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Lesereise Istanbul Der Sternenwind am Bosporus von Remus, Joscha (eBook)

  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Istanbul

Istanbul. Megacity. Geboren auf zwei Kontinenten, Brücke zwischen den Kulturen des Westens und des Ostens. Eine Stadt unter Starkstrom, eine Stadt im Rausch, ein Stadt auf Schlafentzug. An kaum einem anderen Ort lassen sich Gegensätze besser beobachten: zwischen Reich und Arm, zwischen Stadt und Land, zwischen Laizismus und Islamismus, zwischen Stille und Lärm, zwischen Gestern und Heute. Joscha Remus macht sich auf die Suche nach versunkenen Palästen und versteckten Basaren. Er ergründet, wie der über die Hügel geworfene Häuserteppich sich erdbebensicher macht, entdeckt ein verborgenes Storchenhospital, macht sich mit den Winden der Stadt vertraut und besucht Musa, den Sammler alter osmanischer Rezepte. Geschichtenerzähler und Kaffeesatzleserinnen bedichten und besingen die Stadt. Die Reichen und Schönen Istanbuls zeigen, wie man eine Million Euro in einer halben Stunde farbenprächtig in die Luft jagen kann und drei Nächte ohne Schlaf übersteht. Mutige türkische Künstler wie die Schriftstellerin Elif Shafak stellen alles in Frage, reisen zu Bonbonpalästen und loten die spirituelle Welt der Sufis aus. Joscha Remus, in der Eifel geboren, lebt als Schriftsteller und Journalist vor allem auf Reisen und in Berlin. Seine literarischen Reportagen erscheinen als Hörbücher und als Audio-Features beim SWR. Joscha Remus ist Gewinner des 'Deutschen Hörbuchpreises'. Er schreibt u.?a. für 'Die Zeit' und die 'Süddeutsche Zeitung'. Im Picus Verlag erschienen seine Lesereisen Rumänien, Neuseeland, Istanbul, Berlin sowie das von Sibylle Vogel illustrierte Buch 'Berlin. Stadtführer für Kinder'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750327
    Verlag: Picus
    Größe: 528 kBytes
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Lesereise Istanbul

Der Mann, der im Ofen geboren wurde (S. 74-75)

Im Paradies der Gaumenfreuden

Das Thema Essen und Trinken verfolgt einen in diesem über sieben Hügel geworfenen Häuserteppich mit seinen über zwanzig Millionen Einwohnern auf Schritt und Tritt. Wer am richtigen Ort in Istanbul wohnt und dies möchte, muss sein Haus kaum verlassen, um kulinarisch auf seine Kosten zu kommen. Seien es Auberginen, Tomaten, Feigen, Gurken oder Kartoffeln. Wie auf kleinen fliegenden Teppichen schweben diese Waren an einem vorüber.

Man tritt an die Haustürschwelle, streckt den Arm aus und deutet mit dem Finger auf die Ware, die man benötigt. Und wer Türkisch kann, öffnet einfach nur das Fenster, streckt seinen Kopf zwischen die dort aufgehängte Wäsche und schreit nach unten, wie meine über mir wohnende Nachbarin in der Inci Kas, der Straße der schönen Augenbraue in Tarlabasi. Wenn sie Hunger hat, lässt sie einen weißen Plastikeimer an einer langen Schnur hinunter und brüllt einem jungen Mann, der in einer Ecke kauernd nur darauf zu warten schien, ihre Einkaufsbefehle nach unten.

Wie oft schon schwebte dieser Eimer mit frischem Obst und Gemüse an meinem Fenster vorüber? [100]Unten spielen die fliegenden Händler mit der Gunst des Augenblicks, in der Erwartung, Angebot und Nachfrage mögen sich bitteschön jetzt, genau hier in diesem Viertel, an dieser Straßenkreuzung, in genau diesem Moment treffen. Insallah – so Gott will.

Schnell gehört es zu meinem morgendlichen Ritus, zum Sesamkringelverkäufer zu schlendern, der seine wahrscheinlich frühmorgens aus dem eisigen Tiefschlaf getaute Ware nun im hübschen, rot-weiß lackierten Glaswägelchen anbietet. Wie gerne schaue ich an den Moscheen den Kastanienröstern zu, wie sie die kleinen braunen Krustenkugeln akkurat in Reihe legen. Oder den Fischverkäufern unten in Eminönü, in ihren schaukelnden Goldbrokat-Booten, die allerdings keinen Bosporus- oder Marmarafisch verkaufen, sondern Makrelen aus skandinavischen Gewässern. Ich bin wieder auf der Galatabrücke.

Fisch ist keine Tradition der Osmanen, die aus der Steppe stammen und sich seit jeher kulinarisch dem Huhn und Rind näher fühlten. Doch hier stehen sie nun, die Brückenangler. Ich schaue zu, wie sie die winzigen Fischlein begutachten, die sie aus dem Wasser nach oben ziehen, und mache einen Bogen um die Menschenangler, die eine Brückenetage tiefer versuchen, Touristen in ihre Restaurants zu locken. In der Oberstadt dann, gleich gegenüber dem Ausgang der Tünelbahn, mitten im Herzen des Istanbuler Stadtteils Beyoglu, empfängt mich Hacer [101]Sayman, zwischen alten Pergamenten, Stadtdrucken und Ikonen in ihrem Antiquitätengeschäft. Hacer ist eine Frau, die das Herz auf dem richtigen Fleck trägt – "Ich will nichts in Istanbul sehen, was renoviert wurde!" – und nicht lange fackelt, wenn es um die angenehmen Dinge des Lebens geht, sei es die Kunst oder die Kulinarik, und so gehen wir direkt in medias res. Denn gleich nebenan befindet sich der Gasthof zum Geier, die Akbaba'li Meyhane.

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