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Paranoia von Cornwell, Patricia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2016
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Paranoia

Während sie einen Tatort untersucht, erhält Dr. Kay Scarpetta ein Video auf ihr Handy. Als sie es abspielt, kann sie kaum glauben, was sie sieht. Denn die Aufnahmen stellen alles infrage, was sie über ihre Nichte Lucy zu wissen meint ... Der Clip bringt Scarpetta in einen grausamen Gewissenskonflikt: Die Bilder zeigen Lucy bei einer schweren Straftat, und Scarpetta weiß, dass sie sich weder ihrem Ehemann Benton Wesley noch ihrem Kollegen Pete Marino anvertrauen darf, um ihrer Nichte zu helfen. Aber was hat es mit dem Video auf sich? Und wer hat es ihr zugespielt? Auf sich allein gestellt, sieht sich Scarpetta schon bald mit einer Reihe von Morden konfrontiert, die eine Gefahr aus ihrer eigenen Vergangenheit heraufbeschwören ... Patricia Cornwell, 1956 in Miami, Florida, geboren, arbeitete als Polizeireporterin und in der Rechtsmedizin, bevor sie vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren bahnbrechenden Thrillern um die Gerichtsmedizinerin Dr. Kay Scarpetta begann. Ihre Bücher wurden mit allen renommierten Preisen ausgezeichnet und sind weltweit Bestseller.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 400
    Erscheinungsdatum: 17.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455814125
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Serie: Kay Scarpetta 23
    Originaltitel: Depraved Heart
    Größe: 970 kBytes
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Paranoia

1

Den alten Teddybären habe ich Lucy geschenkt, als sie zehn war. Sie hat ihn Mister Pickle genannt. Jetzt sitzt er auf dem Kopfkissen eines mit militärischer Präzision gemachten Bettes, dessen Krankenhauslaken an den Ecken ordentlich festgesteckt sind.

Der kleine Bär starrt mich stumpf an. Sein schwarzer Bindfadenmund zieht sich in einem umgekehrten V nach unten, und ich male mir aus, dass er froh, ja sogar dankbar wäre, wenn ich ihn retten würde. Ein unvernünftiger Gedanke, wenn man von einem Stofftier spricht. Insbesondere wenn man Anwältin, Wissenschaftlerin und Ärztin ist, von der eigentlich ein klinisch kühler und logischer Verstand erwartet wird.

Der unerwartete Anblick von Mister Pickle in dem Video, das gerade auf meinem Smartphone gelandet ist, löst verwirrte und überraschte Gefühle in mir aus. Offenbar hat man eine fest montierte Kamera von oben auf ihn gerichtet, vermutlich durch ein kleines Loch in der Decke. Ich kann seine weichen Fußsohlen aus Stoff ausmachen, das leicht gelockte olivgrüne Mohairfell, die schwarzen Pupillen seiner bernsteinfarbenen Glasaugen, den gelben Steiff-Knopf im Ohr. Ich weiß noch, dass er fünfunddreißig Zentimeter groß war, ein passender Begleiter für einen Kugelblitz wie Lucy, meine einzige Nichte und, genau genommen, mein einziges Kind.

Als ich den Stoffbären vor all den Jahrzehnten entdeckte, lag er umgekippt in einem zerkratzten hölzernen Bücherregal, das mit muffig riechenden, obskuren Bildbänden zum Thema Gartengestaltung und Südstaatenvillen gefüllt war, und zwar in einer schicken Gegend von Richmond, Virginia, die Carytown heißt. Er trug ein schmuddeliges weißes Strickkleidchen. Ich zog ihn aus, flickte einige Risse mit Nahtmaterial, das eines Schönheitschirurgen würdig gewesen wäre, setzte ihn in ein Spülbecken mit lauwarmem Wasser, schamponierte ihn mit antibakterieller, farbschonender Seife und trocknete ihn mit einem auf kalt gestellten Föhn. Ich beschloss, dass er ein männlicher Teddy war und ohne Kleidchen oder eine andere alberne Kostümierung besser aussah. Lucy neckte ich damit, sie sei nun stolze Besitzerin eines nackten Bären. Das passt, meinte sie.

Wenn du zu lange einfach nur rumsitzt, ohne dich zu bewegen, reißt dir meine Tante Kay die Kleider vom Leibe, spritzt dich mit dem Gartenschlauch ab und weidet dich mit einem Messer aus. Dann näht sie dich wieder zu und lässt dich nackt liegen , fügte sie vergnügt hinzu.

Unpassend. Scheußlich. Und überhaupt nicht komisch. Allerdings war Lucy damals erst zehn, und ihr kindlicher Redeschwall hallt plötzlich in meinem Kopf wider, als ich von dem verwesenden Blut zurückweiche, das auf dem weißen Marmorboden eine rotbraune Pfütze mit gelben wässrigen Rändern bildet. Die Gestankswolke scheint die Luft zu verdunkeln und zu verschmutzen, und die Fliegen erinnern an eine Armee winziger surrender Dämonen, geschickt vom Beelzebub persönlich. Der Tod ist gierig und hässlich. Er überwältigt unsere Sinne, löst sämtliche Alarmsignale in unseren Zellen aus und bedroht unser Leben an der Wurzel. Pass auf. Bleib weg da. Nimm die Beine in die Hand. Vielleicht bist du als Nächste dran.

Wir sind darauf geeicht, Leichen als widerlich und abstoßend zu empfinden. Allerdings ist in diesem einprogrammierten Überlebensinstinkt auch die seltene Ausnahme vorgesehen, dass wir unseren Stamm bei Gesundheit halten und beschützen müssen. Einige Auserwählte unter uns lassen sich vom Grauen nicht anfechten. Nein, es zieht uns sogar an, fasziniert uns und weckt unsere Neugier, und das ist gut so. Jemand muss die Hinterbliebenen warnen und auf sie achten. Jemand muss sich um das Schmerzliche und Unangenehme kümmern, um das Warum, Wer und Wie zu ermitteln und die verwesenden Überreste angemessen zu entsorgen, bevor sie weitere Menschen schockieren und Infektionskrankheiten verbreiten.

Meiner Ansicht nach unterscheiden sich jene, die sich dieser Dinge annehmen, erheblich. O

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