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34 Tage - 33 Nächte Von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld von Altmann, Andreas (eBook)

  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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34 Tage - 33 Nächte

Andreas Altmann verlässt im Sommer 2003 seine Wohnung in Paris. Im Gepäck 2,77Euro, ein paar Salamischeiben, zwei Dutzend Zigarillos, Schlafsack, Kompass und ein Taschenmesser. Sein Ziel ist Berlin, sein fester Wille, den Zeitgenossen, die er auf seiner Fußreise trifft, ein paar Storys und ein wenig Geld zu entlocken. Wird er gastfreundlich bewirtet, bestens, hat er nichts zu essen, muss er hungern, wird er zum Übernachten in ein Haus eingeladen, warum nicht. Meist schläft er aber unter freiem Himmel oder sucht in großen Städten nach Notunterkünften. Altmann ist in erster Linie ein Geschichtensammler, der Menschen zum Reden bringt, der hinsieht und zuhören kann.

Andreas Altmann zählt zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Seume-Literaturpreis und dem Reisebuch-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm "Frauen.Geschichten." sowie die Bestseller "Verdammtes Land. Eine Reise durch Palästina", "Gebrauchsanweisung für die Welt" und "Gebrauchsanweisung für das Leben". Andreas Altmann lebt in Paris.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492956352
    Verlag: Piper
    Größe: 5457kBytes
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34 Tage - 33 Nächte

Elfter Juni

Gestern, so sagen jene, die ohne Zahlen nicht leben können, ging die Sonne zum 1825 Milliardsten Mal auf. Als ich ein Kind war und die größte Ziffer herausfinden wollte, schrieb ich auf ein Din-A4-Blatt lauter Neunen. Und Robert, mein Freund, schrieb daneben: "Und eins." Robert war klüger als ich. Er hatte bereits begriffen, dass ein schnelles Ende nicht zu erwarten ist. Als ich um 6.14 Uhr die Haustür hinter mir schließe, denke ich an den Zwölfjährigen. Zum 1825 Milliardsten und ersten Mal geht die Sonne heute auf. Ich sehe in ihr Gesicht und fürchte mich. Seit Tagen glüht der Himmel.

Stiller, klarer Morgen, Paris s'éveille , Paris erwacht. Zwei Straßenkehrer öffnen einen Gully, Wasser spritzt, die Sonne leuchtet auf ihre schwarze Haut. Wir kennen uns flüchtig, noch nie haben wir miteinander geredet. Keiner von uns lächelt.

Nach dreizehn Minuten lege ich den ersten Pump an. Ich mag den Ausdruck, er steht bei Henry Miller, der zehn Jahre in Paris gelebt hat und bisweilen die Hand ausstrecken musste, um über den Tag zu kommen. Ich muss umgehend lernen, mich zuüberwinden. Und die Scham auszuhalten, das Ausgeliefertsein, das ranzige Mitleid.

Als Anfänger betrete ich die erste Bäckerei und sage "Guten Morgen" und "Haben Sie etwas altes Brot für mich, bitte?" Die Bäckerin interessiert nicht einmal mein Bonjour , sie antwort "non" und wendet sich ab. Zwei weitere Pumps gehen daneben, das dritte Weib wirft mir noch die Moralkeule hinterher: "on n'a rien sans peine" , ohne Fleiß, kein Preis.

Frühbegabte sehen anders aus als ich. Aus drei von Kuchen und zwanzig Brotsorten überquellenden Läden hole ich nicht einen Zipfel. Immerhin lehren sie mich von Anfang an, was es geschlagen hat: Niederlagen zu verkraften.

Ich mag keine Verlierer. Noch weniger ertrage ich die pausenlosen Sieger. Ich will zu denjenigen gehören, die bauchlanden und wieder abheben.

Nach einer halben Stunde verlasse ich Paris. Nichts könnte der Stadt gleichgültiger sein. Keine vierzig Minuten sind vergangen, und eine erste Depression nagt. Jeffrey fällt mir ein. Ich merke, dass mein Hirn nach Erinnerungen sucht, die mich nähren, wenn es sein muss, peitschen: Richtung Osten, Richtung Berlin. Habe ich Glück, dann treffen in meinem Kopf die richtigen Bilder und Gedanken ein. Mit ihnen könnte ich es schaffen.

Jeffrey war ein homeless bum , ein obdachloser Nichtstuer, der ruhelos vor dem Haus, in dem ich in New York wohnte, auf und ab rannte. Als ich ihn nach dem Grund für seine Ruhelosigkeit fragte, meinte er: " Walking off my anger ", mir den Ärger aus dem Leib treten. Jeffrey tut gut, ich gehe schneller, will wütend sein wie er.

Durch Montreuil, die erste banlieue , den ersten Vorort. Banlieue ist ein sinniges Wort: "Bannmeile", hier stranden jene, die es nicht nach Paris geschafft haben. Schon haben die Arbeitslosen auf den Terrassen der Cafés Stellung bezogen und richten sich ein für den Tag. Hier zahlen sie nicht für den Kaffee, hier zahlen sie für die Möglichkeit, möglichst lange hocken bleiben zu dürfen. Einer feilt mit einem Bimsstein die Nägel, einer redet mit sich selbst, einer bohrt in der Nase, bis das Blut den Zeigefinger herunterfließt.

Die nächsten drei Bettelgänge folgen. Ein Metzger schaut immerhin nach, ob irgendwo eine Wurst von vorgestern herumliegt. Rien , alles schon in der Mülltonne. Nicht, dass er auf die Idee käme, mir eine frische anzubieten. Ein Apfel aus einem Obstladen? Von wegen. Ich hole einen Mann mit zwei Baguettes auf der Straße ein. Ob er mir ein St&uu

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