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Ein Jahr in Istanbul Reise in den Alltag von Tomerius, Cornelia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.09.2014
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Ein Jahr in Istanbul

'Sie wissen nicht, wie hier im Sommer die Winde wehen und den Leuten fast den Verstand rauben. Sie wissen nicht, wie sich die Stadt verändert, wenn Ramadan ist. Sie wissen nicht, wie unglaublich bürokratisch es hier ist - und dann wieder südländisch unkompliziert.' Dann wendete sie sich wieder zu mir: 'Sie sollten eine Zeitlang in Istanbul leben. Ein Jahr brauchen Sie, mindestens.' Cornelia Tomerius, geb. 1974, lebt als frei Journalistin in Berlin. Sie schreibt u.a. für Merian, Die Zeit, Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 25.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451802614
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 4142 kBytes
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Ein Jahr in Istanbul

März
Die schönste Bardame der Welt

"Eigentlich wollte ich hier nur vorbeischauen. Aber wer einmal hier ist und die Schönheit der Stadt sieht, verlässt sie nie wieder, verstehst du?"

(HASSAN VOM PEYOTE-CLUB IN "UNDER THE BRIDGE – THE B-SIDE OF ISTANBUL" VON FATIH AKIN)

"TSCHAI?", FRAGT FRAU Ö. knapp und gießt, ohne die Antwort abzuwarten, den heißen Tee in die Tasse. Ich nehme in dem Sessel Platz, den sie mir mit einer unwirschen Geste zuweist, und betrachte sie neugierig. Frau Ö. trägt das einst blonde Haar zu einem opulenten Dutt drapiert und gehört zweifellos zu den Frauen, die auch jenseits ihrer Jugend als schön bezeichnet werden. Als das Alter die unvermeidlichen Linien in ihr Gesicht gezogen hat, ist es dabei vorgegangen wie der Erbauer eines komplizierten Saiteninstruments, der nur sehr feines Material verwendet und jede Saite sorgfältig platziert. Bei einem Lachen würde eine nach der anderen zärtlich gestrichen, wie beim leisen Akkord auf der Laute, nur dass die Harmonie, die dabei entsteht, sichtbar ist und nicht zu hören. Im Moment jedoch ist von Heiterkeit keine Spur. Der Mund von Frau Ö. ist zu einem dünnen Strich geschrumpft, und auf der Stirn üben sich die Fältchen in einer düsteren Moll-Arie. Sie nimmt einen Schluck Tee und kommt ohne Umschweife zur Sache.

"Mir gefällt ganz und gar nicht, was meine Kinder da ausgeheckt haben."

Ich folge ihrem Blick, der in einem Winkel von knapp dreißig Grad an mir vorbei auf die Wand gerichtet ist. In Silber gerahmt hängen sie da, die drei Übeltäter. Ich kenne nur Tochter Suzan, die das Blond von der Mutter und die markante Nase vom Vater geerbt hat und nun mit meiner Hilfe ein wenig mehr als deren Gene an die Nachwelt weitergeben möchte.

"Sie glauben, ich sei einsam seit dem Tod ihres Vaters", fährt Frau Ö. fort, den Blick noch immer auf die gerahmte Nachkommenschaft geheftet. Dann schaut sie mich verbittert an: "Doch statt mich einfach häufiger zu besuchen, jagen sie mir eine Ghostwriterin auf den Hals."

So verächtlich spricht sie das Fremdwort aus, dass ich für einen Moment wünschte, Ghostwriting hätte auch damit zu tun, unsichtbar wie ein Geist durch Wände verschwinden zu können.

"Wenn ich Ihre Kinder richtig verstanden habe, geht es ihnen nicht um eine Ganztagsbetreuung für ihre Mutter, sondern darum, Ihre Lebensgeschichte aufschreiben zu lassen, damit Ihre Enkel und Urenkel sie eines Tages nachlesen können."

"Meine Lebensgeschichte!", ruft Frau Ö. aus. "Als ob die so interessant wäre."

Natürlich kokettiert sie. Zu gut weiß sie, wie spannend ihre Biographie auf andere wirkt, zumindest auf arglose Dreißigjährige, die Berlin bis dato für den Nabel der Welt hielten. In den Fünfzigern hatte sich Marianne K. aus Oberbayern unsterblich in einen durchreisenden Türken verliebt. Seinetwegen ließ sie Familie, Freundinnen und das aufziehende Wirtschaftswunder hinter sich und folgte ihm in den Orient, von dem sie damals nicht viel mehr wusste, als Scheherazade ihrem Sultan einst geflüstert hatte. Aus Fräulein K. wurde Frau Ö. und aus der Ingolstädterin eine Istanbulerin. Sie gebar drei Kinder, lernte die Stadt und den Bosporus lieben, und zwar so sehr, dass sie auch nach dem Tod ihres Mannes vor wenigen Jahren nicht nach Deutschland zurückkehren wollte. Angesichts der umfangreichen Antiquitätensammlung in ihrer Wohnung scheint eine gewisse Sesshaftigkeit allerdings auch verständlich.

"Haben Sie schon eine Fahrt auf dem Bosporus gemacht?", fragt Frau Ö. unvermittelt. Ich nicke, erleich

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