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Die Durchlässigkeit der Zeit Roman von Padura, Leonardo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.01.2019
  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
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Die Durchlässigkeit der Zeit

Bobby, ein alter Freund, taucht aus dem Nichts auf und bittet Mario Conde, ihm zu helfen: Die Schwarze Madonna wurde gestohlen. Sie ist nicht nur deshalb von unschätzbarem Wert, weil Bobbys Vorfahren sie aus den Pyrenäen nach Kuba gebracht haben, sondern auch, weil sie angeblich heilende Kräfte hat. Bobby verdächtigt seinen Ex-Freund, sie mitgenommen zu haben, doch Conde merkt bald, dass Bobby nicht so unschuldig ist, wie er anfangs gedacht hat. Seine Suche führt ihn zu gerissenen Kunsthändlern, in die Unterwelt Havannas und mitten hinein in eine Geschichte, in der Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen und im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Havanna.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 24.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293310025
    Verlag: Unionsverlag
    Originaltitel: La Transparencia del Tiempo
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Die Durchlässigkeit der Zeit

1

4. September 2014

D as blendend helle Licht des tropischen Morgens fiel wie der Lichtkegel eines Theaterscheinwerfers durchs Fenster auf den kartonierten Jahreskalender an der Wand. Die zwölf Monatsquadrate waren auf vier Farbfelder verteilt, die ursprünglich unterschiedliche Schattierungen vom jugendfrischen Frühlingsgrün zum winterlich angestaubten Grau aufgewiesen hatten. Bei diesem Farbenspiel war offensichtlich ein fantasiebegabter Grafiker am Werk gewesen, denn auf dieser karibischen Insel gab es schlichtweg keine vier Jahreszeiten. Im Laufe der Monate hatte Fliegenschiss den Kalender mit vereinzelten Pünktchen verziert, und die verblassten Farben zeugten davon, dass er täglich dem gleißenden Sonnenlicht ausgesetzt war. Striche und Kringel zeigten, dass er rege benutzt wurde. Bizarre geometrische Figuren an den Rändern und sogar direkt neben bestimmten Daten deuteten darauf hin, dass sich da jemand Erinnerungshilfen notiert hatte, um ja nicht etwas Wichtiges zu vergessen. Lauter Spuren der vergehenden Zeit und Hinweise auf Vergesslichkeit und ein langsam verkalkendes Gedächtnis.

Die Jahreszahl am oberen Kalenderrand war mit besonders vielen kryptischen Zeichen verziert worden, und der neunte Oktober war umwuchert von Zeichen der Verwunderung, mehr noch, der Bestürzung, so wütend unterstrichen mit schwarzer Kugelschreibertinte, dass diese wie Druckerschwärze wirkte und kaum von den Buchstaben und Zahlen auf dem Kalenderblatt zu unterscheiden war. Und neben diesen Zeichen der Verwunderung die magische Zahlenfolge, die ihm jetzt zum ersten Mal auffiel: 9-9-9.

Seit Beginn dieses trägen, trüben, zähflüssigen Jahres - wie überhaupt in seinem bisherigen Leben - hatte der sonst so geschichtsbewusste und erinnerungsbesessene Mario Conde kaum darüber nachgedacht, was solche Zäsuren in der sich beschleunigenden, dahinrasenden Zeit bedeuteten. Waren das Meilensteine seines eigenen Lebens und der Menschen um ihn herum? Geburtstage, Hochzeitstage und Jubiläen von allerlei denkwürdigen Ereignissen, die für andere ein Grund zum Feiern, Trauern oder einfach Innehalten zwischen Lebensabschnitten waren, vergaß er mit peinlicher Regelmäßigkeit. Doch die alarmierende Tatsache, dass zwischen den dreihundertfünfundsechzig auf diesem billigen Kalender verzeichneten Tagen der unvorstellbare, wenn auch bedrohlich endgültige, reale Tag auf der Lauer lag, an dem er sechzig Jahre alt werden würde, versetzte ihm einen bleibenden Schock. Er wurde immer heftiger, je näher der Stichtag kam: 9-9-9. Welch eine erdrückende Menge an Jahren, und dazu der obszöne Klang des Wortes: Sech-zig, sech-zig. Da platzte etwas, aus dem zischend Luft entwich, sechch-zzig! War das nicht eine endgültige Bestätigung dessen, was sein Körper ihm seit einiger Zeit vermeldete: eingerostete Knie, Lenden und Schultern; eine verfettete Leber; ein immer trägerer Penis? Und erst sein Geist: verkümmerte oder für immer verlorene Träume, Pläne, Wünsche. Das obszöne Nahen des Alters ...

Sinnend stand er vor dem an die Wand seines Zimmers geschlagenen Jahreskalender, dessen Einzelheiten vor ihm zerflossen wie eine verschwommene Landschaft. War er nun tatsächlich ein alter Mann? Er antwortete sich mit Gegenfragen: War sein Großvater Rufino mit sechzig Jahren nicht alt gewesen, als er ihn auf die Kampfplätze mitgenommen und in die Künste und Tricks des Hahnenkampfs eingeweiht hatte? Hatte man Hemingway nicht schon Jahre, bevor er sich - mit dreiundsechzig - umbrachte, "den Alten" genannt? Und war Trotzki nicht "der Alte" gewesen, als Ramón Mercader ihm in seinem zweiundsechzigsten Lebensjahr mit einem stalinistisch-proletarischen Eispickel den Schädel zertrümmerte? Doch Conde kannte seine Grenzen und wusste, dass ihn vieles von seinem pragmatischen Großvater und erst recht von Berühmtheiten wie Hemingway, Trotzki oder an

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