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Geisterchoral von Pfeiffer, Alexander (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.10.2016
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Geisterchoral

Filmvorführer Sänger steckt in Geldnot. Als ihn seine Exfreundin mit einer brisanten Suche beauftragt, zögert er nicht lange und begibt sich auf die Jagd nach einem entflohenen Häftling. Sie führt ihn auf verschlungenen Wegen durch ein geisterhaftes Wiesbaden, und Sänger ahnt nicht, dass er erst mit seiner eigenen Geschichte ins Reine kommen muss, um den heraufbeschworenen Geistern zu entkommen. Alexander Pfeiffer, geboren 1971 in Wiesbaden, arbeitet als freier Autor, Literaturveranstalter und Moderator. Neben Kurzgeschichten und einem Gedichtband veröffentlichte er drei Wiesbaden-Krimis; von 2010 bis 2012 gab er die Anthologiereihe 'KrimiKommunale' heraus. 2014 erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte 'Kurzkrimi' sowie ein Arbeitsstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst für seinen Roman 'Geisterchoral'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 19.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960411338
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 3189 kBytes
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Geisterchoral

1

Es war Mitternacht, es regnete. Sänger beschloss, dass es keinen Sinn machte, noch länger zu warten. Trocken würde er in dieser Nacht nicht mehr nach Hause kommen.

Er legte den Roman von James Sallis beiseite, in dem er gelesen hatte. Der Umschlag des Taschenbuchs war abgewetzt und zerknittert. Darauf war das Gesicht einer Frau zu sehen, liegend, im Profil. Die Augen geschlossen, schlafend möglicherweise. Oder tot. Die Konturen von Stirn, Nase und Kinn gelb angestrahlt von den leuchtenden Lettern des Buchtitels.

Sänger warf einen Blick aus dem Fenster, auf das im Laternenlicht glänzende Pflaster des Marktplatzes. Hinter ihm ruhten die beiden Fünfunddreißig-Millimeter-Projektoren wie schlafende Riesen im Dunkel seines kleinen Arbeitsraums. Oberhalb davon zogen die Abluftrohre eine silbrige Spur zur Entlüftungsanlage. Durch das schmale Fensterchen in der Wand zwischen den Projektoren war ein Ausschnitt der breiten, von einem schweren Vorhang eingefassten Leinwand auszumachen, irgendwo da draußen, ganz am Ende des Saals, in dem der Lichtstrahl aus dem Refugium des Filmvorführers Abend für Abend zu bewegten Bildern wurde.

Sänger löschte das letzte Licht, das von einer Bürolampe kam, und wechselte nach nebenan in den Schneideraum, wo er sich einen Stapel Filmrollen von der Ablage neben dem Umroller griff. Die Streifen dieses Abends, bereits entkoppelt und transportfertig. "The Kids Are All Right" war um halb sechs gelaufen: Julianne Moore als Lesbe - mit ein paar ziemlich heterosexuellen Bettszenen. "Stiller Sommer" war der Acht-Uhr-Film gewesen, Teil der Reihe "Neues Deutsches Kino" und genauso übel.

Sänger nahm die Stufen nach unten, packte die Filmdosen in den kleinen Lagerraum am Fuß der Treppe, löschte das Licht im Foyer.

Draußen vor dem Kino, im Schatten der alles überragenden Marktkirche, angelte er nach dem Schlüsselbund in seiner Tasche, als er rechts von sich eine Bewegung spürte. Das Gesicht einer Frau tauchte aus dem Dunkel auf. Die Konturen von Stirn, Nase und Kinn angestrahlt vom Laternenlicht.

"Ich dachte schon, ich hätte dich verpasst."

Sänger machte einen Schritt nach hinten, kniff die Augen zusammen. "Was zur Hölle ..."

"Deine Kollegin an der Kasse hat mir gesagt, dass du heute Abend die Vorführung machst." In dem fahlen Licht, das aus den Schaukästen vor dem Kino drang, war die Frau jetzt ganz zu sehen. "Hab mir den Film angeschaut und dann an der Bar auf dich gewartet ... Irgendwann haben sie mich rausgeschmissen."

"Pam?" Sänger ging auf sie zu. "Bist du das?"

"Das war ich mal." Die Stimme der Frau klang erschöpft. "Heute nennen mich alle Pamela."

"Was machst du hier? Hast du etwa hier draußen im Regen gestanden?"

"Ich dachte, du müsstest bald nach dem Vorstellungsende rauskommen."

Sänger vergrub die Hände in den Taschen seiner beigefarbenen Fliegerjacke, zog den Kragen um seinen Hals zusammen. Pamela schüttelte sich. Tropfen rollten glitzernd von ihren Haaren.

"Ich hab dein Licht gesehen." Sie deutete hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock, hinter denen der Vorführraum lag. "Also dachte ich, ich warte noch."

Sängers Blick folgte der Bahn, die ihr Zeigefinger wies. Blieb hängen an den schwarzen Fensterscheiben da oben. Er fuhr sich durch den Schopf dunkler Kraushaare auf seinem Schädel.

"Lange her", murmelte er.

Sie nickte. "Ich muss mit dir reden."

"Sieht so aus. Sonst würdest du wohl kaum zwei Stunden im Regen auf mich warten."

"Können wir irgendwohin gehen, wo's trocken ist?"

"Trocken mit Promille oder ohne?"

Sie zeigte etwas Ähnliches wie ein Lächeln. "Kann gern mit Promille sein."

"Dann darf ich dich zu einem Drink aufs Haus einladen." Er zog die Eingangstür zum Kino wieder auf. "Die Bar legt eine Extraschicht ein. Und vielleicht komme ich danach ja doch noch trocken nach

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