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Die Brut der schönen Seele von Bastian, Horst (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.09.2015
  • Verlag: Das Neue Berlin
eBook (ePUB)
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Die Brut der schönen Seele

Ein heikler Fall für Carla Wall: Wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch wird die Kommissarin zu der 13-jährigen Antje ins Krankenhaus gerufen. Doch das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen ist schwer und es will die Identität des vermeintlichen Täters nicht preisgeben. Als trotz aller Sicherheitsmaßnahmen ein grauenvolles Verbrechen geschieht, fragt sich Carla Wall verzweifelt, was sie falsch gemacht hat. Neue Anhaltspunkte führen die Ermittlerin schließlich immer dichter an den Täter heran ...

Horst Bastian, geboren 1939 im deutsch besetzten Exin in Polen, kam 1945 mit seiner Familie nach Brandenburg. Der gelernte Maurer arbeitete ab 1959 als freischaffender Schriftsteller, Drehbuch- und Hörspielautor. 1965/66 studierte er am "Johannes R. Becher" Literaturinstitut in Leipzig. Bekannt war er vor allem für seine Krimis und Jugendliteratur, für die er 1984 mit dem Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur ausgezeichnet wurde. Horst Bastian starb 1986 in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 10.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783360501189
    Verlag: Das Neue Berlin
    Größe: 1688 kBytes
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Die Brut der schönen Seele

1

Er hatte fleischige Hände, und seine nikotingelben Finger, Hautläppchen blätternd, hatten mit kurzen und umso dickeren Spargeln viel Ähnlichkeit. Sonnenflecke - der Wind in den Buchen streuselte gleichsam das Licht - tanzten auf seinen massigen Armen, rutschten weg nach den Seiten: als wäre die schweißnasse Haut zu glitschig für sie. Überhaupt schwitzte der Mann und war massig. Er wirkte hineingepfropft in den Rollstuhl, schmerzhaft eingeklemmt, und manchmal leckte er nach den salzigen Rinnsalen um seinen Mund. Aber gleichmäßig wie die Pleuelstangen einer langsam fahrenden Lokomotive drückten seine Arme das rostige Gefährt über die sandigen, wurzeldurchäderten Wege des Parks. Wie kleine Radarschirme stellten sich seine Augen bald auf diese, bald auf jene Richtung ein, verweilten dann auf festen Punkten, schienen nicht eigentlich zu sehen, eher zu lauschen, Vorposten seiner Ohren zu sein. Alles an seinem Gesicht war den Ohren untergeordnet, ihnen zu Diensten: die sich blähenden Nasenflügel, das merkwürdig vibrierende Kinn, der leicht geöffnete Mund.

Ein Kuckuck rief. Auch andere Vögel hatten wahrscheinlich nur Liebe im Kopf oder sonst wo: Sie riefen und lockten sich. Es war eben Mai. Nicht schlecht bei den Vögeln, dachte der Mann, da sehen die Männchen nach etwas aus, Gefieder, Farben ...! Da kommen ihre Bräute nicht mit, bei den meisten Arten jedenfalls nicht. Logisch, dass die Weibchen auf so etwas fliegen, die Weiber ... naja. Auf einmal störte ihn das Gezwitscher ringsum, er fühlte sich verhöhnt. Gern hätte er jetzt ein solches gefiedertes Herrchen langsam in seiner Faust zerdrückt. Ganz langsam, wunderbar langsam, oh, das tut gut, ganz geil wird einem, man könnte sabbern vor Lust. Na, Freundchen, na, jetzt knirscht das Gerippe ..., pfui Deiwel, Mistvieh, du suppst!

Unwillkürlich machte er eine wegwerfende Bewegung mit der rechten Hand. Hinterher starrte er sie erschrocken an. Über sich selbst war er erschrocken. Kindlich-ratlos benagte er nun die Fingernägel. Aber viel zu benagen gab es nicht mehr; was nächtens wuchs, wurde am Tage ein Opfer der Zähne, seit über drei Jahrzehnten nun schon. Was sie ihn verspottet hatten deswegen, in der Schule bereits, und später die Mädchen ...! Und Pappi hatte ihm über die Finger gedroschen, mit dem Lineal oder was gerade griffbereit lag. Hatte derartig zugehauen, dass einmal zwei Finger gebrochen waren. Nur geholfen hatte es nicht. In Angst und Not musste er nagen, unbewusst längst. Und ohne Angst war er eigentlich nie. Nicht, wenn er sich unter Menschen bewegte. Und war er allein, so blieb doch die Angst, dass ihn unverhofft jemand erwischen könnte: schwitzend oder bei einem dummen Gesicht. Unter Gelächter duckte sich in ihm alles, nicht nur äußerlich duckte er sich. Dann war er in Not vor der Welt, weil sie kein Versteck für ihn hatte, Zeigefinger stattdessen: Ein Schwein glotzt intelligenter ins Uhrwerk. Ekelhaft, dieser Körpergeruch, möchte wissen, von wem er das hat ... Wenn dich eine Frau sieht - ein Märchen für sie: Von einem, der sich auszog, das Gruseln zu lehren ... In solchen Momenten begann er zu nagen, hielt sich mit den Zähnen irgendwie an sich selber fest. Hätte um sich schlagen können, gegen seine Eltern zuerst, dann gegen die kichernden Mädchen und Frauen, sie schinden, bis sie nach Hilfe verlangten, Hilfe brauchten: Seine Hilfe. Sein Streicheln. Seine zärtlichen Worte. Er war ja bereit dazu. Doch sie würden von ihm nichts wollen, er wusste es. Sein Streicheln erzeugte bei ihnen bestenfalls Gänsehaut, sie würden kreischen vor Entsetzen, gellend, gellend kreischen, immer nur kreischen ... So schlug er erst gar nicht um sich, so saß er lieber geduckt und benagte die Fingernägel, in den Augen ein Brennen: nicht geheuer die Menschen.

Sich selbst war er auch nicht geheuer - jetzt. Dieser scheußliche Gedanke mit dem zerquetschten Vogel ... Gern wäre er von sich abgerückt. Nein, es behagte ihm nicht, we

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