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Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth Ich will mir selbst gehören von Greiner, Margret (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.04.2016
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth

Bekannt ist die Künstlerin Charlotte Berend-Corinth (1880 - 1967) vor al-lem als Ehefrau und Lieblingsmodell des Malers Lovis Corinth. Doch sie war viel mehr als die 'Frau an seiner Seite'. Sie war eine starke künstlerische Persön-lichkeit, die sich von der Dominanz Corinths zu lösen wusste und in ihrer Male-rei eigene Wege ging. Sie lebte souverän und selbstbestimmt, nahm sich, un-beeindruckt von allen gesellschaftlichen Regeln, die Freiheiten, die sie wollte. Schon in den zwanziger Jahren reiste sie in den Orient, lebte zehn Jahre in Ita-lien, emigrierte als Jüdin 1939 in die USA, wo sie bis zu ihrem Tode malte und schrieb. Margret Greiner studierte Germanistik und Geschichte an den Universitäten Freiburg i.Br. und München. Viele Jahre arbeitete sie als Lehrerin und Journalistin. Zuletzt erschienen ist die Romanbiografie "Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge: Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 12.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451805592
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 1464 kBytes
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Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth

Kapitel 2

~

Das Leben mit Lovis Corinth

Führe mein Leben woanders hin

Alice war nicht aggressiv. Trotz der Eifersucht auf Charlotte beschützte sie ihre jüngere Schwester, bügelte deren Fehler aus, nahm sie vor den Lehrerinnen in Schutz, wenn Charlotte sich wieder einmal "unartig" benommen hatte, entführte sie heimlich ins Theater, wenn die Eltern es verboten hatten. Es gab zwischen den heranwachsenden Schwestern Augenblicke großer Einigkeit: Wenn vom Wohnzimmer ein Streit der Eltern so lautstark ausgefochten wurde, dass er in ihren Zimmern zu hören war, so wussten sie - ohne es aussprechen zu müssen -, dass sie niemals so leben wollten, wenn sie groß wären. Niemals.

Charlotte betete : Lieber Gott. Führe mich heraus aus dieser Familie. Führe mein Leben woanders hin, laß mich eine Künstlerin werden, bringe mich woanders hin.

Charlottes Wunsch, den sie im Alter von 16 Jahren mit heißem Herzen in ihr Tagebuch schrieb, sollte in Erfüllung gehen, schneller und radikaler, als sie es sich vorstellen konnte.

~

Am 28. Februar 1900 nahm sich ihr Vater das Leben. Es war ein Schock, der die drei Berend-Frauen völlig unerwartet traf. Denn da Frauen ja nichts von Ökonomie und Finanzen verstanden, verstehen sollten, hatten sie keinerlei Ahnung, dass Ernst Berend seine Firma in den finanziellen Ruin getrieben hatte. Er gab das Geld immer mit vollen Händen aus, pflegte einen Lebensstil, den er sich eigentlich nicht leisten konnte. In der Sprache seiner Zeit war er ein Lebemann, einer, der zu leben wusste, der den Luxus liebte, sinnliche Genüsse, das Dasein in aller denkbaren materiellen Fülle. Er lebte über seine Verhältnisse - mit Eleganz und Stil. Um die Finanzen aufzubessern, war er der ältesten und gefährlichsten Methode verfallen, die einen Geldsegen verspricht, der sich so gut wie nie einstellt: Er hatte an der Börse spekuliert, hatte hochriskante Aktienkäufe getätigt - und sein privates wie geschäftliches Vermögen verloren. Zu dem geschäftlichen Bankrott kam noch ein moralischer. Er hatte treuhänderisch überlassene Gelder für seine Spekulationen eingesetzt, also veruntreut.

Mittags war der Vater zum Lunch zu Hause; was ungewöhnlich war. Nach dem Kaffee stand er auf, schaute seine Töchter an und sagte: "Laßt es euch gutgehen", dann ging er in sein Arbeitszimmer. Wenig später hörten sie den Schuss. Hedwig und die Mädchen stürzten in das Arbeitszimmer, wo Ernst in seinem Blute lag. Die Mutter brach zusammen, die Töchter knieten bei dem sterbenden Vater. Später wusste keine zu sagen, wie lange er noch gelebt hatte.

Der Schuss beendete das verwöhnte Leben der Berend-Frauen im großbürgerlichen Hause. Von einem Tag auf den anderen waren die Töchter verarmte Halbwaisen geworden, die alles an materieller Sicherheit eingebüßt hatten, was ihnen fünfundzwanzig beziehungsweise zwanzig Jahre lang als selbstverständlich gegolten hatte.

Was ihnen blieb, war ihr Wille, dem Schicksal etwas entgegenzusetzen - die Kunst. Bei Alice war es das Schreiben, bei Charlotte das Malen. Einen vernünftigen Broterwerb versprachen beide Künste nicht. Aber dem Leiden trotzen zu wollen, auch dem Selbstmitleid, war die Stärke beider. Und wenn die Kunst kein Brot nach Hause brachte, so doch vielleicht ein intensives Leben.

Die Kunst geht nach dem Brote

Die Malweiber wuselten aufgeregt umeinander herum, zupften an ihrer Kleidung, an ihren Frisuren, kontrollierten gegenseitig, ob die Nähte an ihren Strümpfen gerade verliefen, plapperten, weil auch das Mundwerk nicht stillstehen konnte. Sie hatten die erste große Präsentation eigener Arbeiten in Corinths Atelier. Schon zwei Wochen vorher waren Einladungen verschickt und alle Familienmitglieder zwangsverpflichtet worden, zu diesem Tag der offenen Tür zu kommen und sich die Ausstellung anzuschauen, mit Begeisterung nicht zu sparen. Viele der Eltern und Geschwister waren vor allem erpicht darauf, den großen

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