text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Das Spiel ist aus Geschichten über das Verlieren von Gertz, Holger (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2016
  • Verlag: DVA
eBook (ePUB)
13,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Das Spiel ist aus

Hier geht es einmal nicht um die Sieger Der Verlierer ist spannender als der Gewinner, er muss darüber nachdenken, was die Niederlage mit ihm macht. Und er ist uns näher, wir erkennen uns leichter in ihm wieder als im strahlenden Sieger. Holger Gertz, Autor der Süddeutschen Zeitung, beschäftigt sich in seinen Reportagen, Porträts und Essays oft mit Verlierern und Verlorenen. Ob der tragische 54er-Weltmeister Werner Kohlmeyer, die Bayern nach dem verlorenen "Finale dahoam", der Doping-Betrüger Lance Armstrong oder der in Deutschland inzwischen so geschmähte Boris Becker - es ist vor allem die genaue Beobachtung des Geschlagenen, die die Texte zu einem Erlebnis macht. Gertz fällt nicht über den Verlierer her, verklärt ihn aber auch nicht zur tragischen Gestalt. Er nähert sich behutsam, bringt Details zum Sprechen, ignoriert das scheinbar Offensichtliche und holt ihn von der Showbühne ins Leben zurück. Holger Gertz, 1968 in Oldenburg geboren, schreibt seit fünfzehn Jahren für die Süddeutsche Zeitung, vor allem als Reporter der Seite Drei, als Kolumnenautor und als Tatort-Kritiker. Er berichtet von den großen Sportereignissen und zeichnet feinsinnige Porträts, etwa von Udo Jürgens, Egon Bahr oder Franz Beckenbauer. Für seine Reportagen wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Axel-Springer-Preis, dem Georg-Schreiber-Preis sowie (als Teil des Streiflicht-Teams) dem Deutschen Sprachpreis und dem Henri-Nannen-Preis. 2010 war er Reporter des Jahres.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 09.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641196011
    Verlag: DVA
    Größe: 466 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Das Spiel ist aus

VOR DEM SPIEL

Meine Verlierer - Vom Glück, dass ein Leben länger dauert als neunzig Minuten

Im Rückblick zerfällt jedes Ereignis in tausend Einzelbilder, und natürlich erinnert sich jeder an etwas anderes, wenn er gefragt wird: Weißt du noch? Wenn ich mich ans Weltmeisterschaftsfinale 2014 erinnere, das große Spiel zwischen Deutschland und Argentinien, erinnere ich mich zuerst an den Geruch von Schweiß und Rauch auf der Pressetribüne des Maracanã-Stadions von Rio de Janeiro. Das Internet war down, ohne Internet würde keiner der Reporter seine Berichte senden können. Ein Schockmoment. Die Reporter schwitzten, sie rauchten ihre letzten Turnierzigaretten, obwohl die Fifa die Raucherei verbietet. Aber egal. Das Internet ging nicht, und das ist meine erste Erinnerung: wie wir auf der Pressetribüne alle Verlierer waren, Ausgelieferte.

Irgendwann hatten wir dann ein Netz, schwach, aber stabil. Das Spiel lief, ich sah es aus der zweigeteilten Arbeitsposition des Reporters, halbe Aufmerksamkeit auf dem Platz, halbe Aufmerksamkeit beim Text. Wenn man live schreiben muss, legt man sich innerlich irgendwann auf einen Sieger fest, man versucht zu erahnen, wie das Spiel ausgeht, und an dieser Ahnung tackert man den Verlauf der eigenen Story fest. Weil meine Geschichte, während sie entstand, eine Tendenz in Richtung des Weltmeisters Deutschland entwickelte, war ich kein bisschen euphorisch, aber komplett erleichtert, als Mario Götze die Vorlage von André Schürrle tatsächlich annahm und ins Tor zwirbelte. Wir Pressemenschen saßen etwas links vom Mittelkreis, die entscheidende Szene vor dem Tor der Argentinier sahen wir aus der Distanz. Aber das Netz, wie es sich bauschte, sahen wir sehr deutlich. Wenigstens mit dem inneren Auge der Phantasie.

Dann war das Spiel vorbei, ich schickte die Geschichte in die Redaktion und stand von meinem Platz auf, weil alle standen, und weil man stehen muss, wenn man gerade Fußballweltmeister geworden ist. Die Stadionregie spielte irgendwas von Calvin Harris, scheußliche Gebrauchsmusik als Soundtrack eines historischen Moments. Auf dem Rasen lachten die Deutschen, umarmten sich, wurden zum Knäuel aus kleinen, großen Jungs. Sie waren jetzt alle in der Nähe des Mittelkreises, deshalb konnte ich sie von meinem Platz aus gut sehen. Und dann verdichtete sich ein Bild zu einem Moment, der bleibt und bleiben wird, und den ich immer nenne, wenn einer fragt: Weißt du noch? Ich sah Miroslav Klose.

Er saß auf dem Rasen, das Getümmel um ihn herum berührte ihn für den Moment nicht, die johlenden Deutschen, die weinenden Argentinier, die Wichtigtuer von der Fifa mit den Akkreditierungsmarken vorm Bauch. Er saß auf dem Rasen, Miroslav Klose, ein dünner Mann, sechsunddreißig Jahre, eigentlich zu alt, eigentlich zu oft verletzt, eigentlich zu spät dran. Einer von denen in der deutschen Mannschaft, die einen großen Titel immer knapp verpasst hatten. Verlorene Generation, schreiben dann die, die wie ich immer nur auf der Tribüne sitzen. Ein Schlagwort. Ein Urteil. Früher konnte einer, der nichts Großes gewann, trotzdem zur Legende werden, Uwe Seeler zum Beispiel. Heute ist einer, der nichts Großes gewinnt, am Ende eben doch ein Verlierer.

Ein Verlierer, oder ein Unterschätzter, der sich auf den allerletzten Metern und im allerletzten Länderspiel in einen Gewinner verwandelt und sich von vielem befreit, was in ihm frisst und nagt. So was muss wie ein Traum sein.

Weltmeister Klose. Ich erinnere mich, dass ich in Gedanken dieses Begriffspaar aufsagte, es schien noch nicht richtig zusammenzupassen. Weltmeister Klose saß auf dem Rasen. Er stützte sein Gesicht in beide Hände und betrachtete das Gras. Er schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht, was passiert war. Er war, auf eine sehr stille Art, fassungslos.

Sie hätten, ihm zu Ehren, Jimmy Cliff spielen sollen in diesem Stadion: "You can get it if you really want". Das wäre sein Lied gewesen.

Ic

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    HOFER life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier findest du alle deine eBooks und viele praktische Lesefunktionen.