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Balkanbeat Meine Suche nach Patrick Leigh Fermor von Obert, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.02.2013
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Balkanbeat

1933 wanderte ein Engländer zu Fuß von Rotterdam nach Istanbul. Sein Name: Patrick Leigh Fermor. Für den leidenschaftlichen Reisenden Michael Obert steht Fermor am Anfang seines eigenen Umherschweifens. Als er eines Tages durch Zufall erfährt, dass sein Vorbild noch lebt, begibt er sich auf die Suche nach dem fast 100-Jährigen. Von Berlin über Wien nach Pressburg, durch Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien und Albanien bis auf den südlichen Peloponnes. Oberts Begegnung mit diesem für ihn fremden Teil der Welt mündet in ein ebenso persönliches wie poetisches Porträt Osteuropas und des ureigenen Lebensrhythmus seiner Bewohner. Michael Obert, 1966 in Breisach am Rhein geboren, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete längere Zeit im mittleren Management, bis er zu einer zweijährigen Reise durch Lateinamerika aufbrach. Anschließend begann er ein neues Leben als Buchautor und Journalist. Seine ausgedehnten Reisen führtenMichael Obertnach Mittel- und Südamerika, in den Südpazifik, nach Asien und Afrika. In seiner Reiseerzählung "Regenzauber" erzählt er von seiner siebenmonatigen Reise von der Quelle bis zur Mündung des Niger, wofür er mit dem Globetrotter-Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt von ihm erschienen: "Die Ränder der Welt. Patagonien, Timbuktu, Bhutan & Co." sowie "Chatwins Guru und ich. Meine Suche nach Patrick Leigh Fermor". Wenn Michael Obert nicht auf Reisen ist, lebt er in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 27.02.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492961523
    Verlag: Piper
    Größe: 6743 kBytes
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Balkanbeat

BERLIN

Dass ich los muss, aufbrechen, ihn suchen – sofort. Ich wusste es im Moment, als ich erwachte und in tiefster Dunkelheit die Augen aufschlug, ohne eine entfernte Ahnung davon zu haben, wo ich mich befand. Ein kaum hörbares Summen vibrierte im Raum, wie von einem Falter, der sich aus seiner Puppe befreite, die staubigen Flügel straffte und sie ganz in der Nähe meines Ohrs zum ersten Mal vibrieren ließ. Das Geräusch riss ab, ich sah verschwommen ein Fenster, Licht fiel herein, streifte mich und erlosch wieder, während jemand langsam, sehr langsam an meinen Linsen drehte, bis meine Netzhäute ein scharfes Bild empfingen. Vor dem Fenster erkannte ich kahle Zweige, die sich vom Nachthimmel abhoben: ein Baum, die Buche, die Buche in meinem Hinterhof – ich lag in meinem Bett, zu Hause.

Die Uhr zeigte kurz vor vier, Ostermontag, Tag der Auferstehung. Ich schob das Leintuch beiseite und stieg aus dem Bett. Es war eine ganz selbstverständliche Bewegung, und dennoch schien etwas Besonderes in ihr mitzuschwingen, das versponnene Netz eines Plans, der sich mir nur ansatzweise erschloss. Würde es dort, wo ich hinreiste, regnerisch sein? Windig oder kalt? War das wichtig? Ich packte, wie ich immer packte, mechanisch, wie in Trance, stopfte die üblichen Sachen in meinen Seesack, der seinen Platz neben dem Schrank hatte, ohne jemals ganz ausgepackt zu werden, ließ die Verschlüsse zuschnappen, nahm die Bücher aus dem Regal – seine Bücher –, verstaute sie in der Außentasche und sah meine Papiere durch; dann schor ich meinen Kopf, schnitt Finger- und Fußnägel, duschte den Schlaf von der Haut, ließ alles Unnötige zurück und trat hinaus auf die Straße.

Als ich die kalte Nachtluft einsog, verspürte ich etwas wie Erleichterung. Ein Reinigungswagen bog um die Ecke, zwischen den Rädern schrubbten runde Bürsten über den Gehweg. Über den Fassaden ragten steile, dunkle Dächer einer tief hängenden Wolkendecke entgegen, die tagelang keinen Sonnenstrahl durchlassen würde. Und dann regnete es. Die ersten Tropfen zersprangen auf dem Asphalt wie Glaskugeln. Im Sommer hätte sich der Regen in einen trügerischen Dunst verwandelt, um aus dem Innersten der Straße eine schmerzhafte Euphorie aufsteigen zu lassen. So jedoch lag im gespannten Zittern der kleinen Perlen, die hier und da in der Nacht glitzerten, lediglich eine Ahnung von den kreisenden Zyklen der Dinge, von Anfängen und Enden, die sich immerzu wiederholten und sich gegenseitig jagten, bis sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren.

Dieses Mal würde es ein Anfang sein, eine Geburt – meine Geburt.

Meine Schritte beschleunigten sich, ich gehe, ah, wie gut das tut, dass ich gehe, Ampeln blinken orangerot, der eisige Wind weht Müll über verwaiste Kreuzungen, einem U-Bahn-Schacht entströmt der schale Geruch von Schweiß und schlechtem Atem, von Menschenmassen mit hängenden Mundwinkeln. Ich bin unterwegs, es regnet, es ist Nacht; mit einem Mal überkam mich das überwältigende Gefühl, der einzige Mensch in dieser großen Dunkelheit zu sein. Im Osten, am Ende der Häuserfluchten, schien ein bleigrauer Streifen am Himmel auf. Ich lief ihm entgegen, den halb vollen Seesack geschultert, an der Schwelle zwischen Nacht und Tag, einem Übergang, an dem alles geschehen konnte.

Der Frau hinter dem Schalter am Ostbahnhof standen die Strapazen der Ostermast ins Gesicht geschrieben. Aufgetriebene Backen pressten ihre Lippen zu einem rot bemalten Vogelmund zusammen, ihr sonst akkurat frisiertes Haar war um den Scheitel verklebt. Sie trug eine hellblaue Bluse und ein seidenrotes Halstuch, die Schulterpartien ihrer dunklen Jacke waren mit etwas bestäubt, das aussah wie z

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