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Macht euch keine Sorgen Neun Heimsuchungen von Mischkulnig, Lydia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.11.2012
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Macht euch keine Sorgen

Wenn die sorgfältig geplante Abschiedschoreographie eines Pärchens am Bahnhof in Unordnung gerät, weil der Zug auf sich warten lässt - wenn ein Abzeichen am Jackett einer Toten die Frau in der Wäscherei in Verwirrung stürzt - oder wenn die reizende ältere Dame mit dem süßen Lächeln auf den Lippen noch einmal jung wird, bevor sie sich zum Sterben hinlegt - wenn die Wirklichkeit ihre Masken ablegt und beginnt, ihren eigenen Gesetzen zu folgen: Dann sind wir in der literarischen Welt von Lydia Mischkulnig angekommen. Ohne Respekt und Zurückhaltung schreibt sich die Autorin in die Realität hinein, mit unbestechlichem Blick für die Momente, in denen das Alltägliche ins Absurde kippt, in denen doppelte Böden einbrechen und kein Sicherheitsnetz mehr Halt gibt. Lydia Mischkulnig, geboren 1963 in Klagenfurt, lebt und arbeitet in Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (1996), Manuskripte-Preis(2002), Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2007), Österreichischer Förderpreis für Literatur (2009), Joseph-Roth-Stipendium (2009). Bei Haymon erschienen: 'Hollywood im Winter'. Roman (1996), 'Macht euch keine Sorgen'. Neun Heimsuchungen (2009) und 'Schwestern der Angst'. Roman (2010).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 112
    Erscheinungsdatum: 19.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709974780
    Verlag: Haymon Verlag
    Serie: Morbus Dei Bd.1
    Größe: 929 kBytes
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Macht euch keine Sorgen

Ausgesorgt

Als sich die gute Frau, eine vollbeschäftigte Alleinerzieherin, zur Nachbarin begab, um den längst versprochenen Besuch abzustatten, hatte sie die Absicht, bald nach Hause zurückzukehren und die Kinder mit einem Gute-Nacht-Kuss in den Schlaf zu verabschieden, still hoffend, sie mögen anderntags wieder erwachen. Flott verließ sie ihre Wohnung, stieg die Stufen hoch zur Nachbarin und klopfte. Die Nachbarin riss mit Schwung die Türe auf, warf die Arme zur Begrüßung auseinander und sagte gut gelaunt, sich auf der Schwelle aufhaltend: Ich hab die Katzen vom Dach unters Fach gebracht.

Seit Jahren versuchte sie, die Tiere loszuwerden, da sie immer anstrengender wurden. Sie lauerten auf alles, was sich bewegte, und stürzten sich wahllos auf Beute oder Köder. War niemand zu Hause, hockten sie auf dem Bücherregal neben der Tür, lauerten auf Freiheit, und wurde die Tür geöffnet, schleuderten sie sich mit ausgefahrenen Krallen in die Gesichter der Eintretenden und stürmten dann aus der Wohnung.

Die Spuren hatten sich tief in die Haut der Katzenmutter eingegraben. Sie war faltig und spindeldürr, denn die Katzen rasten jedes Mal aus der Wohnung die Stiegenspindel hinunter in den Keller zu den Rattenködern. Was blieb der Nachbarin übrig? Sie hasste den Keller und rannte trotzdem hinunter, immer wieder den Katzen hinterher, um sie zu retten und zurückzuholen. Sie wollte die Tiere loswerden, jedoch sie wollte sie lebendig loswerden, und nun war sie die lebendigen Tiere losgeworden. Gratulation.

Die Nachbarin trat beiseite und ließ der Besucherin, die aufhorchte, denn sie vermeinte durch das Stiegenhaus ein Kreischen aus ihrer Wohnung zu hören, Zeit einzutreten. Dann schloss sie die Tür.

Die Frauen nahmen Platz beim kleinen Teetischchen. Während die Alleinerzieherin schon wieder aufhorchte, erzählte die Nachbarin von der neuen Katzenmutter. Deren Freude über die miauende Gesellschaft sei groß, denn noch ahne sie nichts von der Mühsal, die sie sich aufgehalst habe, nur ein komisches Gefühl walle, wegen der Männerbesuche, da die Katzen herumschleichen und das Bett beäugen. Aber Katzen seien unkompliziert und nicht so gestört wie Kinder.

Die Nachbarin griff nach dem Tee, und als sie die Lippen über den Tassenrand stülpte, um ihn zu schürfen, sah sie aus, als habe sie statt der Plüschfalten einen gestrichelten Bart auf der Oberlippe. Sie sagte, dass das Katzenpaar einem senilen Ehepaar gleiche und dass die Katzen zwar das Alter spüren, weswegen sie dementsprechende Ungeduld auch gegeneinander freisetzen, die sie aber, gebe man ihnen Baldriantropfen, nicht mehr ausleben können. Mageres Fleisch und milde Temperatur und ausreichend Bewegung in einer Altbauwohnung genügen zur Erschöpfung. So viel zum Katzenthema, sagte die Nachbarin schmunzelnd und nun zu etwas Ernsterem kommend.

Von ihrem Erlebnis, als sie vor Tagen die Ringstraße überquerte und dazu den Zebrastreifen wählte, mochte sie anfänglich gar nicht erzählen. Trotzdem begann sie damit.

Sie war auf dem Zebrastreifen fast umgekommen. Ein Auto hatte sie um Haaresbreite nicht erwischt. Das kann auch einem Kind passieren, sagte sie und meinte den verhängnisvollen Zufall. Was einem Kind passieren kann, kann auch deinem Kind passieren - plattgewalzt, zerquetscht und zermalmt, unter die Räder gekommen wie eine Katze, mit aufgeplatzter Haut, aus der die Organe quellen, weil die Räder des in den Körper gefahrenen Autos eines aggressiven Ignoranten die Organe hinausexpandieren, so könnte es daliegen - die Worte fauchten im Ohr und die Bilder brannten im Kopf. Die Alleinerzieherin konzentrierte sich auf die Blumen und das Blumenbild vom gebündelten Lavendel an der Wand, und sie glitt mit dem Blick in den blauhügeligen Hintergrund ab. Sie entfernte sich kulturell vom Schrecken - hina

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