text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Iran, Ordibehescht 1396 von Welzbacher, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2018
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
10,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Iran, Ordibehescht 1396

Eine Reise als Herausforderung, Ordibehescht 1396: Drei Wochen Iran im Mai 2017, ein Land, überfrachtet mit Klischees, Behauptungen, politischen und religiösen Vorstellungen. Drei Wochen gegen die Unzulänglichkeiten des eigenen Wahrnehmungsapparates anrennen wie gegen eine Mauer. Drei Wochen Begegnungen mit Menschen, Städten, Landschaften, die alle Klischees, Behauptungen und Vorstellungen Lügen strafen. Ordibehescht: Der iranische Frühlingsmonat verspricht Aufbruch in eine neue Zeit - die Jahr um Jahr auf sich warten lässt. Ordibehescht: drei Wochen Stau, Taroof und Grillfleisch, drei Wochen Fußballverrücktheit, Kinobesessenheit und flatternde Tschadors. Ordibehescht: ein Aufruf zum Dialog mit dem vermeintlichen Feind, ein Plädoyer für einen neuen Frühling. Welzbachers Reisebilder erzählen von historischen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen Persien und dem Westen; vom Vielvölkerstaat Iran; vom Nutzen und Nachteil der Kultur- und Wirtschaftspolitik; von den Nöten und Wünschen einer Mittelschicht im Wartestand - deren Probleme man erstaunlicherweise auch aus Europa zu kennen scheint. Christian Welzbacher, 1970 geboren, lebt in Berlin. Neben der Arbeit als Autor arbeitet Welzbacher als Ausstellungsmacher und Übersetzer und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Theodor-Fischer-Preis des Zentralinstituts für Kunstgeschichte und dem Kritiker-Förderpreis der Bundesarchitektenkammer.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 18.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957576590
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Serie: Punctum .008
    Größe: 3137 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Iran, Ordibehescht 1396

Auf dem Weg zum Filmmuseum geht es Richtung Tajrishplatz, dem Zentrum des Teheraner Nordens, die kolossale Vali-Asr hoch, die längste Straße der Hauptstadt und eine der vielen Verkehrsschlagadern, die an chronischer Thrombose leiden. Der erste Gang röhrt. Zweieinhalb Meter rumpeln. Die Bremse quietscht. Wir werden nach vorn geschleudert und wieder zurück in die Sitze. Der Fahrer hupt lethargisch. Öööö-ööööö tönt überall um uns her.

Die Straße ist breit und komfortabel, sechsspurig ausgebaut. An den Rändern, hinter gepflegten, blumenbesetzten Grünstreifen und Gehwegen, liegt Bauland, mit blaulackierten Spundwänden eingezäunt. Die Kräne beziehen bereits Stellung, Container für die Mannschaften der Bauarbeiter sind aufgestapelt, bald kommen die Stahlträger, aus denen man hier die Skelette der Hochhäuser montiert. Da die Straßenachse, auf der wir uns befinden, über mehr als ein Dutzend Kilometer kontinuierlich ansteigt, den schalen Süden der Stadt mit dem schicken Norden verbindet, hat man aus dem Taxi einen herrlichen Panoramablick, der von einer kolossalen Gebirgswand abgeschlossen wird, vor der die Nordteheraner Skyline wie eine Ansammlung von Spielklötzchen wirkt. Die Sonne spiegelt sich in den Blechen der Wagen, die Stoßstange an Stoßstange stehen, ein vielgliedriger Lindwurm, der in die Seitenstraßen drängt, die Hauptstraßen flutet, die Abkürzungen verstopft und die Zubringer versperrt, sich über Stadtautobahnen ausbreitet, über Brücken grätscht, durch Unterführungen und Tunnels wühlt.

Die allmählich aufkommende Schwüle des frühen Nachmittags macht das Staustehen immer unerträglicher. Gestern hat es den halben Tag kräftig geregnet. Heute früh war es zunächst bedeckt, gegen elf dann riss der Himmel auf, die Sonne schnitt Grimassen, die Ausdünstungen des Asphalts und der Motoren sättigten die Luft: Schnappatmung, Halskratzen, Migräne. Mit Glück (wir haben heute keines) regieren auf dem Teheraner Hochplateau leichte Fallwinde, die sich an den Elburz-Ausläufern verfangen und von dort aus sanft in die Tiefe rollen. Rollten wir, so rollten wir ihnen entgegen. Aber wir rollen nicht, und der Wind hat seinen Betrieb gerade eingestellt.

Golineh lächelt und zuckt mit den Schultern. Sicherlich, wir waren vor zwei Stunden verabredet gewesen. Aber der Verkehr ...

Wir sitzen im Entwurfsstudio von Diba Tensile Architecture, einem der führenden Architektur- und Ingenieurbüros des Iran. Es residiert in einer kleinen, niedrigen Hinterhofbaracke mit schummrigen Oberlichtern. Überall Bücherregale, Beistelltische, Raumteiler, Deckenfluter, dazwischen eine Kochnische, davor Kisten und Kartons. Im Zentrum des Raumes weiße Schreibtischplatten auf einfachen Metallböcken, zu zwei Gruppen zusammengeschoben, an denen jeweils acht Mitarbeiter sitzen oder zehn oder zwölf, von Projekt zu Projekt verschieden. Es herrscht gemütliche Enge, die Stimmung ist geschäftig, aber gelassen.

Vor einer Art verrammeltem Alkoven, in dem der dynamische Bürovorsteher Alireza Behzadi thront und seine Anweisungen an die überwiegend weiblichen Mitarbeiter gibt, steht ein dunkles Sofa. Hierhin komplimentiert mich Golineh. Alireza, der den kurzen Handschlag mit einem "See you" kombiniert, beachtet uns nicht weiter, schaut abwechselnd auf den Bildschirm seines Rechners und telefoniert. Der flinke, mausäugige Bürodiener stellt auf dem gläsernen Tischchen vor uns Tee und Süßigkeiten bereit.

Golineh ist Anfang dreißig, spricht hervorragendes Englisch. Sie ist ausgebildete Architektin und für die Kommunikation des Unternehmens zuständig. Sie scheint alle Zeit der Welt zu haben - und selbst wenn die Herstellung dieses Eindrucks bloß zum Geschäft gehören mag, so kann ich nicht anders, als Golinehs Kunst der Gastlichkeit wertzuschätzen, nicht allein, da sie vielen anderen Menschen abgeht, sondern weil ich eine Ruhe vermittelt bekomme, die ich im Trubel

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen