text.skipToContent text.skipToNavigation

Fuck Perfection Lieber unperfekt glücklich als perfekt unglücklich von Batarilo, Patrick (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.04.2016
  • Verlag: Riemann
eBook (ePUB)
13,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Fuck Perfection

Lebe lieber unperfekt!
Schlanker, sportlicher, effizienter, 1000 Freunde, Mutter des Jahres und überirdischer Sex: Ständig wollen wir uns verbessern. Und am Ende sind wir oft nur unzufriedener als zuvor. Es treibt einen eben nichts so zielsicher ins Unglück wie die Suche nach dem perfekten Glück. Die Widersprüche dieses Selbstoptimierungswahns und Wege zu einem gesünderen Umgang mit Idealen zeigt ein Selbstversuch des Autors auf: Wie schaffen wir es, uns selbst eine Weile lang nicht verbessern zu wollen - ein umwerfend schwieriges und ergreifend belohnendes Unterfangen. Wir leben authentischer, lernen uns selbst wieder richtig spüren und finden so heraus, was uns jenseits der aalglatten Fehlerlosigkeit eigentlich ausmacht.

Patrick Batarilo, geboren 1974 in Waldshut als Sohn eines kroatischen Vaters und einer deutschen Mutter, studierte in Berlin, Frankreich und den USA Kultur- und Theaterwissenschaft. Er hat als Redakteur beim SWR gearbeitet und moderiert dort noch immer eine Gesprächssendung. Als freier Hörfunkautor hat er für Radio-Dokumentationen Vietnam, die Türkei, Israel, Mexiko, Argentinien, Westafrika und Kroatien bereist.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 18.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641180270
    Verlag: Riemann
    Größe: 500 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Fuck Perfection

1 Lächle oder stirb . Die Diktatur der guten Laune

Vor ein paar Jahren habe ich eine deutsche Freundin in Istanbul besucht. Tine hatte in der Türkei ein Erasmus-Jahr verbracht, war dann nach Berlin zurückgekehrt, lebte - nach einem kurzen Intermezzo erst in ihrer schwäbischen Heimatstadt, dann in Singapur - nun doch wieder am Bosporus. Eine ganz normale Endzwanziger-Nomaden-Existenz, deren Herzstück ein Laptop ist, sowie eine externe Festplatte mit genügend Fotos und Musiktiteln, um noch ein Gefühl von Heimat zu vermitteln - auch wenn die Heimat meist nur noch aus dem besteht, was unter dem Skype-Logo auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Tine ist zierlich, betont nachlässig, macht gerne große Augen und bestimmt am Ende des Abends immer, wo es langgeht. Emir, der türkische Schauspieler, mit dem sie zusammen war, ist ein "Mann-Mann", wie sie sagt. Einkaufstüten-Tragen und Bohrmaschinen-Handhaben gehören quasi zu seiner Männlichkeits-DNA. Aber etwas an Emir schien nicht zu dieser gestandenen Männlichkeit zu passen. Am deutlichsten empfand Tine das in der Zeit, als sie in Berlin lebte und Emir in Istanbul. Beide waren sie unzufrieden mit der Situation, beide hatten sie zu wenig Geld, um auf die Jobs zu verzichten, die sie gerade an ihren jeweiligen Wohnorten ausübten. Wenn sie beim Skypen allzu schwarz sahen, reagierte Tine, indem sie einfach das nächste Wiedersehen in Istanbul oder Berlin plante. Irgendein billiger Flug musste doch zu finden sein! Kurz: Sie suchte nach Lösungen. Außerdem: So eine Fernbeziehung hat doch auch Vorteile? Zeit für eigene Pläne, die Vorfreude auf das nächste Treffen ... Doch statt gemeinsam mit ihr über Möglichkeiten und Lösungen nachzudenken, lehnte sich Emir auf dem Bett zurück, auf dem er mit seinem Laptop saß. Schweigend starrte er an die Decke, bis irgendwann, wie in einer nicht enden wollenden Zeitlupe, eine große Träne seine stoppelige Wange hinabkullerte. Emir weinte. Er versteckte seine Tränen nicht. Im Gegenteil: Er genoss seine Trauer. Warum sonst die hingebungsvoll-herzerweichenden Seufzer, der leidend der Kamera zugewandte Blick?

In der Türkei existiert eine Form von Melancholie, die uns fremd ist. Sie ist das Gegenteil der guten Laune, die wir uns täglich als Wundermittel gegen alle Widrigkeiten des Lebens verschreiben. In den Straßen von Istanbul kann man der Melancholie überall begegnen. Man muss nur ein bisschen am glänzenden, westlich-optimistischen Firnis kratzen und sich in die Viertel jenseits der Party- und Businessmeilen um den Taksim-Platz wagen. Zum Beispiel den Vorhof einer Meyhane betreten, eines traditionellen Fischmarkts. Dort sieht man sie dann zusammensitzen, zu zehnt, zwölft, an eng zusammengestellten Tischen. Natürlich wird viel getrunken, meist Raki, Anisschnaps; und es wird gegessen, genüsslich. Während hinter ihnen die dampfenden Fliesen gefegt werden, singen sie traurige Lieder von verlorener Liebe und Tod. Und wenn sie nicht singen, klagen sie über ihr eigenes Leben, jammern, wissen nicht mehr weiter - und sagen am nächsten Tag, dass sie einen wunderschönen Abend gehabt haben. Die türkische Melancholie ist nichts, was sich verstecken müsste. Sie hat sogar einen Namen: Hüzün. Orhan Pamuk, der türkische Nobelpreisträger, spricht in seinem Buch Istanbul davon, dass Hüzün in Istanbul überall zu sehen sei - wie ein hauchdünner Dunst über den Wassern des Bosporus, wenn an Wintertagen die Sonne durchbricht. Die Melancholie einer ganzen Stadt - nicht versteckt, sondern stolz empfunden. 3

Als ich mich in Istanbul nach Hüzün umgesehen habe, nach dem Gespräch mit Tine, hat mich vor allem eins überrascht: wie leicht die Menschen in der Türkei von Trauer zu Freude wechseln können. Die Leichtigkeit, mit der sie Gefühle verbinden, die für mich absolute Gegensätze sind. Wenn ich traurig bin, freue ich mich nicht. Wenn ich mich freue, bin ich nicht tra

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen