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Paper Ghosts Roman von Heaberlin, Julia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.12.2018
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 17.12.2018 per Download lieferbar

Online verfügbar

Paper Ghosts

Jahrelang hat Grace auf diesen Moment hingearbeitet. Sie hat trainiert, sie hat recherchiert. Jetzt ist sie sicher, dass der alte Mann neben ihr auf dem Beifahrersitz der Mörder ihrer Schwester ist.
Carl Louis Feldman ist Fotograf. Die Frau auf dem Fahrersitz behauptet, dass er eine Reihe von Mädchen umgebracht hat. Doch er weiß nichts davon. Er hat ohnehin kaum mehr Erinnerungen an sein Leben.
Je länger der Road Trip dauert, desto größer werden die Zweifel. Ist Carl ein gebrochener, dementer Mann, dem schreckliches Unrecht widerfährt? Oder ist er ein gefährlicher Psychopath, der nun zur Rechenschaft gezogen werden muss?

Bevor Julia Heaberlin sich ihren Traum von der Schriftstellerei erfüllte, schrieb sie als preisgekrönte Journalistin für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Dallas, Fort Worth.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 17.12.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641230418
    Verlag: Goldmann
    Originaltitel: Paper Ghosts
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Paper Ghosts

4

M ir ist schwindelig vor Hoffnung. Endlich packt er, um mich zu begleiten. Perfekt zu Quadraten gefaltete T-Shirts. Zusammengerollte Socken in einer Plastiktüte. Borderline Zwangsstörung heißt es in zwei psychiatrischen Gutachten. Carl packt noch eine Jogginghose und zwei Pyjamahosen dazu.

Die Schubladen in seinem kleinen blau gestrichenen Zimmer sind leer. Im Schrank hängen Kleiderbügel wie Skelette. Er nimmt jedes einzelne Kleidungsstück mit, das er bei sich hatte, als man ihn in diese letzte Station der Hölle abgeschoben hat. Die Sachen füllen nicht einmal einen Koffer.

Wo ist sein Hab und Gut? Als er gleich nach dem Prozess, in dem er freigesprochen wurde, sein Haus verkaufte und jahrelang verschwand, gingen Gerüchte um, er habe ein Geheimversteck, die sprichwörtliche Hütte im Wald. Ein Hochglanzmagazin deutete das zwischen den Zeilen in einem Artikel über Carl an, der den Titel "Die Dunkelkammer" trug. Ich fand, dass diese Überschrift bei einem als Serienmörder verdächtigten Dokumentarfotografen den Nagel auf den Kopf traf.

Mrs T steht mit verschränkten Armen in der Tür und beobachtet mich wie eine missbilligende Gefängniswärterin in einer ausgeblichenen Schürze. Eine Woche habe ich gebraucht, um sie zu überreden. Sie hat mich von vierzehn Tagen auf zehn heruntergehandelt.

"Und Sie sind sich wirklich sicher?", reißt Mrs T mich aus meinen Gedanken. Sie möchte so angesprochen werden, weil sie es satthat, dass die Leute ihren mit Konsonanten gespickten polnischen Familiennamen verunstalten.

Mehr als einmal hat sie mir vorgehalten, wie tapfer sie sei, weil sie Ausgestoßenen und Straftätern eine Zuflucht bietet, "wie Jesus Christus es verlangt". Lange Zeit konnte ich sie nicht ausstehen - bis ich eines Tages an einem Zimmer vorbeikam und sah, wie sie die Frau mit dem Schleier umarmte. Mrs T beruhigte sie. Ihr Verlobter wird rechtzeitig zur Hochzeit aus dem Krieg zurückkehren.

"Das klappt schon", sage ich zu Mrs T.

"Zehn Tage sind länger, als Sie glauben. Das kann ich nicht oft genug wiederholen. Sie müssen dafür sorgen, dass er seine Medikamente nimmt. Manchmal kriegt er diese Zitteranfälle, aber meistens ist er in Ordnung." Sie weist auf die Schachteln und Dosen in dem wiederverschließbaren Plastikbeutel in meiner Hand. "Er wird Sie anlügen, wissen Sie? Oder es vergessen. Es ist nicht gut, wenn er es vergisst. Sie haben es letzte Woche ja selbst erlebt. Wie alt sind Sie noch mal? Sie sind nicht im richtigen Alter, um seine Tochter zu sein. Ein bisschen zu jung. Sind Sie neunzehn? Oder zwanzig? Wenn ich nachrechne, passt es nicht."

Also, sage ich zu mir, halt mich doch auf. Wahrscheinlich sollte das jemand tun.

" ... aber ich vertraue Ihnen, weil ich denke, dass Sie das Herz am richtigen Fleck haben. Vergessen Sie nur unsere Abmachung nicht. Ich habe Ihnen einige Formalitäten erspart. Ich möchte während der Tage, an denen er bei Ihnen ist, keine Abzüge kriegen, wenn er durch Abwesenheit glänzt und diese Erbsenzählerin von der Behörde ihre kleine monatliche Bettenkontrolle durchführt. Ich verdiene ohnehin viel zu wenig. Offenbar hält der Staat ein Wohnheim für ein Sparprojekt." Auf diesen Satz ist sie besonders stolz. Immer, wenn sie ihn aussspricht, breitet sich ein hämisches Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

"... die kapieren einfach nicht, dass es die doppelte Arbeit ist, sich um sechs Halbverrückte zu kümmern. Die eine Hälfte ihres Verstandes funktioniert noch teuflisch gut und brütet Pläne aus, wie man sich am besten davonschleicht, um sich Donuts und Tequila zu besorgen. Und die andere unternimmt Zeitreisen weiß Gott wohin. Es kann hier ziemlich hoch hergehen. Richtig, Mr Feldman?"

Ich schweige während ihres Vortrags, weil ich ihn schon oft genug gehört habe. Carl rollt seine Weihnachtskrawatte zusammen

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