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Kneipengrab von Wünsche, Christiane (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.02.2016
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
8,49 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Kneipengrab

Nina Bongartz musste in ihrer Jugend zwei Schicksalsschläge verkraften: den Tod ihrer besten Freundin und die Ermordung ihres geliebten Bruders Alex. Jetzt, viele Jahre später, steht die Entlassung des Täters bevor - und bei den Abrissarbeiten der Dorfkneipe kommt das alte Fahrrad ihrer toten Jugendfreundin zum Vorschein. Der und stellt alles auf den Kopf, was Nina bislang geglaubt hat - auch die Liebe zu ihrem Bruder. Wer war Alex wirklich? Ein tiefgründiges Psychodrama um Schuld und Vergebung, eindringlich und feinfühlig erzählt. Christiane Wünsche,1966 in Lengerich geboren, lebt in Kaarst am Niederrhein und ist dort in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Sie hat eine erwachsene Tochter, zwei Hunde und einen Oldtimerwohnwagen, in dem sie zusammen mit Freunden quer durch Europa reist.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 25.02.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863589653
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 3350 kBytes
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Kneipengrab

Das Problem mit der Normalität

Ich bin eine ganz normale Frau. Das sage ich mir oft. Ich bin eine ganz normale Frau von Ende vierzig mit zwei erwachsenen Kindern. Die ideale, allernormalste Kombination. Ich bin geschieden, auch das ist heutzutage normal, und ich bin berufstätig. Natürlich. Es ist kein aufregender Job, den ich ausübe, aber einer, der mir genug Geld zum Leben einbringt. Ich arbeite in der Kaarster Stadtverwaltung. So weit, so gut.

Denn an dieser Stelle endet die Normalität. Sosehr ich mir einrede, wie alle anderen zu sein, so wenig bin ich es. In meinem Inneren wohnen Verlust und ohnmächtiger Schmerz - seit meinem vierzehnten Lebensjahr, seit 1980, als zunächst meine beste Freundin von einem Serienmörder getötet und wenige Monate später mein einziger Bruder auf brutalste Weise von einem seiner besten Freunde umgebracht wurde.

Kein Gespräch und keine Therapie konnten mich heilen, und so schleppe ich die Traumata und Fragen von damals noch heute mit mir herum, unentwegt auf der Suche nach Antworten und dem Begreifen.

Und obwohl es auch in meinem Leben den Alltag mit den üblichen Sorgen und Problemchen wie auch mit Freuden und Spaß gibt, überschatten die Tragödien von damals die Normalität von heute. Jeden Tag. Überall.



Worte eines Alltagsphilosophen:

Es sind die vielen Rätsel, die das Leben zu dem machen, was es ist: unvorhersehbar. Wir alle verbergen Dinge, die nicht an die Öffentlichkeit dringen sollen, in uns und vor anderen. Solcherart Geheimnisse bestimmen nicht nur unsere Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch unsere Zukunft. Denn irgendwann wird alles ans Licht kommen, ausnahmslos. Und dann wird man sich wundern oder erschrecken und die Wahrheit, von der man gerade eben noch glaubte, sie felsenfest zu kennen, korrigieren müssen.

Auch die Erde birgt Geheimnisse, natur- und menschengemachte. Erstere überwiegen, ihnen widmen sich die Wissenschaften.

Aber wer nimmt sich der von Menschen gemachten an? Des hellblauen Fahrrads zum Beispiel mit den darauf gepinselten weißen Wölkchen, das seit weit über dreißig Jahren zusammen mit einer Zahnspange unter der Erde verrostet? Gräser, Disteln, Klee und Kamille wuchern über ihnen. Für wie lange noch?



Gerade in letzter Zeit lese ich oft in meinem alten Tagebuch beziehungsweise in dem von Silvia und mir. Als sie vorschlug, immer abwechselnd hineinzuschreiben, war ich von der Idee sofort begeistert.

Jede von uns hatte das wattierte orangefarbene Buch mit dem winzigen Messingvorhängeschloss immer nur einen Tag lang. Jede von uns besaß einen dazu passenden Schlüssel, den wir an einer Kette um den Hals trugen. Hatte ich abends meine Erlebnisse und Gedanken dem Tagebuch anvertraut, verschloss ich es, lief zu Silvia rüber und warf es in ihren Briefkasten. Oder ich gab es ihr in der Schule in der ersten Fünfminutenpause. Wenn ich es am nächsten Tag zurückbekam, las ich gespannt ihren Eintrag, der oft viel lustiger und lebendiger als meiner geschrieben war.

Seit wir zwölf waren, hielten wir das so. Seit wir beschlossen hatten, beste Freundinnen zu sein.

Silvia und ich besuchten gemeinsam ein Gymnasium in unserer Heimatstadt Kaarst am Niederrhein. Während einer Klassenfahrt in die Eifel freundeten wir uns an. Wir merkten, wie sehr wir uns trotz aller Unterschiede mochten. Oder vielleicht gerade ihretwegen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir Silvia bald fast näher war als ich mir selbst und ich ihre ansteckende Fröhlichkeit und ihre Lebenslust nie mehr missen wollte. Was für ein Mensch sie war, davon zeugen heute noch ihre Einträge, wie zum Beispiel einer vom Sommer 1979, als wir beide gerade dreizehn Jahre alt waren:

7. 7. 1979

Sonne, Hitze und Ferien!

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