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Lesereise Prag Auf der Karlsbrücke nachts um halb eins von Brill, Klaus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2011
  • Verlag: Picus
eBook (ePUB)
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Lesereise Prag

Prag ist eine Stadt der magischen Momente. Ob man die stillen Pflastergassen auf der Kleinseite durchstreift oder im ehemaligen jüdischen Ghetto die mittelalterlichen Gräber betrachtet - immer wieder stößt man auf Dinge, die sich sogleich in Legenden übersetzen und damit etwas vom spezifischen Geist dieser alten europäischen Kulturmetropole freigeben. In besonderer Weise gilt das für die Heldentaten des Originalgenies Jára Cimrman, die nur mit der Kraft der Imagination zu erfassen sind.
Klaus Brill ist auf verschlungenen Pfaden und über versteckte Treppen den Geschichten nachgestiegen, die die tschechische Hauptstadt zu erzählen hat. Angefangen bei Kaiser Karl dem Größten und den berühmten Prager Fensterstürzen, von denen es nicht nur den einen gibt. Er berichtet von Begegnungen mit Hunden und mit Köchen, präsentiert einen altböhmischen Adligen und einen verflossenen Präsidenten ebenso wie die kleinen Schurken des Alltags und die Spitzel der kommunistischen Vergangenheit. Den Nachwirkungen des Prager Frühlings hat er ebenso nachgespürt wie den seltsamen Umwegen, auf denen erst in jüngster Zeit das Werk des Autors Franz Kafka bei seinen Prager Mitbürgern angekommen ist.

Klaus Brill, geboren in Alsweiler/Saar, war Reporter der Nachrichtenagentur Reuters und gehört seit 1983 der Redaktion der 'Süddeutschen Zeitung' an, für die er als Korrespondent in Frankfurt, Hamburg, Rom und Washington tätig war, ehe er für vier Jahre in München die Leitung der Reportage-Redaktion ('Seite Drei') übernahm. Seit 2005 lebt er in Prag und berichtet aus Mittel- und Osteuropa. Im Picus Verlag erschienen seine Lesereisen Rom, Italien, Vatikan, Prag und Tschechien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 132
    Erscheinungsdatum: 01.07.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783711750150
    Verlag: Picus
    Größe: 217 kBytes
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Lesereise Prag

Eine Epoche, die verloren ist (S. 88-89)

Zwei alte Prager Juden erinnern sich an das Gemisch der Kulturen, das Hitler für alle Zeiten zerstörte

Es gibt sie noch, die davon erzählen können. Vom alten Prag, bevor es vergessen ist. Von den Juden in Prag in jener Zeit, in der es gar nicht so besonders zählte, ob einer Jude war oder nicht. Es war die Zeit, bevor die Nazis kamen, und die Zeit, in der die Prager Juden noch nicht die Mundharmonikas, die Thermometer und die Fotoapparate abgeben mussten, in der sie noch die Zeitungen in den Schaukästen lesen und wie die anderen in der Elektrischen fahren durften.

Es war das alte Prag, "das nie mehr kommen kann", wie der pensionierte Verleger und Politikberater Tomáš Kosta sagt. "Das ist für immer verloren, leider", sagt auch Pavel Oliva, emeritierter Professor für Ältere Geschichte. Nur hier und da erscheint einmal ein Buch darüber, wird eine Ausstellung eröffnet oder eine Diskussion veranstaltet, bei der die Zeitzeugen, alle schon über achtzig jetzt, erzählen, wie in Prag einmal die Tschechen und die Deutschen und die Juden unter ihnen auf sehr spezielle Weise miteinander und aneinander vorbei gelebt haben.

Tomáš Kosta gehört zu denen, die diese Zeit und das, was ihr so grausam das Ende bereitete, nicht einfach dem Vergessen anheimgeben, sondern heute politisch nutzbar machen wollen. Er hat deshalb 2009 in Prag ein Buch über sein Leben publiziert, er würde das gerne auch in Deutschland tun, und [105]er sagt beim Gespräch in seiner Prager Wohnung: "Der Herrgott hat mich überleben lassen, damit ich die Versöhnung jetzt hier machen kann." Und Professor Oliva gibt bei einer langen Unterhaltung an einem der großen Fenster des Café Slavia einen interessanten Hinweis darauf, wie das, was vor mehr als siebzig Jahren passiert ist, bis heute nachwirkt und was es mit dem berühmten tschechischen Euroskeptizismus zu tun hat.

Vor mehr als siebzig Jahren, am 15. März 1939, marschierten in Prag die deutschen Truppen ein, von Adolf Hitler geschickt. Tomáš Kosta, damals vierzehn Jahre alt, hat es miterlebt und erinnert sich präzise, wie die Besatzer auf den Wenzelsplatz kamen. Vorne an den Absperrungen standen Prager Deutsche und hießen die Invasoren mit Hitlergruß willkommen. Er selber stand hinten neben Tschechen, die weinten. Für die Prager Juden, zu denen Tomáš Kosta und Pavel Oliva gehörten, war dies ein sehr gefährlicher Tag. Es begann die Verfolgung, und es endete eine Ära der Koexistenz, die seither für immer versunken ist.

Juden lebten in Prag seit dem 10. Jahrhundert. Schon im Mittelalter kam es mehrfach zu Pogromen der christlichen Nachbarn, 1389 besonders arg. Bis zum Dreißigjährigen Krieg vermehrte sich die Zahl der Prager Juden auf fünftausend, ihr Ghetto war eine Stadt in der Stadt, mit zwölf Synagogen, eigenem Rathaus und Krankenhaus, mehreren Schulen. Manches davon, in Sonderheit der alte Friedhof und die Synagogen, zählt heute zu den attraktivsten Prager Touristenzielen. Hunderttausende aus aller Welt lauschen Jahr um Jahr in der Josefstadt, dem einstigen Ghetto, den Erzählungen der Fremdenführer über den Rabbi Löw, den Golem und den [106]Bürgermeister Maisel, den Bankier des Kaisers. Prag war damals eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas.

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