text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Labyrinth der Masken Kriminalroman. Havanna-Quartett 'Sommer' von Padura, Leonardo (eBook)

  • Verlag: Unionsverlag
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Labyrinth der Masken

Im Bosque de La Habana wird am 6. August, am Tag der Verklärung Jesu, die Leiche eines Transvestiten gefunden. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um Alexis Arayán, den Sohn eines Diplomaten, handelt, will sich bei der Polizei keiner die Finger an dem Fall verbrennen. Nur Mario Conde, für sechs Monate zum Erkennungsdienst strafversetzt, ist froh, nicht mehr länger Karteikarten ausfüllen zu müssen, und springt ohne zu zögern ein. Seine Ermittlungen führen ihn zu Marqués, einem exzentrischen und legendären Theaterregisseur, der als Homosexueller geächtet in einem zerfallenden Haus lebt. Kultiviert, intelligent und mit feiner Ironie begabt, führt dieser Conde in eine verborgene Welt ein und treibt gleichzeitig ein listiges Verwirrspiel. Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen und im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Havanna.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783293304888
    Verlag: Unionsverlag
    Serie: Metro Bd.3
    Originaltitel: Mascaras
    Größe: 3267 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Labyrinth der Masken

1

D ie Hitze ist eine schreckliche Plage, die alles und alle heimsucht. Die Hitze senkt sich wie ein weiter Mantel aus roter Seide herab, geschmeidig und zäh umhüllt sie Körper, Bäume und Dinge, um ihnen das böse Gift der Verzweiflung und des langsamen, sicheren Todes einzuflößen. Die Hitze ist ein Urteil, gegen das weder Berufung eingelegt noch mildernde Umstände geltend gemacht werden können. Sie scheint es darauf abgesehen zu haben, das gesamte Universum zu zerstören, auch wenn nur die gottlose Stadt oder das verfluchte Viertel in ihren tödlichen Strudel gerissen werden sollen. Die Hitze ist eine Qual für die räudigen Straßenköter, die in der Wüste herumirren auf der Suche nach einer Wasserpfütze; für die Greise, die sich auf ihren müden Beinen und noch müderen Krücken durch die Hundstage schleppen in ihrem täglichen Kampf ums nackte Weiterleben; für die einst so majestätischen, nun aber von der Geißel ansteigender Temperaturen gebeugten Bäume; für den leblosen Staub an den Bordsteinen, der sich nach dem lange ausbleibenden Regen oder nach einem einsichtigen Wind sehnt, bereit, sich von ihnen wieder zum Leben erwecken zu lassen und sich in Schlamm oder in Staubwolken, in Sturzbäche oder Drecklawinen zu verwandeln. Die Hitze zermalmt alles, sie tyrannisiert die Welt, zerstört das, was noch nicht verloren ist, und erzeugt nichts als Wut und Rachsucht, die teuflischsten Neid- und Hassgefühle, so als wäre ihr einziges Ziel das Ende der Welt, der Geschichte, der Menschheit, der Erinnerungen ...

Scheiße noch mal, murmelte er, so eine verdammte Hitze. Er nahm die Sonnenbrille ab, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen, und spuckte auf die Straße. Der zähe Speichel rollte über den durstigen Staub, der ihn gierig aufsaugte. Der Schweiß brannte ihm in den Augen. Mario Conde richtete den Blick gen Himmel und flehte darum, eine gnädige Wolke möge sich erbarmen. Plötzlich attackierte lautes Stimmengewirr sein Hirn. Ein mehrstimmiger Chor der Rache oder des Triumphes erfüllte die Luft, so als wäre er jäh aus der Erde hervorgebrochen, um gegen die Nachmittagshitze zu protestieren. Für einen Moment übertönte er den Lärm der Autos und Lastwagen, die über die Calzada röhrten, und setzte sich hartnäckig im Gedächtnis des Teniente fest. Mario ging bis zur nächsten Straßenecke, und erst da sah er sie. Während die einen feierten, sich auf die Schultern klopften und herumgrölten, beschimpften sich die anderen in gleicher Lautstärke, allerdings mit entsprechend feindseligen Mienen, wobei sie sich gegenseitig die Schuld daran gaben, dass Erstere sich vor Glück kaum einkriegten. Die einen haben gewonnen, die anderen verloren, schloss Mario messerscharf. Er blieb stehen und sah sich das Spektakel an, das von den Jungen zwischen zwölf und sechzehn Jahren veranstaltet wurde. Alle Hautfarben waren vertreten, und es gab Dicke und Dünne, Große und Kleine unter ihnen. Wenn vor zwanzig Jahren jemand wie ich ein solches Geschrei vernommen hätte und an dieser Straßenecke stehen geblieben wäre, dachte El Conde, dann hätte er genau dasselbe gesehen wie ich jetzt: Jungen aller Hautfarben, Dicke und Dünne, Große und Kleine, und der da, der am lautesten herumschrie vor Ärger oder vor Freude, das wäre bestimmt der kleine Condesito gewesen, der Enkel von Rufino Conde. Den Teniente überkam das Gefühl, dass die Zeit hier stehen geblieben war. Genau diese Seitenstraße hatte nämlich schon damals als Baseballfeld gedient, auch wenn für kurze Zeit mal ein treuloser Fußball gesichtet oder ein abtrünniger Basketballkorb an einen der Strommasten genagelt worden war. Dann hatte jedoch bald wieder der Baseball - mit dem Schlagstock oder mit der Hand, über vier Ecken, mit drei rolling-un-fly oder gegen die Wand - ohne große Diskussion die Herrschaft über jene flüchtigen Modeerscheinungen übernommen. Baseball war eine ansteckende Krankheit, eine chronische Leidenschaft, von der Mari

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen