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Dritte Haut von Sommer, Tobias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Septime
eBook (ePUB)
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Dritte Haut

Warum glaubt das Jugendamt, ich könne kein Hotel führen, nur weil die Ärzte behaupten, ich sei ein komplexer Fall? Warum glauben meine Betreuer, ich würde den Überblick verlieren, nur weil ich ab und zu die Zeit vergesse? Warum glaubt mein Vormund, ich könnte mich nicht um meine Gäste kümmern, nur weil ich ein Jagdgewehr besitze? Ich werde aus dieser Absteige ein Hotel machen, meine Gäste beobachten und ihre Geschichten auf meinem Arm tätowieren, bis ich den Barcode für mein Leben habe! Ich habe keine Zweifel - wäre da nicht der Junge, der meine Gedanken liest ... Tobias Sommers Ich-Erzähler ist ein geistig-behinderter Geschichtensammler, ein paranoider Einzelgänger, ein tötender Nicht-Vegetarier. Und er ist ein Hotelbesetzer. Während eines Integrationsprojektes übernimmt er ein verfallenes Hotel an der polnischen Grenze. Die wenigen Gäste, die nach einem Zimmer verlangen, siebt er nach einem komplexen Verfahren aus: Nur die Menschen, die ihm auf der Suche nach der Ursache seiner Krankheit helfen, dürfen bleiben. Das Herzstück seiner Suche sind die Geschichten seiner auserwählten Gäste. Geschichten über eine Lebensraumkünstlerin, über einen russischen Bierbrauer, über eine Terroristin aus dem Baskenland, über einen Jungen mit Mondgesicht, der von seiner eigenen Beerdigung berichtet. Für jede Geschichte tätowiert sich der Erzähler einen Strich auf seinen Unterarm - einen Barcode, der ihm vollständig eingescannt seine Identität entschlüsseln soll. Der Roman Dritte Haut skizziert Figuren, die uns fremd erscheinen, nicht zuletzt der Erzähler selbst, der von seiner Idee besessen mit einem Jagdgewehr in der Umgebung umherstreifen, doch je weiter er in den Hotelräumen und in den angrenzenden Wäldern vordringt, desto deutlicher wird: Die Figuren sind uns nicht fremd! Und sie rücken an uns heran, viel näher, als wir denken, wie eine zusätzliche Haut, die wir nicht wagen abzustreifen. Tobias Sommer wurde 1978 in Schleswig-Holstein geboren. Er veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und Gedichte in Anthologien und Einzelpublikationen. Seine Lyrik und Prosa wurde mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Die Berliner Literaturkritik bescheinigt seinen Texten 'Schönheit, Tiefe und Eleganz'. 2014 war Tobias Sommer für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061019
    Verlag: Septime
    Größe: 3854 kBytes
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Dritte Haut

ERSTE HAUT

U n b e w o h n b a r.

Als ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, der Hotelgast vor der Rezeption stand, den Schlüssel auf den Tresen warf und die Sauberkeit seines Zimmers anschaulich erläuterte, glaubte ich für einen Augenblick, es könnte die Antwort sein, die Erklärung, warum die Psychologen behaupten, ich sei ein komplexer Fall.

Komplex, eine zusammenhängende Gruppe von Vorstellungen, die ins Unterbewusstsein verdrängt worden ist und ständige Beunruhigung verursacht.

Es ist nicht mein Aussehen, der Umfang meiner Augen sprengt das Gleichgewicht in meinem Gesicht und die Ohren sind für einen Menschen, einen normalen Menschen, eindeutig zu groß. Ich bin komplex, Die drei Fragezeichen, Justus, Bob und Peter in einer Person, allerdings nicht so intelligent, Hänsel und Gretel, dem Ofen knapp entkommen, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Tolkiens Sméagol, Gut und Böse unzertrennbar vereint. Die Frage, warum ich ein komplexer Fall bin, bleibt ungelöst, die Standardantworten -

die fehlende Vaterfigur, eine schreckliche Kindheit, ein traumatisches Erlebnis oder die falschen Drogen - greifen nicht. Mein Vater war so präsent in meinem Leben wie die Privilegien, die man als Einzelkind einer gutbürgerlichen Familie hat, das Träumen mit offenen Augen ist meine einzige Abhängigkeit und Erlebnisse gab es in meiner Kindheit viele, aber interessant waren nur die Such-den-Hund-Plakate an den Wänden der Kinderarztpraxen. Ich entdeckte zwischen neunundneunzig Katzen das schwarz-weiß gepunktete Jagdhündchen, noch bevor die Ärzte ansatzweise begreifen konnten, warum ein Junge in nicht definierbaren Abständen die Zeit vergaß. Die Zeit vergessen - ein komischer Ausdruck für das, was ich getan habe. Ich bin komplex, weil ich unbewohnbar bin. Diese Antwort gefällt mir, aber sie kann nicht die Lösung sein. Nur die Folge.

Das Zimmer ist unbewohnbar, Hundertwasser hätte seine Freude gehabt , sagte der Gast, er kannte zumindest den Auslöser für seinen Wutausbruch: Schimmel. Ich hätte gerne gefragt, wer Hundertwasser sei, aber mir war es nicht erlaubt, Fragen zu stellen oder meine Meinung zu äußern. Ich musste zufrieden sein, endlich besaß ich eine Aufgabe, ich durfte Schokoladentäfelchen verteilen, Papierkörbe leeren, benutzte Handtücher waschen und Fliesen polieren, die Zimmer durfte ich nicht reinigen. Aber ich beobachtete die Zimmermädchen, sie unterhielten sich und scherzten, während sie mit ihren grazilen Bewegungen die Betten bezogen. Wenn man eine Aufgabe bekommt, ist man dankbar, meine Ärzte nannten es personenzentrierte Integration. Man ist jedoch noch dankbarer, wenn man einen Plan hat.
Nach drei Tagen wusste ich, was Konzeptkunst ist und war fortan mein eigener Chef, der Besitzer von einem Hundertwasserhotel. Es hat keine schrägen Mauern, keine Steinmosaike an den Badezimmerwänden, keine Bäume im Foyer, deshalb trägt es nur in meinem Kopf diesen Namen, aber ich bin mir sicher, tief in seinem Inneren ist es ein echter Hundertwasser.

Mein Aufenthalt in diesem Haus beträgt bei guter Führung maximal zwanzig Monate. Einmal in der Woche sende ich der zuständigen Jugendbehörde ein Musterschreiben, und kein Sachbearbeiter ahnt, dass der eigentliche Hotelbesitzer, der freundlicherweise geistig behinderte Menschen für seine Zwecke ausnutzt, um diesen eine Eingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen, mit seiner Familie auf unbestimmte Zeit verreist ist. Denn ich bin nur eine Nummer, der Barcode einer beliebigen Ware, ein Strich zu dick, eine Lücke zu groß, und das System streikt, die optoelek-tronisch lesbare Schrift verpufft zu einem Wirrwarr aus unverständlichen Zeichen. Ich rief das Sozialamt an, mit der Bitte, meinen Strichcode zu eliminieren, ich verwendete wirklich den Ausdruck eliminieren, ich sollte weniger fernsehen. Die Sachbearbeiterin schluckte, ich verstehe Sie nicht, Ihren Namen und die S

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