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Zaungast von Wünsche, Christiane (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2014
  • Verlag: Emons Verlag
eBook (ePUB)
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Zaungast

Matthias Hellmann starb am Ufer des Kaarster Sees an einer Überdosis Rauschgift. Nun steht Nele Liebert am Grab ihrer Jugendliebe und belauscht ein rätselhaftes Gespräch. Zwei Fremde wollen sich vergewissern, dass Matthias tatsächlich tot ist: Jahrzehntelang wurden sie von ihm erpresst, doch die Forderungen gehen nach seinem Tod weiter ... Nele gerät unter Druck - und wird zu Ermittlerin wider Willen. Christiane Wünsche, 1966 in Lengerich geboren, lebt seit dem vierten Lebensjahr in Kaarst am Niederrhein und ist dort in der Kinder- und Jugend arbeit tätig. Bereits als Kind wollte sie Schriftstellerin werden. Heute schreibt sie Kriminalromane und Gedichte.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 17.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863586416
    Verlag: Emons Verlag
    Größe: 2962 kBytes
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Zaungast

Unwiederbringlich

Nele

Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, ließ ihren Bauch rumoren. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie durch die beschlagene Windschutzscheibe in die Dunkelheit. Der Regen, der gegen die Scheibe klatschte, und die hin- und herschwingenden Scheibenwischer erschwerten die Sicht auf die Straße.

"Im Schutze der Dunkelheit, von wegen." Sie schüttelte den Kopf über ihr idiotisches Vorhaben. Auf dem Büttger Friedhof würde es am frühen Abend dieses sechsten Novembers absolut finster sein. Dunkel, nass und kalt - der Besuch am Grab versprach eine Tortur zu werden, für sie selbst, für ihre Klamotten und vor allem für die Schuhe.

Aber immerhin konnte Nele ziemlich sicher sein, ungesehen die Blumen ablegen zu können. Bei dem Wetter würde wohl kaum irgendwer auf die Idee kommen, Grabpflege zu betreiben. Und genau deshalb war jetzt der richtige Zeitpunkt.

Sie schämte sich, aber vor allem vor sich selbst. Welches Recht hatte sie, herzukommen und jemanden zu betrauern, dem sie vor neunzehn Jahren nicht nur den Rücken gekehrt, sondern den sie auch noch aus dem Gedächtnis gestrichen hatte? Für viele Jahre.

Doch den eigenen Lebenslauf so zurechtzubiegen, dass Teile der Vergangenheit nicht mehr damit verzahnt waren, konnte nur auf begrenzte Zeit funktionieren. Irgendwann trudelten die unterdrückten Elemente unweigerlich an die Oberfläche, um klarzustellen: Du bist das, was du getan, gefühlt, gedacht und erlebt hast. Vielleicht mehr, aber auf keinen Fall weniger.

Für Nele war die Nachricht von seinem Tod im Oktober letzten Jahres der Auslöser gewesen. Kurz vor Weihnachten hatte sie per Zufall davon erfahren. Nach dem Schock erinnerte sie sich plötzlich wieder an alles. Wie im Zeitraffer zog eine Flut von Bildern an ihrem inneren Auge vorbei. Mit affenartiger Geschwindigkeit wurde die Verbindung zur Vergangenheit wiederhergestellt. Klick, eingerastet.

Und der Zwang, ihm nahe zu sein, ließ sich nicht mehr unterdrücken. Daher die heimlichen Besuche am Grab.

Sie parkte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Altenheim am Nebeneingang des Friedhofs. Nachdem sie nach den in Papier eingeschlagenen Blumen auf dem Beifahrersitz gegriffen hatte, holte sie tief Luft und sprang aus dem Auto.

Regen und Kälte schlugen ihr entgegen. Der Friedhof verschluckte sie in einem Meer aus schwarzen Schatten. Ihr Magen ballte sich nervös zusammen, während sie sich an den richtigen Weg durch die Grabreihen zu erinnern versuchte.

"Mistwetter", schimpfte sie. Der Wind riss an ihrem Haar, aus dem bald das Wasser tropfte. So wie an einem anderen, weit zurückliegenden sechsten November, in einem anderen, unschuldigeren Leben.

Die Erinnerung stieg dermaßen machtvoll in ihr auf, dass ihr schwindelig wurde und sie auf dem schlammigen Boden fast ausgerutscht wäre.

6. 11. 1988 - Sie war durch den Regen mit Mamas Auto die kurze Strecke vom Elternhaus bis zu dem in Grau und Grün gestrichenen Mehrparteienhaus direkt gegenüber dem Kaarster Bahnhof gefahren. Das sperrige Geschenk hatte sie zunächst im Kofferraum gelassen. Fest in die gefütterte Winterjacke gewickelt und dennoch fröstelnd, hatte sie an der Haustür geklingelt, bis endlich von drinnen der elektrische Türöffner betätigt wurde. Hastig stieß sie die Haustür auf und lief die paar Treppenstufen hinunter ins Souterrain.

Er lehnte im Türrahmen und lächelte sein einzigartiges schiefes Lächeln, das bis in die grauen Augen strahlte. Kopflos überließ sie sich seiner festen Umarmung, schmiegte sich an ihn, nahm seine Wärme in sich auf, genoss das wohlige Ziehen im Unterbauch und streichelte die weiche Haut an seinen Armen und im Nacken. Sie versank in ihrer Verliebtheit, und sie war sich vollkommen sicher, dass ihre Gefühle mit der gleichen Heftigkeit erwidert wurden.

"Alles Liebe zum Geburtstag", flüsterte sie in sein Ohr.

S

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