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Trau dich! Improvisation - in der Musik wie im Leben von Dietl, Michaela (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.06.2018
  • Verlag: Kösel
eBook (ePUB)

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Trau dich!

Skurril-verrückt, liebevoll-chaotisch, herzergreifend-traurig
"Spiel!", rufen die Zuhörer, als Michaela Dietl bei einem Auftritt mit ihrem Repertoire am Ende ist. Sie zögert, doch dann traut sie sich, beginnt zu improvisieren und lässt sich tragen von der Begeisterung des Publikums. Seither weiß sie, dass in der Musik wie im Leben Improvisation pure Lebendigkeit ist. Wer dies einmal erlebt hat, wird so wie die Autorin immer wieder lustvoll improvisieren und es genießen.

Michaela Dietl, in Landshut/Niederbayerngeboren, hat als Straßenmusikerin in ganz Europa gespielt und sich zeitweise das Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte damit verdient. Als Profimusikerin mit eigenem Programm und Workshops ist sie seit 1997 im gesamten deutschsprachigen Raum und in Italien unterwegs. Michaela Dietl hat zwei erwachsene Töchter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 25.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641214890
    Verlag: Kösel
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Trau dich!

Musik - Hoffnung fürs Leben

Wo liegt die Kraft der Musik? Warum wollte ich unbedingt spielen?

Plötzlich war mir der Tag sehr nahe, an dem ich beschloss, Musikerin zu werden. Ich stand auf dem Marienplatz in München und spielte leise Summert ime auf meinem kleinen Akkordeon. Es blieben nicht viele Leute stehen, doch einen Fan hatte ich. Ich glaube, er arbeitete hier irgendwo in der Gegend, jedenfalls kam er fortan bei Summertime .

Ich stand da ganz allein, die Töne sprachen aus mir heraus, eine Sehnsucht nach "Summertime", Leichtigkeit, Sinnlichkeit. Jedenfalls eine Sehnsucht heraus aus der Schwere, eine Sehnsucht nach Poesie.

"And the cotton is high ..." Der Geruch eines Feldes, kurz bevor geerntet wird.

"Fish are jumpin' ..." Es bedarf der Ruhe, der Muße, zu warten, bis Fische springen. Da muss man schon eine ganze Weile aufs Wasser blicken, bis sie das tun, und sie tun es nur, wenn es ruhig ist.

Ein Künstler auf dem Bauernhof

"Your daddy's rich ..." Mein Vater, ein einfacher Bauernsohn, arbeitete hart, bot all seine Kräfte auf, um seine Familie zu ernähren, vier Kinder, dazu zwei uneheliche. Er war bei Linde in Höllriegelskreuth beschäftigt, darauf war er sehr stolz. Was er dort eigentlich tat, bekamen wir nie wirklich heraus. Wir litten keine Not, er wollte unbedingt, dass wir, meine beiden Schwestern, mein Bruder und ich, studierten. Das war für ihn das Wichtigste: Eine Frau sollte Bildung haben. Diesen Drang nach Bildung, Unabhängigkeit, nach Selbstständigkeit gab er mir mit auf den Weg.

Meine Mutter konnte die Schule nur selten besuchen, mein Vater brachte ihr Lesen und Schreiben bei. Seine eigene Mutter, meine Großmutter, kam mit einem großen Hut aus der Stadt nach Tegernbach auf den Hof meines Großvaters und musste ihn bewirtschaften. Mein Großvater hatte dazu keine Lust, er wollte lieber Theaterstücke inszenieren. Das tat er zweimal im Jahr mit Laiendarstellern. Das halbe Dorf spielte mit, er war der "Opa Kaiser", bewundert und geachtet für sein Theater. Meine Oma war davon nicht so begeistert, sie musste für das Materielle sorgen, die Schweine im Stall füttern, das Feld bestellen, den Hopfen ernten.

"So a Künstler hod zwoa linke Händ!" Es war ihre Erfahrung mit meinem Großvater, dass er zu nichts zu gebrauchen war.

Mein Großvater sah das nicht so, seine Regiearbeit erfüllte ihn, wenn sie ihn nicht sogar rettete. Es heißt, er sei phasenweise schwer depressiv gewesen und hätte ohne das Theater vielleicht schon viel eher versucht, sich umzubringen. Seinen Selbstmordversuch mit 96 Jahren überlebte er.

All seine inszenierten Stücke hatten eine gewisse Tragikomik. Bei den Aufführungen wurde in Tegernbach laut gelacht. Ich schaute manchmal zu und fiel fast vom Stuhl vor Lachen. "Mogst mitschbuin?", fragte er mich. Ich hatte keine Zeit, denn ich ging ja in München noch zur Schule.

So sehr dem Großvater sein Theater gefiel, so sehr litt meine Großmutter darunter, denn die ganze Arbeit auf dem Hof blieb an ihr hängen. Und dann gab es noch all die Frauen, die er liebte und die er mit nach Hause brachte. Gott sei Dank bekam sie das nicht mit, weil sie draußen auf dem Feld war. Die Beziehung zu meinem Großvater erkaltete dadurch dennoch. Es wurde nicht mehr miteinander gesprochen.

Mein Vater hat sicher mitgelitten mit seiner Mutter, dieser stummen, großen und starken Frau, die in der Früh aufstand und tat, was sie für notwendig hielt. Eiserne Disziplin und auch Demut vor den Tieren im Stall, die sie brauchten, zeichneten sie aus. Demut vor dem Feld draußen, das bewirtschaftet werden sollte, vor den Kindern, die essen wollten. All das übernahm sie. Zur "Oma Kaiser" wurde sie durch meinen Opa.

Einmal durfte ich dabei sein, als Ferkel auf die Welt kamen. Ich vergesse nie das warme rote Licht, und als mir die Oma dann so ein kleines nasses

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