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Die Tote auf den Gleisen Authentische Kriminalfälle von Schulze, Eveline (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.09.2016
  • Verlag: Das Neue Berlin
eBook (ePUB)
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Die Tote auf den Gleisen

An einem trüben Novembermorgen 1954 findet ein Streckenläufer eine tote Frau bei Kilometer 1,3 unweit vom Görlitzer Bahnhof. Die Kriminalpolizei ermittelt und geht von einem Selbstmord aus. Der Gerichtsmediziner folgt dieser Annahme und nennt 'Suizid' als Todesursache. Allerdings: Warum ist das Zungenbein gebrochen? Auch in den beiden anderen Fällen geht es spannend zu: Ein junger Mann glaubt 1991, den Mord an seiner Freundin vertuschen zu können. Und Ende der 60er Jahre jagt die K in Görlitz einen Vergewaltiger, der es auf Frauen mit Brille abgesehen hat. Auch im siebten Band ihrer erfolgreichen Reihe authentischer Kriminalfälle schildert Eveline Schulze merkwürdige Verbrechen und aufregende Polizeiarbeit: spannend, eindringlich, detailreich. Eveline Schulze, geboren 1950, studierte Journalistik. In den 80er Jahren war sie bei der Kriminalpolizei Görlitz tätig. Sie legte mit 'Mordakte Angelika M.' (2007), 'Kindsmord' (2009), 'Liebesmord' (2010), 'Mord in der Backstube' (2012), 'Kindsleiche im Ofen' (2013) und 'Vaters Pistole' (2015) bereits sechs erfolgreiche Sammlungen authentischer Kriminalfälle vor.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 02.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783360501349
    Verlag: Das Neue Berlin
    Größe: 2869 kBytes
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Die Tote auf den Gleisen

Der Brillenreißer

Alles riecht nach Frühling. In der weitläufigen Grünanlage brechen die Krokusse durchs Gras, die Vögel zwitschern und auf den Bänken recken Rentner die Nasen in die wärmende Sonne. Es ist, als stimme sich die Natur auf ein langes, erholsames Wochenende ein. Ilona Schirmer und ihre Kolleginnen aus dem Zeichenbüro drehen ihre Mittagsrunde. Eigentlich hätten sie wie an allen Freitagen durchmachen, also auf die Pause verzichten wollen, um sich früher in den Feierabend verabschieden zu können. Doch der Abteilungsleiter war am Vormittag mit etlichen Papierrollen erschienen und hatte zähneknirschend erklärt: Mädels, das muss alles noch mal überarbeitet werden! Sie wussten, was das bedeutete. Seit anderthalb Jahren war der Samstag heilig, also arbeitsfrei, folglich blieben nur Überstunden. Nicht nur die technischen Zeichnerinnen aus dem VEB Waggonbau hatten sich inzwischen an das lange Wochenende gewöhnt, das im Sommer 1967 in der DDR eingeführt worden war. Damit ist das Land der erste und einzige Staat mit einem arbeitsfreien Samstag im gesamten Ostblock. Auch von der Bundesrepublik unterschied man sich darin. Dort fußte die Fünf-Tage-Woche auf einer freien, mithin theoretisch revidierbaren Vereinbarung zwischen Unternehmern und Gewerkschaften. In der DDR gab es die Verkürzung der Arbeitszeit auf 42 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich per Gesetz.

Damals, 1967, war ein ganzes Sozialpaket geschnürt worden: Verlängerung des Mindesturlaubs, Erhöhung der Mindestbruttolöhne, mehr Kindergeld und mehr Rente. Es ging spürbar aufwärts im Lande. Ilona und ihr Mann hatten begonnen, ihre Altbauwohnung auszubauen. Der Bauingenieur kannte die Wege, auf denen das stets rare Material zu bekommen war. Seit kurzem konnte sich Ilona in einer eigenen Badewanne aalen ... Und irgendwann würde sich auch der Nachwuchs einstellen.

Ilona leckt ihr Eis vom Stiel und blinzelt den Kolleginnen durch ihre dicken Gläser zu. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine extreme Sehschwäche, was sie aber nicht stört. Wenn man zeitlebens eine Brille trägt, wird diese irgendwann Teil von einem selbst. Sie gehört dazu wie Arme oder Beine. Üblicherweise hätte Ilona den Beruf, den sie ausübt - und das im Übrigen mit großer Befriedigung - gar nicht erlernen dürfen. Wer nicht richtig gucken kann, kann auch nicht Pilot oder Uhrmacher werden, hatte in der Schule einmal ein Lehrer zu ihr gesagt. Er wollte sie, pädagogisch wenig einfühlsam, auf ihre Zukunft vorbereiten, indem er meinte, ihr bewusst machen zu müssen, dass sie nicht jeden Beruf würde ergreifen können. Die offenherzige Ansage führte allerdings dazu, dass nun einige Klassenkameraden erstmals registrierten, was Ilona auf der Nase trug, und sie als Brillenschlange und blindes Huhn zu hänseln begannen. Das hatte ihren Ehrgeiz provoziert und ihr schließlich eine Lehrstelle im VEB Waggonbau eingebracht, die sie normalerweise nie hätte bekommen können. Doch Ilona hatte überzeugt, und nach aller Anerkennung, die sie am Arbeitsplatz seither erfährt, ist sie zweifellos eine der Besten im Zeichenbüro.

Die heutige Nacharbeit geht zwar auf Kosten der Mädchen, aber nicht auf deren Kappe. Die Zeichnungen waren mit den Maßen ausgefertigt worden, die sie vom sowjetischen Auftraggeber erhalten hatten. Doch der korrigierte zwischenzeitlich einige Angaben, welche einen ganzen Rattenschwanz an Veränderungen nach sich zogen. Es ist absehbar, dass es heute spät werden würde. Wie spät, konnte niemand sagen. Erst wenn der letzte Strich getan, ist Wochenende - damit am Montag die Frühschicht im Konstruktionsbüro mit den überarbeiteten Unterlagen in die neue Woche starten konnte.

Es ist bereits dunkel, als sich die Mädchen vor dem Betriebstor aus Backsteinen verabschieden und in verschiedene Richtungen davoneilen. Ilona muss in die Altstadt. Die Straßen sind wie ausgestorben, selten begegnen ihr Menschen. Die Laternen

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