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Die Fliegerin oder Aufhebung einer stummen Legende Novelle von Schulz, Max Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.07.2012
  • Verlag: EDITION digital
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Die Fliegerin oder Aufhebung einer stummen Legende

Ljuba ist tot. Dass Hellriegel es durch Gitta, seine geschiedene Frau, erfährt, hat Ljuba selbst so gewollt. Und auch, dass er nach Moskau zu ihrem Begräbnis kommt, wo er Andrej, ihrem und seinem Sohn, begegnen wird. Drei Jahrzehnte sind vergangen. Doch was im Jahr 1944 an der bjelorussischen Front mit Hellriegel und Ljuba geschah, rückt plötzlich wieder sehr nah. Ein Tag, fast schon Legende, kettete sie auf Tod und Leben aneinander, zwang sie gemeinsam zum Widerstand, erzwang ihre Kraft, Trennendes zu überwinden. 'Mich interessiert die Möglichkeit des Menschseins mitten im Hass', sagt Max Walter Schulz. In seiner neuen Novelle gestaltet er die ungewöhnliche Liebe zwischen einer sowjetischen Fliegerin und einem einstigen faschistischen Soldaten, der sein Vaterland verliert und sich selber gewinnt. Welcher Anstrengung bedarf es für Gitta, die Bedeutung jenes einzigen fernen Tages im Leben Hellriegels zu verstehen, und welch langen Weges bedarf es für ihn, sich ganz zu befreien? Professor Dr. hc. Max Walter Schulz wurde am 31. Oktober 1921 in Scheibenberg/Erzgebirge geboren und ist am 15. November 1991 in Berlin verstorben. Von 1939 bis 1947 nahm er als Soldat am 2. Weltkrieg teil, anschließend amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 bis 1950 Pädagogikstudium in Leipzig, danach Lehrer. 1987 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Pädagogischen Hochschule Leipzig. 1957 bis 1958 Studium am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig, von 1964 bis 1983 Direktor dieses Instituts. 1969 bis 1990 Vizepräsident des Schriftstellerverbandes der DDR. Seit 1969 Mitglied der Akademie der Künste. 1983 bis 1990 Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form". Auszeichnungen: 1963: Literaturpreis des FDGB 1964, 1980 Nationalpreis der DDR 1978: Vaterländischer Verdienstorden Bibliografie: Wir sind nicht Staub im Wind, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1962 Stegreif und Sattel, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1967 Kontakte, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1970 Triptychon mit sieben Brücken, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1974 Das kleine Mädchen und der fliegende Fisch, Kinderbuchverlag, Berlin 1978 Pinocchio und kein Ende, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1978 Der Soldat und die Frau, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1978 Die Fliegerin oder Aufhebung einer stummen Legende, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1981 Auf Liebe stand Tod, Verlag Neues Leben, Berlin 1983

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 206
    Erscheinungsdatum: 12.07.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863946500
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1039 kBytes
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Die Fliegerin oder Aufhebung einer stummen Legende

Ich hielt mich seitlich hinter ihr. Wie beim Pilzesammeln. Die ersten Täublinge tellerten in der Nadelstreu. Nach der zweiten weg- und steglosen Stunde stießen wir auf eine Erdhütte. Wild oder Wind oder Regen hatte Löcher in ihr Heudach gefressen. Im Innern nichts als faulendes Laub und eine verrostete Kabeltrommel, der Nachlass eines Telefons. Ljuba hatte nur einen flüchtigen Blick durchs zerlöcherte Dach geworfen. Sie ging ohne Zaudern und Zögern. Sie ging einfach ihrer Nase nach. Sie ging, als wäre der weglose, steglose, hüglige Wald mit Pfeilen Richtung Heimat ausgeschildert. - Ihrer Heimat. Manchmal war mir, als hörte ich dürre Zweige knacken. Nicht unter ihrem Fuß, nicht unter meinem. Immer hinter mir. Der Wald ist eine Flüstertüte. Schon wieder. Ich dachte, es könnte ein Wolf sein. In den russischen Wäldern sollte es noch Wölfe geben. Gesehen hatte ich nie einen. Und wenn es hier Wölfe gab - hier war kein Kampfgebiet -, im Sommer sind die Wölfe satt. Ein Eichelhäher schrie. Er hatte auf unserem Weg schon oft geschrien. Eichelhäher schrein, wenn Leute durch den Wald gehn. Sie warnen das Getier. Werden wir sehen, werden wir leben. Einer von Vaters vielen Sprüchen. Also wollen wir mal sehen. Ich verhielt. Nichts. Keinen Laut. Aber grade eben hatte ich's doch erneut gehört. Das Knacken von dürren Reisern hinter mir. Wölfe sind gewieft. Der Wolf, der dich beschleicht, steht und duckt sich, wenn du stehen bleibst. Aber Wolf bleibt Wolf. Er hechelt. Mein Vater, der selber kein Waldmensch war, hatte mir weisgemacht, man müsste sich mit dem Rücken an einen gesunden Baum lehnen, wenn man im Wald ein feines Geräusch ausmachen will. Da hätte man die Resonanz des Holzes als Verstärker. Mein Vater übernahm sich auch mit seinen Weisheiten. Trotzdem setzte ich mich zwischen die Läuferwurzeln einer gesunden Fichte. Den Rücken am Stamm, die MPi, einstens dem Fahrer gehörig, schussbereit auf den Knien. Die schwarze Haube hatte ich längst weggeworfen. Wollte nicht vom Hals an aufwärts für einen Russen gehalten werden. Das feine Geräusch, das ich ausmachte, kam von den Schritten des Mädchens. Sie schaute sich nach mir um. Weil sie meine Schritte nicht mehr hörte. Sie sah mich sitzen. Ich sah, es gefiel ihr nicht, überhaupt nicht. Einen Augenblick wartete sie auf mich. Ich rührte mich nicht. Gehorsam aufstehen, weil ihre Blicke mich straften? Beinahe hätte ich ihr was gepfiffen: Ich bin ein freier Wildbretschütz und hab' ein weit Revier... Beinahe. Schubberte aber doch lieber das Kreuz an Borke und Stamm. Besser das Allerfeinste hören als pfeifen: ihre Gedanken, ihre Scheltworte. Vielleicht schwang in ihren Scheltworten noch der letzte Ton von jener ungeheuer vergangenen, großen, fröhlichen Gelassenheit. Von dem, was uns so findig und so entschlossen gemacht hatte. Reiß dich zusammen! schrie der Fichtenstamm. Keinen Ton gab der Fichtenstamm von sich. Eine Maschinenpistole belferte. Ljuba schrie. Schrie gellend. Es riss ihr die Ellbogen hoch. Sie stürzte nieder. Vornüber. Erst jetzt schrie der Fichtenstamm. Schrie unter der Kugelpeitsche, die ihn traf. Ein Tod, ein Teufel im Tarnanzug mit schwarzer Haube schlug mit der Kugelpeitsche zu. Beim Schlag der ersten Kugel war ich schon zur Seite gerollt. In Decke hinter einem andern Fichtenstamm. Eins lehrt der Krieg die aus Lebensangst Gelehrigen, wenn sie Glück haben: Die Dauer einer einzigen Sekunde, ein Mauseloch der Zeit in eine Schutzburg zu verwandeln. Werden wir sehen, werden wir leben. Werden wir leben, werden wir sehen. Ich sah und erkannte das Totenkopfgesicht des großen Denkers. Ich hörte ihn brüllen: "Komm raus, du krummes Geficke! Stirb wenigstens wie ein entlaufner Hund! Oder wir lassen dich deine Klöten fressen!" Er bluffte. Wollte mich glauben machen, ich wäre umstellt. Wäre ich umstellt gewesen, wäre ich längst erledigt. Ich regte mich nicht. Er konnte nicht mit Bestimmtheit wissen, ob er mich getroffen oder nicht

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