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Leben zwischen den Geschlechtern Intersexualität - Erfahrungen in einem Tabubereich von Fröhling, Ulla (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.09.2013
  • Verlag: Ch. Links Verlag
eBook (ePUB)
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Leben zwischen den Geschlechtern

Etwa 100 000 Menschen in Deutschland sind intersexuell. Manche sehen eindeutig weiblich aus - oft schön wie Models - und haben doch weder Gebärmutter noch Eierstöcke, anderen Mädchen wächst in der Pubertät ein Penis. Bei Jungen hat das Geschlechtsteil mitunter eine so ungewöhnliche Form, daß Mediziner empfehlen, daraus eine Scheide zu konstruieren und das Kind als Mädchen aufwachsen zu lassen - nur drei Möglichkeiten in einer Fülle von Formen der Intersexualität, die im Roman 'Middlesex' nun auch erfolgreich Eingang in die Literatur gefunden hat. Da die Gesellschaft noch kein drittes Geschlecht zuläßt, treffen Eltern und Chirurgen oft frühzeitig eine Entscheidung. War der Entschluß falsch, kann das für die Betroffenen mit großen persönlichen Dramen verbunden sein. Ulla Fröhling lernte viele Intersexuelle kennen, die von ihrem Leben, ihren Kämpfen, Konflikten und dem wachsenden Selbstbewußtsein der Intersex-Bewegung berichten. Einige von ihnen sprechen zum ersten Mal über diesen Tabu-Bereich. Interviews mit Medizinern, Sexualwissenschaftlern, Therapeuten, Informationen über Genetik und ein umfangreicher Service-Teil ergänzen dieses erste deutsche Sachbuch zum Thema.

Jahrgang 1945, Soziologin, freie Journalistin und Autorin; nach 15 Jahren als Redakteurin, Ressortleiterin und Autorin in Frauenzeitschriften arbeitet sie für ARTE, WDR, NZZ-Folio und Die Zeit; als Sachverständige wurde sie in Bundestagsanhörungen zu 'Destruktiven Kulten' gehört, im Europäischen Parlament in Brüssel zu 'Kindesmißbrauch und Kindesentführung'; für ihre Arbeiten zum Thema Trauma erhielt die mehrfach ausgezeichnete Autorin den amerikanischen Media Achievement Award 2001.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 24.09.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862842469
    Verlag: Ch. Links Verlag
    Größe: 726kBytes
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Leben zwischen den Geschlechtern

Intersexuelle - Die Dritten im Bunde

Weltweit gibt es und zu allen Zeiten gab es Intersexuelle: Menschen, die bei ihrer Geburt die Hebamme in Verwirrung bringen, weil sie auf die allererste Frage "Was ist es denn?" nur antworten kann: "Es ist ein gesundes Kind." Ob Junge oder Mädchen, weiß sie nicht so recht. Jedes 1000. bis 2000. Neugeborene, so schätzen selbst vorsichtige Experten, zeigt sich diesem ersten Blick weder als eindeutig weiblich noch als zweifellos männlich. Bei einer weiteren Gruppe, vielleicht sind es ebenso viele, ruft die Hebamme ohne jedes Zögern: "Es ist ein Mädchen!" Doch diese Gewißheit hält nur etwa bis zur Pubertät an. Dann setzen Veränderungen ein, mit denen kaum jemand gerechnet hätte: Manche Mädchen entwickeln sich nicht zu Frauen weiter, andere scheinen sich in Jungen zu verwandeln. Plötzlich steht das ganze Leben für diese Kinder und Jugendlichen in Frage.

Vor 2000 Jahren tauchte der Sohn von Hermes und Aphrodite, schon damals eine Gestalt der Mythologie, in den Metamorphosen des Dichters Ovid 1 auf. Dem 15jährigen begegnete an einer Quelle die Nymphe Salmacis, die sich unsterblich in den Kleinen verliebte und die Götter um Verschmelzung mit ihm bat, "so daß sie weder Knabe noch Frau genannt werden konnten und wie keines oder wie beides schienen". Hermaphroditus eben. Die Metamorphose, die Veränderung geschah in der Pubertät des Jungen, den Sexualität - zumal mit dieser aufdringlichen Nymphe - überhaupt noch nicht interessierte. Pubertät, eine verletzliche Phase des Übergangs, der Verwandlung. Dieser Mythos inspiriert seither die Phantasie von Dichtung, bildenden Künsten und - nicht zuletzt - Sexualwissenschaften. Ich vermute allerdings, daß die lüsterne Nymphe Salmacis nie existiert hat; Aphrodite und Hermes erfanden sie, um zu verbergen, was wirklich geschehen war. Verschiedenen Quellen zufolge waren die beiden nämlich Kinder desselben Vaters: Uranus. Aphrodite ist die Göttin der Liebe, genannt "die Schaumgeborene", - dieser Schaum bildete sich übrigens um das abgeschnittene Geschlechtsteil von Uranus, das auf den Wellen des Meeres trieb; so dicht liegen Liebe und Haß, Zerstörung und Geburt beieinander. Vater Uranus muß diesen beiden Kindern wohl im Chromosomensatz seines Erbguts ein besonderes Gen mitgegeben haben. Ein Gen mit einer Macke. Dieses Gen war rezessiv vererblich, das heißt, es konnte seinen speziellen Auftrag nur erfüllen, wenn es bei der Zeugung auf ein gleiches Gen traf. Dann aber schuf es ein Wesen, das weder Mann noch Frau und wie keines oder wie beides schien. Und da bot eine Geschwisterliebe wie die von Hermes und Aphrodite natürlich optimale Bedingungen. Hermaphrodit - das ist der Beweis - trug seinen Namen von Geburt an, nicht erst seit der Pubertät, als die Verwandlung begann und sichtbar wurde, was sonst noch alles in ihm steckte.

Geschwisterliebe als Transporteur eines mutierten Gens ist auch die Quelle, der Ursprung von Calliope/Cal Stephanides. Calliope ist Heldin - und Held - im mitreißenden Romanepos Middlesex des griechisch-amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides. 2 Ihr besonderes Gen sitzt auf dem Chromosom Nr. 5, Mediziner katalogisieren Calliope als 5-alpha-Reduktase-Pseudohermaphroditen. Sie aber widersetzt sich allen Normierungsversuchen und wird in der Pubertät zum Beinahe-Jungen Cal.

In den Jahrtausenden zwischen diesen beiden Dichtungen gab es viele Mythen, aber auch viele Berichte über reale Hermaphroditen. Jeanne d'Arc, heißt es, hätte XY-Chromosomen gehabt, sei also genetisch männlich gewesen, doch ihre Körperzellen hätten nicht auf Androgene reagieren und daher keine Männlichkeit produzieren können. Lebte sie heute, dann wäre sie vielleicht Mitglied der Selbsthilfegruppe XY-Frauen - statt Krieg gegen England zu führen. Auch der Amerikanerin Wallis Simpson - König Edward VIII. zog sie dem britischen Thron vor -

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