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Wortwalz Von einer die schreibt und nirgends bleibt - eine Reporterin auf Wanderschaft von Schober, Jessica (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.01.2016
  • Verlag: Edel Germany GmbH
eBook (ePUB)
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Wortwalz

Eine junge Journalistin bricht von ihrem Schreibtisch auf und tut es den Wandergesellen gleich, die seit dem Mittelalter auf die Walz gehen. Ohne Geld fürs Reisen oder Übernachten auszugeben, ohne Handy, ohne Laptop trampt und wandert sie durch die Republik, um als Reporterin zu arbeiten. Was als Reise in den Lokaljournalismus beginnt, wird immer mehr zu einem Trip, der über das journalistische Arbeiten weit hinausgeht. Jessica Schober nimmt die Leser mit in die faszinierende Welt der Wandergesellen und erzählt von ihren Begegnungen am Wegesrand.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 25.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841904355
    Verlag: Edel Germany GmbH
    Größe: 16103 kBytes
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Wortwalz

Losgehen - Letzter Schnaps am Ortsschild München

Jetzt gibt es nichts mehr, das mich hält. Beduselt sitze ich oben auf dem gelben Ortsschild am Stadtrand von München. Ich lasse mich auf der anderen Seite herunterfallen, schultere den roten Rucksack und laufe los in mein großes Abenteuer. Und drehe mich nicht noch einmal um. Mein Kopf fühlt sich nach der Beerdigung der halbleeren Schnapsflasche unterm Ortsschild so an: ziemlich voll. Die Nacht zuvor habe ich kaum geschlafen, habe in alberner Aufgeregtheit versucht, den großen roten Rucksack zu packen. Immer wieder räumte ich Dinge ein und wieder aus. Das Pfefferspray von meiner Mitbewohnerin. Das Taschenmesser von einer Kollegin. Um Himmels willen, wovor soll ich mich denn damit bloß verteidigen? Ich versuche das Gepäck zu reduzieren, denn vom Wandern weiß ich: Es ist bloß die eigene kiloschwere Eitelkeit, die ich mir da auf den Rücken lade. Vor Jahren bin ich einmal zu Fuß von München nach Venedig gewandert, da hatte ich nicht mal ein Deo dabei. Jetzt landet ein Kajalstift in meinen Rucksack. Er wird nicht das einzige Gepäckstück sein, das ich in den nächsten Wochen und Monaten wieder nach Hause schicke.

Ich halte mich an die Tradition der Walz, so gut es eben geht. Anders als Wandergesellen trage ich aber keine Kluft. In ihrem schönen doppeldeutigen Wortsinn bildet die Kluft tatsächlich eine Kluft. Zwischen Reisenden und Kuhköppen. Sie ist Wandergesellen vorbehalten, sie ist Fluch und Segen zugleich. Wer trägt schon gerne bei 30 Grad im Schatten auf einer Baustelle eine Hose aus festem schwarzen Cordstoff? Wer achtet schon gern bei jeder Gelegenheit auf seinen Deckel, den Hut? Überhaupt ist es heikel mit diesen Hüten. Man sagt, ein Wandergeselle zieht vor niemandem den Hut, nur vor der Küche, manche auch vor der Kirche. Wer einem Tippelbruder aber den Deckel klaut, muss ihn mit einem Kuss bezahlen. Wer es wagt, den Hut auch noch aufzusetzen, muss die Nacht mit ihm verbringen. So sagen es jedenfalls manche ...

Die Gesellenkluft ist ein Hingucker. 80 Zentimeter weit ist der Schlag der Hose, mindestens vier Zentimeter breit die Hutkrempe. Ein Staudenhemd, ein Jackett mit sechs Knöpfen, eine Weste mit acht. Sie stehen symbolisch für sechs Tage Arbeit in der Woche, acht Stunden am Tag. Die Farbe der Kluft lässt das Handwerk des Reisenden erkennen: Zimmermänner, Schreiner und die sogenannten Holzgewerke tragen Schwarz, Steinberufe Grau oder Beige, Metallhandwerker Blau, farbgebende Berufe wie Schneiderinnen und Maler Rot. Jede Gruppe hat ihre eigenen Erkennungszeichen. Die einen tragen Knöpfe groß wie Untertassen am Jackenrevers, die anderen klappen den Stehkragen ihres Staudenhemds nach innen ein. Wer ein Metermaß in der Hosentasche trägt, der arbeitet gerade. So erzählt jedes Detail eine Geschichte. Es sind die Codes der Vagabunden.

Wandergesellen haben sogar eine eigene Sprache. Sie nennt sich Rotwelsch, ist geheimnisumwittert. Ihre Wurzeln reichen zurück zu einer mittelalterlichen Gaunersprache. Dabei fin-den sich Spuren davon sogar in unserem Alltagswortschatz. Das Wort "Schlitzohr" ist ein Beispiel dafür: Ein Wandergeselle trägt im linken Ohr einen Ring als einzigen Wertgegenstand bei sich. Auf das Versprechen, sich ehrbar und löblich zu verhalten, wird ein jeder festgenagelt. Mit einem Nagel wird das Ohrläppchen ans Holz gehämmert, in das genagelte Ohr ein sogenannter Hänger gesteckt. Manche sagen, mit diesem Ohrring sollte ein Wandergeselle im Notfall seine Bestattung bezahlen. Lässt sich ein Wandergeselle nun etwas zu Schulden kommen und verhält sich grob unehrenhaft, wird ihm der Ohrring von Kameraden ausgerissen. Am geschlitzten Ohrläppchen erkennt man also den Untugendhaften, das Schlitzohr.

Als Wandergeselle ist man immer Repräsentant, steht stellvertretend für die Handwerkerehre. Und muss manchmal im 5-Minuten-Takt Auskunft geben und die immer gleichen Fragen beantworten. Man wird allerorten erkannt und anges

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