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Chinas Bauch Warum der Westen weniger denken muss, um den Osten besser zu verstehen von Hernig, Marcus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.04.2015
  • Verlag: edition Körber-Stiftung
eBook (PDF)
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Chinas Bauch

Siebenmal Fühlen ist besser als hundertmal Denken, weiß man in China. Während im Westen der Kopf regieren will, entscheidet im Osten weit freimütiger der Bauch. Freude, Wut, Trauer, Angst, Liebe, Hass und Begehren: In China bilden diese sieben Grundgefühle die sozial akzeptierte Grundlage des menschlichen Verhaltens. In 14 Episoden und ungewöhnlichen Begegnungen spürt der Journalist und Asienkenner Marcus Hernig dem Fühlen der Menschen nach. Nichts entgeht dem genauen Beobachter. Ungeschönt, aber voller Humor und mit großer Empathie erzählt er von ihrem Miteinander, ihrem Glück, ihrem Leid. Schnell wähnt sich hier der Leser in ihrer Mitte. Ein sehr persönliches Porträt der chinesischen Gesellschaft. Und ein Kultur(ver)führer für alle, die das Reich der Mitte von seiner anderen Seite kennenlernen wollen.

Marcus Hernig ist promovierter Sinologe, Publizist und Buchautor. Seit 1992 lebt er vor allem in China und war mehrfach für das Goethe-Institut in Ostasien tätig, zuletzt als Leiter der Dependance in Kyoto/Japan. Er lehrt zudem an chinesischen Hochschulen in Hangzhou und Schanghai und berät Unternehmen in Fragen chinesischer Kultur und Kommunikation. Hernig schreibt vor allem über Kultur und Gesellschaft in China, zuletzt für GEO Special "Shanghai, Peking, Hongkong". Er lebt und arbeitet in Deutschland und China.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 230
    Erscheinungsdatum: 22.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896844835
    Verlag: edition Körber-Stiftung
    Größe: 1630 kBytes
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Chinas Bauch

Warm, satt, dunkel und süß
Wer China verstehen will, muss es erfühlen

1992 kam ich nach China. Zum ersten Mal. Ich habe vergessen, was ich damals dachte, weiß aber noch sehr genau, wie sich Nanjing anfühlte. Die Stadt, in der ich mehrere Jahre lang studieren sollte, war warm, pulsierend, aufregend. Dabei konnte ich fast nichts erkennen, die wenigen funzeligen Glühlampen kamen gegen die Dunkelheit nicht an. Was ich aber fühlte und vor allem roch, war dramatisch genug. Die fremden Gerüche strömten aus der Richtung der lichtschwachen Lampen. Ich strengte meine vom Jetlag gestressten Augen an und erkannte die schemenhaften Umrisse der Männer und Frauen, die, hinter kleinen Wagen, alle das Gleiche zu tun schienen. Sie kochten. Vor ihnen standen Menschen. Junge Menschen. Studenten, vermutete ich, denn das Taxi, mit dem ich gekommen war, sollte mich ja vor dem Tor jener Universität absetzen, für die ich ein Stipendium erhalten hatte.

Als ich mich den Garküchen näherte, kicherten mir junge Frauen entgegen. Ihre leichten Baumwollkleider und Schnallenschuhe erinnerten mich an die Mode aus den Jugendtagen meiner Mutter. Sie knabberten an ihren Tofu-Spießen, scherzten und hatten ihren Spaß. Männer saßen mit hochgerollten T-Shirts um die Garküchen herum, aßen Fleischspieße und gebratene Nudeln. Sie strichen sich dabei über die nackten Bäuche und prosteten mir mit großen Bierflaschen zu. Die Botschaft war einfach und klar: "Setz dich, iss mit und nimm wahr, was wir dir erzählen." Mein Verstand protestierte, es sei doch sehr spät und das Hotel noch nicht gefunden. Doch ich hörte auf meinen Bauch und setzte mich. Nicht zum ersten Mal hatte mein Bauch entschieden: Er ist nämlich kein oberflächliches Organ, wie Haare, Haut oder Fingernägel, die man beliebig schminken und verändern kann. Der Bauch war und ist unveränderlich das Zentrum unseres Körpers. Zunächst muss er all das verdauen, was wir im Laufe unseres Lebens in uns hineinstopfen. Das sind nicht nur die Nudeln, Fleischspieße, Gemüsepfannen, Reisgerichte, Süßigkeiten und was dem Menschen auf der Welt so alles zur Nahrung dient, sondern auch die vielen Erlebnisse, die er dann zu Gefühlen "verarbeitet". Wir sprechen vom Bauchgefühl, fühlen Liebe als "Schmetterlinge im Bauch", spüren, dass Ärger uns auf den Magen schlägt und sogar den Appetit verderben kann. Ein beträchtlicher Teil der menschlichen Wahrnehmung scheint rund um Magen und Darm verortet zu sein.

Das hat die Wissenschaft längst bestätigt. Neurowissenschaftler sprechen von einem "zweiten Gehirn" in der Bauchregion, das aus rund 100 Millionen Nervenzellen besteht. Diese Nervenzellen sind eng mit dem "Kopfgehirn" verbunden, wo schließlich alle Wahrnehmungen des Bauchs weiterverarbeitet werden. Was wir also vage als "Bauchgefühl" bezeichnen, hat seine reale Grundlage in diesem äußerst feinen Nervengeflecht in der Mitte unseres Körpers. Dabei ist erstaunlich, dass die Dinge, die der Bauch dem Kopf weitergibt, 90 Prozent aller ausgetauschten Informationen zwischen diesen beiden Körperregionen ausmachen. Der Bauch hat dem Kopf deutlich mehr zu sagen als umgekehrt.

An meinem ersten Abend im sogenannten Fernen Osten traf ich diese kleine "Bauchentscheidung" und blieb ganz glücklich mit den anderen unbeschwerten Genießern sitzen. Daher ist auch das erste Gefühl, das ich mit China verbinde, das Glück. Später, als ich mehr von und über China wusste, lernte ich, dass einst der Glücksgott zu den wichtigsten Göttern des Landes zählte - und alle Menschen bis heute immer irgendwie nach dem Glück suchen. "Nie zu groß darf es sein, das Glücksgefühl", erzählte mir Jahre später einmal ein Künstler. In jener warmen, dunklen Septembernacht war es mir jedenfalls vergönnt, mein kleines Glück mit anderen zu teilen: in eine warm gefüllte Teigtasche zu beißen und zu spüren, wie mein Magenknurren in träge Zufriedenheit überging. "Warm, satt, dunkel und süß", stellte v

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