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Marathon des Todes Ein Fall für Michael Spraggue (3) von Barnes, Linda (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.06.2016
  • Verlag: Edel Elements
eBook (ePUB)
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Marathon des Todes

Michael Spraggue hat die Nase voll von der Schnüfflerrolle. Auch der mysteriöse Anruf seines stockbetrunkenen Freundes Pete Collatos am Vorabend des Boston Marathons vermag seine Schnüfflerinstinkte nicht zu wecken. Spraggue sieht keinen Anlass, sich zwecks Ermittlungen in seinen silbernen Porsche zu zwängen und seine stolze Sammlung von Straftickets zu vervollständigen. Bis der Regie bei dem Marathon ein grober Schnitzer unterläuft ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 246
    Erscheinungsdatum: 24.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783955308278
    Verlag: Edel Elements
    Größe: 1901 kBytes
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Marathon des Todes

EINS

Mit verschwitzten Fingern zerrte Spraggue einen zerknüllten Papierfetzen aus der Tasche seiner Jogginghose. Er mußte ihn nicht erst lesen; er kannte ihn. Unbeholfene Blockschrift auf billigem Briefpapier. In der oberen rechten Ecke das heutige Datum. Dann untereinander: CHESTNUT HILL RESERVOIR. LAUF UM DEIN LEBEN. 3 UHR. Und ganz unten die krakelige Unterschrift, die der Drohung beinahe den Stachel nahm: EIN WAHRER FREUND.

Stirnrunzelnd schob er den Zettel wieder in die Tasche und schaute sich nach dem Verfasser um.

Ohne die Jogger wäre es ein Anblick wie auf einer Ansichtskarte gewesen. Das Reservoir sah aus, als wäre es auf natürliche Weise entstanden und nicht von Bulldozern angelegt worden. Der See mit seinem ungleichmäßigen Uferverlauf wirkte seltsam - zu rein war das Blau, das sich leicht unter der sanften Frühlingsbrise kräuselte. Abgesehen von der Beacon Street, die das Gelände in der Mitte zerschnitt, ähnelte es mit seinen winzigen, kastenförmigen Pförtnerhäuschen und den Nebengebäuden der zwei prächtigen alten Chestnut-Hill-Pumpstationen am Ufer einem britischen Landgut.

Die Nachmittagssonne glitzerte auf dem See und ließ die Jogger blinzeln. Wer eine Schirmmütze hatte, zog sie jetzt einfach tiefer in die Stirn. Spraggue, der weder Mütze noch Sonnenbrille dabeihatte, mußte geblendet kurz die Augen schließen und stieß sich prompt einen Zeh an einem heimtückisch lauernden Felsbrocken. Aber das konnte ihm auch nichts mehr anhaben.

Jetzt fehlten nur noch Muskelschmerzen oder gar eine gerissene Achillessehne, dachte er, während er verbissen weitertrottete. Das kam davon, wenn sich ein Fünfunddreißigjähriger immer noch so bewegen wollte wie ein Achtzehnjähriger. Blasen an den Füßen. Sein Wagen womöglich abgeschleppt aus dem deutlich markierten Parkverbot oder, schlimmer noch, gefangen von der gefürchteten Kralle, dem Kummer und Leid aller Bostoner Autofahrer. Er versuchte sich zu erinnern, ob die dazu erforderlichen fünf unbezahlten Strafzettel in seinem Handschuhfach lagen. Und zur Krönung tauchte dieser anonyme Briefeschreiber nicht auf.

Der Weg wurde schmaler, der Belag wechselte von knochenbrechendem Beton zu einer für die Füße ausgesprochen unangenehmen Mischung aus Kies und Gras. Eine mörderische Steigung ließ die vorderen Muskeln seiner Oberschenkel vor Protest laut aufschreien, während die hinteren sich in Erwartung des todsicher folgenden Gefälles ängstlich zusammenzogen.

Auf dem Weg wimmelte es von Läufern. Sie mußten jetzt für die wegen des ungewöhnlichen Schneesturmes im April verlorene Trainingszeit büßen. Auf ihren T-Shirts die Logos von Sportbekleidungsherstellern oder von Austragungsorten populärer Stadtmarathons: New York, Denver, Charleston, Falmouth, Eugene, Oregon. Fukuoka in Japan war vertreten durch einen zierlichen vitalen Asiaten in einer makellos weißen Jogginghose. Mit Straggues von der Sonne geblendeten Augen wirkten alle Läufer jung, unglaublich schlank und widerlich fit, auch wenn sie nur bunt zusammengewürfelte Kleidung und schmutzige Turnschuhe trugen. Da er sich wie ein alter Knochen vorkam, steigerte Spraggue sein Tempo. Wäre er bei mehr Puste gewesen, um die ungefähr zehn erforderlichen Worte an einem Stück rauspressen zu können, dann hätte er die hübsche, sonnengebräunte Frau neben sich gefragt, seit wann diese Kinder schon am Boston Marathon teilnehmen durften. Aber er hätte bei dem Versuch nur nach Luft gejapst wie ein Lachs, der aus einem Bach gerissen worden war. Er preßte die geballte Faust in seine rechte Seite, suchte verzweifelt nach dem Ursprung des quälenden Schmerzes.

Konnte die sonnengebräunte Frau den merkwürdigen Zettel verfaßt und ihn Tante Mary geschickt haben - der einzigen Person, die ihn jederzeit erreichen konnte? War das der Grund, warum sie so beständig neben ihm blieb? Genau in diesem Augenblick holte sie tief Luft, sprintete los und ließ ihn schnell zurück.

Er hoffte

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