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Wer Meer hat, braucht weniger Über den Rückzug auf ein altes Segelboot von Bielefeld, Marc (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.04.2013
  • Verlag: Ludwig
eBook (ePUB)
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Wer Meer hat, braucht weniger

7 m2 Freiheit Versteckte Inseln, Buchten und einsame Fjorde: Die Reviere der Ostsee und des nahen Nordens sind für den Journalisten Marc Bielefeld magische Orte. Mit seinem kleinen Segelschiff fährt er immer öfter und immer weiter hinaus, um die Hektik der Großstadt einzutauschen gegen Wellen, Wind und weiten Horizont. Das Boot bietet gerade so viel Platz wie unbedingt nötig, doch gibt es für den Autor keinen besseren Ort, um zu leben und zu arbeiten. Das Boot wird zu seinem "schwimmenden Kloster", zum Vehikel der Freiheit. - Ein Buch für Segler, Meeresfreunde und all jene, die sich von neuen Kursen inspirieren lassen. Marc Bielefeld zog es schon immer an die See, wo er schwimmt, surft, taucht und segelt. Mit Mitte vierzig schließlich reduziert er seinen Besitz auf dem Festland auf ein Minimum und führt sein Leben als freier Autor fortan auf schwankendem Grund. Mit dem Segelboot erkundet er die Küsten Deutschlands, Dänemarks und Schwedens, navigiert aber auch durch die schwierigen Seegebiete vor Irland und Schottland. Überall begegnet er Menschen, die die Leidenschaft für Wind und Meer teilen. Was er von ihnen und in der Abgeschiedenheit auf dem Wasser lernt, zieht sich als roter Faden durch sein Buch. Es beschreibt so manche praktische Schwierigkeit, vor allem jedoch die befreiende Wirkung eines einfachen und entschleunigten Lebens. Marc Bielefeld, geb. 1966, lebt in Hamburg und schreibt u. a. für DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung, mare, Merian. Bisher sind von ihm erschienen "Wilde Dichter" (2005), "Die Herausforderer" (2006) und zuletzt "We spe@k Deutsch" bei Heyne (2008).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 22.04.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641091323
    Verlag: Ludwig
    Größe: 603 kBytes
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Wer Meer hat, braucht weniger

Von Mengen und Größen

Es ist nicht einfach, den Lebensraum auf einem Segelboot zu bemessen. Überall Ecken, Kanten, Rundungen. Kleine Winkel öffnen sich im Bootsinneren, Hohlräume zwischen den Planken, Staufächer in der Bilge. Hinzu kommen Schapps, Schwalbennester, Hundekojen. Tische besitzen Schlingerleisten, das Cockpit säumt eine Süllkante, an der man sich anlehnen kann. Alles dient einem Zweck. Es gibt keine Möbel, wie man sie aus Wohnungen kennt. Kein Sofa, keinen Stuhl, keinen Tisch. Wenn das Boot allein über das Wasser segelt, schnappe ich mir manchmal einen Segelsack und lege mich draußen auf dem Vordeck in das zusammengeknautschte Tuch hinein. Ich lehne mit dem Rücken an der Vorderkante der Kajüte, strecke die Beine über das Luk und blicke aufs Meer und in den Himmel. An Bord gibt es kaum Dekoration. Ein, zwei Petroleumlampen brennen, wenn der Himmel abends dunkelblau wird, die Luft kälter und der Ton des Holzes in der Kajüte an Wärme gewinnt. Ein Stillleben baumelt über der kleinen Kombüse. Das Obstnetz mit Bananen, Avocados, Zitronen.

Mit Wohnungen ist es eine andere Sache. In den Städten, in den Häusern. Sie bieten mehr Raum, Platz für dieses und jenes. Die Zimmer sind meist rechtwinklig zugeschnitten, verfügen über vier Wände, eine Decke, vielleicht eine Schräge, einen Balkon. Das Einmaleins genügt, um die Quadratmeterzahl zu bestimmen. Danach richtet sich die Miete.

Was ist eigentlich Lebensraum?

Zusammengerechnet habe ich über zwei Jahre meines Lebens auf verschiedenen Segelbooten zugebracht, die alle als ziemlich klein galten. Das erste Boot war knapp acht, das zweite fast neun Meter lang. Die Boote waren schmal und flach, und beim Sitzen auf den Kojen scheuerte mein Kopf an der Decke der Kajüte. Im Inneren war kein aufrechtes Stehen möglich, in manche Winkel gelangte man nur auf allen vieren. Die Boote besaßen keine Dusche, keinen Schrank, keine Küche, keine Toilette. Als Toilette diente ein Plastikeimer aus dem Baumarkt. Oder das Meer. In den Sommern tauchte ich morgens oft hinab, hielt mich in drei, vier Metern Tiefe an der Ankerkette fest und entließ das Geschäft ins freie Wasser. Ein gefundenes Fressen für die Algen, Würmer und Bakterien, die winzigen Bewohner des Salzwassers.

An Deck dieser kleinen alten Segelboote aus Holz musste man seine Schritte gut wählen und achtsam setzen. Rund ums Cockpit verlief lediglich ein schmaler Gang. Man durfte nicht träumen. Sonst fiel man ins Meer.

Über zehn Sommer habe ich auf diesen kleinen Segelschiffen verbracht. Und jedes Mal, wenn ich mein Boot wieder verlassen musste und einen letzten Blick auf den Hafen an der Ostsee warf, ging ich schweren Herzens. Dass der Abschied mir schwer fiel, hatte jedoch nichts damit zu tun, dass die Ferien, die sorglose und schaffensfreie Zeit, nun vorüber waren. Es lag nicht daran. Stets habe ich auf den Booten auch gearbeitet, Buchstaben aneinandergereiht. Als freier Autor unternahm ich häufig Auftragsreisen, arbeitete im Büro; viele meiner Texte jedoch schrieb ich an Bord dieser Boote. Die Schiffe boten nicht viel Platz, dafür sehr viel Ruhe. Und ansonsten war ja nicht so viel nötig.

Jedes Mal, wenn ich mein Boot verließ, wusste ich, dass ich etwas Wesentliches vermissen würde. Das Einfache, das Schlichte. Von nötigen, nicht von unnötigen Dingen umgeben zu sein. Die Reduktion.

Obwohl ich in den Städten groß geworden bin und sie für mich ein vertrautes Terrain sind, fühlte sich die Rückfahrt auf der Autobahn nach all den Wochen auf dem Wasser jedes Mal etwas ungewohnt an. Meine Sinne hatten sich an ein Vorankommen mit maximal sechs, sieben Knoten gewöhnt, um die zwölf Kilometer pro Stunde. Auch war mein Blick seit Langem gegen keine Hauswand mehr geprallt.

Die Fahrt zurück in die gängigen Sphären dauerte um die zwei Stunden. Es folgten die Autobahnausfahrt, die Ampeln, die Kreuzungen, die Stadt. Nach der Zeit auf d

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