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Das unaufhaltsame Fließen Roman von Haller, Christian (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2017
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)

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Das unaufhaltsame Fließen

Schon seit Kindertagen hat es sich der Erzähler von Christian Hallers neuem Roman zur Angewohnheit gemacht, allen Anforderungen und Erwartungen auszuweichen. Jetzt ist er Anfang zwanzig, auf der Suche nach einem Sinn für sein Leben, und er merkt, dass er sich aus seinen Rückzugsräumen hinaus in die gesellschaftliche Gegenwart begeben muss. Da er mit seinen eigenen poetischen Arbeiten nicht vorankommt, stürzt er sich in das Unterfangen, den unüberschaubaren Nachlass des Dichters Adrien Turel zu sichern sowie in einem kleinen Schweizer Dorf eine Stelle als Lehrer anzutreten. Während sich unerfüllte Hoffnungen und Träume immer mehr in ihm aufstauen, bricht unerwartet der Damm: Eher zufällig kommt er an das Gottlieb Duttweiler-Institut bei Zürich, macht Karriere, der Fluss seines Lebens trägt ihn in höchste gesellschaftliche Kreise. Doch mit dem Einblick in die Machenschaften von Politik und Wirtschaft muss er erkennen: Auch dies kann - trotz Aufstieg und Erfolg - nicht sein Weg sein. Christian Haller wurde 1943 in Brugg, Schweiz geboren, studierte Biologie und gehörte der Leitung des Gottlieb Duttweiler-Instituts bei Zürich an. Er wurde u. a. mit dem Aargauer Literaturpreis (2006), dem Schillerpreis (2007) und dem Kunstpreis des Kantons Aargau (2015) ausgezeichnet. Zuletzt sind von ihm der Roman 'Der seltsame Fremde' sowie der erste Teil seiner autobiographischen Trilogie "Die verborgenen Ufer" erschienen. Er lebt als Schriftsteller in Laufenburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 11.09.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641213084
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 1239 kBytes
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Das unaufhaltsame Fließen

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Ich entschloss mich, alle Texte wegzulegen, an denen ich in den letzten Wochen gearbeitet hatte: Einen Zyklus von fünf Gedichten, "Genesis", der mein Ausgetriebenwerden aus Dunkelheit und Leere in die Labyrinthe der Stadt thematisierte, und ein Dialogstück "Brahm", in dem die Macht aus der immer wieder neu geschöpften Hoffnung ihres Gegenspielers erwächst. Mit beiden Arbeiten war ich nicht zufrieden, hatte sie mehrmals umgeschrieben, ohne wirklich voranzukommen. Beide Stoffe hatten mit der Vergangenheit zu tun, die Gedichte mit der Zeit ohne Veronique, nach dem Ende meiner ersten Liebe; das Dialogstück mit dem Ruin meines Vaters durch die Machenschaften eines Geschäftspartners. Ich aber hatte gegenwärtige Probleme. Die Beschäftigung mit dem Zeichen KAN liess mich bewusst werden, wie sehr mein Leben und Arbeiten gestaut und nicht in Fluss war. Den Band Märchen, an dem ich die letzten Jahre gearbeitet hatte, würde kein Verlag herausbringen wollen. Aus Trotz hatte ich mich in eine Arbeitswut gesteigert, in der ich nichts mehr um mich wahrnahm, vor allem nicht, dass ich im Begriff war, meine jetzige Freundin Pippa zu verlieren. Sie war eine Nacht nicht nach Hause gekommen. Seither wusste ich nicht, wie es mit uns weitergehen sollte. Ich fand keine Kraft mehr zu arbeiten, die Texte waren tot, und ich lag auf dem Bett, versuchte zu lesen, doch die Wörter blieben stumm, drangen nicht in mich ein. Pippa hatte Probe im Theater, und ich wusste, dass sie dort auch den Kollegen wieder traf, bei dem sie die Nacht verbracht hatte. Die Eifersucht lähmte mich, ich war aber auch traurig und selbstmitleidig, haderte und quälte mich, versuchte, mir klar zu werden, wie ich mich Pippa gegenüber verhalten sollte. Da schoss aus dem linken Augenwinkel ein Traumbild hoch, stand gewaltig über mir: Eine riesenhafte, dunkle Gestalt, wie ein Geist oder Dämon aus den Märchen. Dieser hatte langes, zottliges Haar, einen Bart um den offen stehenden Mund, in dem spitze, entstellte Zähne standen wie bei den hölzernen Masken aus dem Lötschental. Erschreckend waren die leeren Augen, schwarze Höhlen, die dennoch giftig glänzten, mich mit einem Blick ansahen, den ich nicht ertrug. Während ich ihm auswich, sah ich über dem Dämonenhaupt eine junge Frau aufsteigen. Ihr Haar, das Gesicht, die Körperhaltung ließen keinen Zweifel: Es war Pippa, und sie lächelte mitleidig und traurig zu mir herab. Sie stieg höher und höher, ließ zuoberst die Griffe in den Falten eines Theatervorhangs los, wich ein wenig zur Seite, als habe sie etwas ohne Absicht berührt oder wollte sich dafür entschuldigen, breitete die Arme aus, schwebte einen Augenblick lang im Zustand dieser Überhöhung. Sie würde stürzen, wenn ich mich nicht endlich bewegte, ausbräche aus dem lähmenden Brüten. Ich schreckte hoch. Mein Herz hämmerte, " wie ich es noch nie in meinem Leben verspürt habe ".

Ich fuhr mit der Straßenbahn in die Stadt, lief durch die Straßen, ziellos und schon leicht enttäuscht, dass sich wieder nichts Befreiendes einstellen würde, "kein Gefälle", dem ich folgen könnte, wie das Wasser seinem Weg. Aus Gewohnheit und auch Langeweile betrat ich ein Antiquariat, stand nach dem Klingeln der Türglocke in einem von Neonlicht beleuchteten Raum. Ein Gefühl des Bedauerns beschlich mich: Statt wie erhofft Menschen zu begegnen, war ich durch meine Flucht in die Stadt nur wieder bei Büchern angelangt. Jetzt müsste ich wohl oder übel ein paar Regale durchsehen, und so fragte ich den älteren Mann, der im Hintergrund an einem Pult saß und bei meinem Eintreten hochgeblickt hatte, ob ich mich umsehen dürfe. Ohne seine Antwort abzuwarten, entzog ich mich seiner Beobachtung, trat zwischen die Regale, ließ den Blick über die Reihen meist schon vergilbter Umschläge gleiten. Ich schaute flüchtig die Abteilungen Philosophie und Psychologie durch, verweilte etwas länger bei den Romanen und Erzählungen. Seit ich Antiquariate besuchte, galt meine b

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