittelt in Havanna. Roman von Padura, Leonardo (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
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Der Nebel von gestern

Not macht erfinderisch. Auch Mario Conde, der sich als Antiquar durchs Leben schlägt - kein schlechtes Geschäft in Zeiten, in denen viele Kubaner ihre Bücher zu Geld machen müssen. Eines Tages stößt Conde auf eine außerordentlich wertvolle, seit vierzig Jahren vergessene Bibliothek. All seine Geldsorgen scheinen mit einem Schlag gelöst. Doch dann entdeckt er zwischen den bibliophilen Kostbarkeiten eine Zeitschrift aus den Fünfzigerjahren mit dem Porträt der Bolerosängerin Violeta del Río. Ihr Bild und die einzige Schallplatte, die sie vor ihrem rätselhaften Tod aufgenommen hat, verzaubern ihn. Er macht sich auf die Suche nach ihr und dringt vor in das Havanna von gestern, in die wilden Jahre der Boleros und der Mafia, aber auch in das zerfallende, melancholische Havanna der Gegenwart. Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen und im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Havanna.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 368
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293304840
    Verlag: Unionsverlag
    Serie: Metro
    Originaltitel: La neblina del ayer
    Größe: 3182 kBytes
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Der Nebel von gestern

2

W as zum Teufel tue ich hier? El Conde stand in der Kirchentür und atmete genüsslich die feuchte Luft ein, die durch das Mittelschiff des schlichten Sandsteingebäudes mit dem Ziegeldach wehte. Vor siebenundvierzig Jahren - in letzter Zeit zählte er die Jahre, und es wurden immer mehr - war er zum ersten Mal hier gewesen, um das Sakrament der Taufe zu empfangen. Vom Hauptaltar, vielleicht etwas zu diskret, schaute ihm das friedvolle Bild des Erzengels Rafael entgegen, mit dem rosig reinen Gesicht eines himmlischen Wesens, das gegen jede Unbill der Welt gefeit ist. Die Reihen der dunklen, zu dieser morgendlichen Stunde leeren Bänke standen im Kontrast zu dem Lärm der Straße und ihrem bunten Treiben, den Ölgebäck- und Kuchenverkäufern, den eiligen Passanten und Zeittotschlägern, den schon morgens grölenden Besoffenen, die in der Eckkneipe herumhingen, und den alten Leuten, die schicksalsergeben darauf warteten, dass die Cafeteria öffnete, um ihre leeren Mägen zu besänftigen.

In den letzten zehn, zwölf Jahren hatte El Conde die Kirche seines Viertels verdächtig oft besucht. Obwohl er nie an einer Messe teilnahm und nicht im Traum daran dachte, in einem Beichtstuhl niederzuknien, verschafften ihm die Minuten, in denen er sich in das leere Gotteshaus setzte, um einen klaren Kopf zu bekommen, ein Gefühl von Gelassenheit, das frei war von jeder mystischen Verzückung und jedem spirituellen Bedürfnis nach überirdischen Dingen. Ungeachtet ihrer eigentlichen Funktion, die El Conde nicht in Anspruch nahm - er betete nie, erbat nichts, denn er hatte alle Gebete vergessen und wusste auch nicht, an wen er sie hätte richten sollen -, war die Kirche für ihn so etwas wie ein Refugium geworden, wo die Zeit und das Leben den wilden Rhythmus des täglichen Überlebenskampfes verloren. Und obwohl er nicht an ein Jenseits glaubte, hatte er ein vages Gefühl, das er noch nicht zu deuten wusste und das zwar seinen unerschütterlichen Atheismus nicht beseitigen konnte, ihn aber nach und nach zu durchdringen begann und ihn unaufhaltsam zu jener Welt hinzog. Ihn beschlich die dunkle Ahnung, dass die Jahre mit ihren Enttäuschungen, die seiner Seele zu schaffen machten, ihn vielleicht doch noch in die Herde derjenigen treiben oder, besser gesagt, zurückführen würden, die Trost im Glauben finden. Der bloße Gedanke an diese Möglichkeit war ihm unbehaglich. Seinem tief verwurzelten Verständnis von Treue erschienen Bekehrte zuweilen so verachtenswert wie Abtrünnige oder Verräter, aber ein Wiederbekehrter kam ihm ganz besonders verabscheuungswürdig vor.

An jenem Morgen betrat El Conde die Kirche voller Erwartung. Heute war er nicht auf der Suche nach friedvoller Gelassenheit, sondern nach einer unwahrscheinlichen Antwort, die in keinerlei Zusammenhang mit den Geheimnissen des Überirdischen stand, sondern mit denen seiner eigenen Vergangenheit in der irdischsten aller möglichen Welten. Deswegen setzte er sich nicht unauffällig in eine der Bänke, sondern ging durch den Mittelgang direkt in die Sakristei, wo er wie erwartet die immer noch aufrechte, kräftige Gestalt des achtzigjährigen Pater Mendoza antraf, vor sich die im Buch der Apokalypse aufgeschlagene Bibel. Vielleicht suchte er gerade eine geeignete Stelle für die nächste Predigt.

"Guten Morgen, Hochwürden", sagte El Conde und trat ein.

"Und, ist es so weit?", fragte der Alte, ohne den Blick zu heben.

"Noch nicht."

"Warte nicht zu lange", warnte der Pfarrer.

"Worauf wollen wir uns denn nun einigen? Ist die Zeit des Herrn unendlich oder nicht?"

"Die des Herrn ja, aber deine nicht und meine auch nicht", fügte der Alte hinzu und sah Mario lächelnd an.

"Warum willst du mich unbedingt bekehren?", fragte El Conde.

"Weil du danach schreist. Du behauptest steif und fest, dass du nicht gläubig bist, dabei gehörst du zu denen, die ohne Glauben nicht leben können. Du m

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