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Lesereise Budapest Der frivole Charme der Brückenstadt von Hell, Cornelius (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2012
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Budapest

'Budapest, so nah, so fremd. Cornelius Hell führt uns durch eine Metropole in Mitteleuropa, die immer in der Gefahr stand, hinter ihren eigenen Legenden zu verschwinden und ihre historischen Erfahrungen zu verleugnen. Er erzählt kenntnisreich, begeistert, empört. Und preist Schönheit und Charme einer Stadt, um die er bangt.' Karl-Markus Gauß Die Budapester Fischerbastei mit ihrem unvergleichlichen Blick auf die Donau, feurige Zigeunermusik und der legendäre Gulaschkommunismus - der Blick auf die ungarische Hauptstadt ist voll positiver Klischees. Und nicht zu vergessen: Paprika und Fischsuppe. Die Ungarn sind Österreichs Lieblingsnachbarn, und auch mit Deutschland gibt es viele Freundschaften. Doch in letzter Zeit hat das Image der charmanten Metropole durch rechtsradikale Schlägertrupps und das umstrittene ungarische Mediengesetz einige starke Kratzer bekommen. Es zeigt sich: Budapest ist eine Stadt mit vielen Widersprüchen. Cornelius Hell hat Streifzüge durch Budapest unternommen. Er flaniert nicht nur durch das Areal der imposanten Burg, über die Donaubrücken und durch die Altstadt, sondern erzählt auch Alltagsgeschichten von der ungarischen Mentalität, beschreibt, wie die außergewöhnliche Sprache funktioniert, und macht neugierig auf kulinarische Genüsse. Er geht magyarischen Mythen nach und entdeckt verborgene Winkel der Metropole, die einen Besuch lohnen und viel über diese Stadt erzählen. Cornelius Hell, Autor, Übersetzer und Literaturkritiker, geboren in Salzburg, lebt in Wien. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, diverse Lehraufträge, Sendungen für den ORF und den Bayerischen Rundfunk, zahlreiche Kritiken und Essays. Im Picus Verlag erschienen seine Lesereisen Vilnius, Budapest und Ungarn.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 01.03.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750891
    Verlag: Picus
    Größe: 599 kBytes
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Lesereise Budapest

Mein Budapest

Erfahrungen aus drei Jahrzehnten

Wenn Prag das Herz von Mitteleuropa ist, ist Budapest sein Schoß.

György Konrád

Ungarische Lieder, unverstanden. Zum Blick aus dem Haus meiner Kindheit auf das weite Feld eines Dorfes im Salzburger Land, zu den sonnigen Morgen der ersten Jahre, in die eine eigene Erinnerung zurückreicht, gehören die ungarischen Lieder meiner Großmutter. Verstanden habe ich davon so viel wie von allem, was sie sagte: Klänge, Wortfetzen. Denn Oma konnte nach einem Schlaganfall nicht mehr zusammenhängend sprechen. Und sie war blind; aber wenn die niedrige Wintersonne grell durch das Fenster schien, konnte sie etwas von ihrem Schein wahrnehmen, und dann sang sie ungarische Lieder. Oder wenn sie mit ihrem gelähmten linken Arm Gymnastik machte und um die letzten Reste ihrer Beweglichkeit kämpfte. Darum habe ich ihre ungarischen Lieder im Ohr als Überlebensstrategie und als Widerstand gegen die Zumutungen des Lebens.

Großmutter war in den Zeiten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie einige Jahre als Erzieherin und Hauslehrerin in Hermannstadt und dann etwa ein Jahrzehnt in Budapest gewesen; dort hatte sie auch die Räterepublik erlebt. Schaurige Geschichten darüber sind über meine Mutter auf mich gekommen; ich selbst konnte mit der Großmutter ja nie einen klaren Satz sprechen. In meiner Kindheit habe ich die Briefmarken von ihrer Post aus Budapest ausgeschnitten, aber als ich alt genug war, um den Wert dieser Briefe zu begreifen, gab es die Großmutter nicht mehr. Jahrzehnte später habe ich diese Geschichte György Konrád erzählt und mit ihm überlegt, wie man die Spuren der Familie jenes Professor Benedek finden könnte, bei dem sie in Dienst gewesen sein muss, doch die Anhaltspunkte waren zu schwach. Aber György Konrád hat sich dafür interessiert, denn meine Großmutter muss ein Kindermädchen von ähnlicher Art gewesen sein wie jenes, das seine eigene Kindheit geprägt hat.

Von Rußbach am Pass Gschütt, meinem Dorf im Salzburger Land, war Budapest unvorstellbar weit. Ich wusste jedoch bereits als Volksschüler, dass der Rußbach in die Lammer, die Lammer in die Salzach, die Salzach in den Inn und der Inn in die Donau mündet – diese Formel war meine erste Weltkoordinate. Doch die Donau, das war Wien. Denn ich bin im Jahr des Ungarnaufstands 1956 geboren, und in meiner Schulzeit war das Kádár-Regime noch weit entfernt vom "Gulasch-Kommunismus", so konnte sich auch niemand vorstellen, dorthin zu fahren. Noch 1974 bin ich mit zwei Studienkollegen lange und entsetzt vor dem Grenzbalken im burgenländischen Pamhagen gestanden; dass die Hauptstadt eines Nachbarlands so unerreichbar scheint und eine Straße nirgendwohin führt, sondern in einem Niemandsland aufhört, wo vor Schüssen und Minen gewarnt wird, das hatte ich davor noch nie erlebt.

Bis 1980 sollte es dauern, bis ich Budapest zu sehen bekam. Als Student war ich gebeten worden, eine fast blinde alte Dame zu begleiten, die noch einmal ihre in der ungarischen Hauptstadt lebende Schwester besuchen wollte. Auf der Margareteninsel im Freien sitzen, kalte Weichselsuppe und ein pörkölt essen – das gehört zur Erinnerung, die die Jahrzehnte überdauert hat. So wie das legendäre Hotel "Béke", dessen Name "Friede" bedeutet – und der heute hinter dem Radisson-Schriftzug beinahe verschwunden ist. Viele Schallplatten habe ich damals gekauft, vor allem aus der ungarischen Bartó;k-Edition mit ihren wunderbaren Begleitheften; und etliche Aufnahmen von Künstlern, die aus kommunistischen Ländern emigriert waren – nur in Ungarn durften sie noch verkauft werden.

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