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Claras Geschichte von Grafenberg, Nieke V. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.12.2012
  • Verlag: epubli
eBook (ePUB)
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Claras Geschichte

CLARAS GESCHICHTE ist ein Familienroman, der das typische und doch wieder einzigartige Schicksal einer oberschlesischen Flüchtlingsfamilie zum Inhalt hat. Die kleine Clara, deren Leben von Kindheit an aufgerollt wird, steht im Mittelpunkt dieser Nachkriegsgeschichte, die aus Sicht des Flüchtlingskindes erzählt wird. 'Juni sechsundvierzig. Mit drei und ein bisschen setzt bei dem Kind die Erinnerung ein. Panzer mit langen Rohren rasseln vorbei, die Erde erschüttert, es braust in den Ohren, im Haus vis à vis winken Leute.' Dreizehn Gepäckstücke und ein Kind ... Die Grafschaft Bentheim, im Emsland gelegen, ist Fluchtpunkt für Clara und ihre Mutter, die Großeltern sind schon vor ihnen da. Mutters drei Brüder treffen nach und nach aus der Gefangenschaft ein, man rückt in der Notunterkunft noch enger zusammen. Clara ist alt, als sie in ihre Erinnerung eintaucht. Vertreibung, Hunger, wohnliche Enge - das typische und doch wieder einzigartige Flüchtlingsschicksal einer durch den Krieg gebeutelten Flüchtlingsfamilie wird assoziativ und puzzleartig dargestellt. Sexualität und Erwachsenwerden - anhand von Claras Entwicklung wird der damalige Zeitgeist eingefangen. Während die anderen Familienmitglieder noch darum kämpfen, sich ihren Platz in der neuen Heimat zu schaffen, reift in Clara schon früh ein sehnlicher Wunsch: So bald wie nur möglich den dörflichen und familiären Zwängen zu entkommen. Nieke V. Grafenberg wuchs in der Grafschaft Bentheim/Emsland auf. Nach ihrem Schulabschluss zog sie nach Hamburg, wo sie sich zur Auslandskorrespondentin ausbilden ließ. Nach mehrjähriger Berufstätigkeit im In- und Ausland studierte sie an der PH Freiburg und war nach dem Examen als Lehrerin tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 17.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783844242218
    Verlag: epubli
    Größe: 283 kBytes
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Claras Geschichte

EINS

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder ...

Die heilige Anna, die Mutters Mutter und Claras Großmutter ist, steht mit gefalteten Händen. Sie betet, wie sie in Notzeiten immer beten wird: lautstark und unvermeidlich. Von der Mutter gehalten das hellblonde Kind auf dem Fensterbrett, der Großvater an ihrer Seite. Panzer mit langen Rohren rasseln vorbei, die Erde erschüttert, es braust in den Ohren, im Haus vis à vis winken Leute. Juni sechsundvierzig, mit drei und ein bisschen setzt bei dem Kind die Erinnerung ein. Der Himmel öffnet seine Schleusen, der Rinnstein fasst das Wasser nicht mehr. Sie darf - welch ein Tag - barfuß darin waten.

Steinstraße Schüttorf ist Zuflucht im äußersten Westen. Die Großeltern sind schon vor ihnen da, Grafschaft Bentheim hört sich ganz gut an. Eine Bettstelle kommt an die Wand, Strohsäcke werden hereingetragen. Die Küche ein länglicher, finsterer Raum, zum Klosett müssen sie auf die Straße hinaus und zwischen den Häusern die hohle Gasse nehmen. Auf dem Ofen, stumpf wie das rußige Ofenrohr, steht eine eiserne Pfanne.

Heute weiß ich, warum der Ofen in Claras Labyrinth seinen Platz gefunden hat, und warum ausgerechnet die Pfanne. Halb im Spaß, halb im Ernst - der Großvater hat sie geschnappt und gedroht, sie hineinzusetzen, sie ist wohl zu lebhaft gewesen. Denn obschon Clara klein ist, sie ist schnell wie der Wind. Wild nennt es die Mutter, sie hebt ihre Schultern und schüttelt bekümmert den Kopf:

"Seit das Kind läuft, läuft es auf Zehenspitzen!"

Doch die Pfanne ist heiß an dem Tag. Der Rand hat der Kleinen, nur weil sie sich sträubt, eine Brandwunde quer zum Handrücken zugefügt. Nu, nu! Die Stimme der Großmutter reibeisenrau. Mariechen! ruft sie und Mehl! , um es auf die frische Wunde zu schaufeln. Weil - im Bäckerhaushalt jedenfalls - dem Mehl wie der Milch Heilkräfte innewohnen, während die Butter den Nebeneffekt eines Lösungsmittels hat, soll sie doch allergemeinste Teer- und Fettflecke ausmerzen können.

Den Beweis liefert Clara mit zehn. Im weiß-rosa Sonntagskleid (von dem Mutter behauptet, dass die haarnadelfeinen Querstreifen ihre Augen ganz fürchterlich auf die Probe stellen, und dass, wenn sie nicht rechtzeitig wegsieht, ihr davon ganz schwummrig wird) schlüpft sie durch teerige Weidezaundrähte, weil der Weg querfeldein der kürzere ist. Im Schlafzimmer reibt sie die Teerspur mit guter Butter heraus - ansatzlos, wie sie aufatmend feststellt. Mutter ist gerade nicht da, was so selten vorkommt wie Fettflecke damals, als Großvater Clara die Hand verbrennt. Eine knappe Tasse Mehl ist der Vorrat, kein Stückchen Butter, nicht ein Tropfen Milch. An Mutters Gesicht an dem Tag kann Clara sich nicht erinnern. Wohl aber an die hässliche Wunde. Die Ränder, entflammt, wölben sich hoch und nach außen. Mutters und Großmutters Kopf einträchtig über der Kinderhand. Zu viel Mehl oder zu wenig? Und wäre nicht Milch die bessere Lösung gewesen?

Auf jeden Fall will sie nicht heilen, die Hand. Die Narbe glänzend und breit - Claras Wasserzeichen bis ans Ende ihrer Tage.

Jahre später ein ähnlicher Ofen in einem Ort in der Grafschaft, der Veldhausen heißt. Ein schwarzer Bullerofen im Schlafzimmereck. Beheizt nur im eiskalten Winter, wenn ein mit Lappen umwickelter Ziegel Clara die Füße wärmen muss. Wenn die Nasenspitze über der Zudecke langsam vereist und auf dem Fensterglas Blumen sprießen, so frostig milchweiß wie die Rosen auf Claras Aussteuergläsern mit eckigem Fuß.

Meine Gedanken, sie wandern, sind der Zeit ein Stück weit voraus geeilt. Denn noch holpert Clara auf Feldwegen von Gehöft zu Gehöft, Mutter bückt sich zu Clara im Wagen. Sie putzt ihr die Nase, rückt ihr die Strickmütze mit der Quaste und dem Muster aus Herzen und Rauten über der Tolle zurecht und fragt si

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