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Der Bridge-Club meiner Mutter von Lerner, Betsy (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.05.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Der Bridge-Club meiner Mutter

"Als Mitt-Zwanzigerin habe ich einmal meine Mutter gefragt, was ihr lieber wäre: wenn ich heiraten würde oder den Nobelpreis bekäme. Alles, was sie darauf erwidert hat, war: ?Sei doch nicht lächerlich!?"
Mit 54 Jahren verschlägt es die amerikanische Autorin und Literaturagentin Betsy Lerner zurück an den Ort ihrer Kindheit nach New Haven in Connecticut. Hier lebt auch ihre verwitwete 83-jährige Mutter - diese räumliche Nähe birgt für beide Seiten durchaus Konfliktpotential. Aber Betsy will versuchen, eine Brücke zu bauen. Sie beschließt, an den seit über fünfzig Jahren stattfindenden Zusammenkünften der Bridge Ladys teilzunehmen - gepflegten Damen der gehobenen Mittelschicht, die zusammen viel erlebt haben, aber alles gut hinter Perlenketten, pastellfarbigen Twinsets und den Spielkarten zu verbergen wissen. Genau das, wogegen Betsy immer rebelliert hat. Doch nach und nach versteht sie: auch wenn diese Frauen so ganz anders scheinen, was sie über Generationen hinweg im Inneren bewegt, ist dasselbe - Familie, Freunde, Liebe. Und schließlich findet Betsy auch zu ihrer Mutter über das Bridge-Spielen einen völlig neuen Zugang.

Betsy Lerner arbeitet seit vielen Jahren als Literaturagentin. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und wurde u.a. mit dem Thomas Wolf Poetry Prize und dem Tony Goodwin Prize for Editors ausgezeichnet. Mit ihrem Ehemann lebt sie in New Haven, Connecticut.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 21.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641199692
    Verlag: btb
    Originaltitel: The Bridge Ladies
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Der Bridge-Club meiner Mutter

Vorwort

Als Kind faszinierten mich die Bridgedamen. Regelmäßig tauchten sie in meinem Elternhaus auf, mit Haarspray, schimmernden Nylonstrümpfen und Lackhandtaschen samt Schließen, die wie Murmeln aussahen. Gerne begrüßte ich sie an der Tür, nahm ihnen die Mäntel ab, die ich dann im Flurschrank aufhängte, wo ich oft in den Falten des Nerzmantels meiner Mutter spielte. Ich beobachtete, wie sie um den Spieltisch herum Platz nahmen, ausstaffiert mit Bridgekarten, Aschenbechern, in Zellophan verpackten Zigarettenschachteln, Bridgeblock und Kristallschalen mit Bonbons. Auf Augenhöhe mit dem Bridgetisch überwachte ich gierig die Bonbons und plante hin und wieder flinke Kamikazeangriffe, um unbeobachtet von meiner Mutter ein paar davon zu ergattern. Während ich bei meinem Vater auf dem Schoß sitzen durfte, wenn er ein oder zwei Runden Rommé spielte, errichteten die Bridgedamen beim Spielen mit ihren Rücken eine quadratische Festung und verständigten sich dabei in ihrer merkwürdigen Sprache von Reizen und Stechen.

Als Teenager machte ich mich aus dem Staub, wenn die Bridgedamen kamen. Ich fand sie bescheuert. Sie arbeiteten nicht und bekamen offenbar nicht mal mit, dass der Feminismus die Welt eroberte. Billie Jean King hatte Bobby Riggs geschlagen, ein Tennismatch für den Geschlechterkampf, Gloria Steinem hatte die Zeitschrift Ms. gegründet, und Helen Reddy eroberte mit ihren Songs die Herzen der Frauen. Für mich waren die Bridgedamen konventionell, ihr Horizont endete mit Familie, Synagoge und Gemeinde. Und ihre Rollen beschränkten sich auf Tochter, Mutter und Ehefrau. Darüber hinaus bildeten sie sich auch noch ein, dass ein Bridgenachmittag Spaß macht. Ehrlich? Allen Ernstes?

Ich wollte eine bessere Partie. Ich las Anaïs Nin und Henry Miller. Mit anderen Worten, ich war entschlossen, so früh wie möglich meine Unschuld zu verlieren und viele Beziehungen zu haben. Ich hasste unser provinzielles New Haven und meine Schule, die dermaßen der Konformität huldigte. Aus meiner Sicht war dort das kreativste Projekt für Mädchen, sich die Haare so lang wie möglich wachsen zu lassen, um beim nationalen Wettbewerb "Long & Silky" mitzumachen. Ich wollte bloß da rauskommen und mit all dem nichts mehr zu tun haben. In Tagträumen flüchtete ich mich nach New York, genau genommen nach Greenwich Village, wo ich Gleichgesinnte treffen würde, Dichter und Schriftsteller. Dann ging ich dort tatsächlich aufs College und blieb auch für das weitere Studium. Zwar gehörte ich nicht zum Inventar von Studio 54 oder Warhols Factory, aber ich baute mir ein eigenes Leben auf: Ich arbeitete im Verlag, heiratete schließlich und bekam eine Tochter.

Und dann kam alles anders. Nach zwanzig Jahren Leben und Arbeiten in New York wurde meinem Mann ein Job beim Verlag der Yale University angeboten. Auch ohne Google Maps war klar, wohin es gehen sollte: New Haven, die Stadt meiner Kindheit und Dreh- und Angelpunkt meines Leidens. Ich bestärkte ihn darin, die Stelle anzunehmen; was es eigentlich hieß, nach Hause zurückzukehren, begriff ich aber erst allmählich.

Für mich war die größte Herausforderung, dass meine Mutter nun regulär zu unserem Leben gehörte. Als ich noch in New York lebte, sprachen wir uns einmal pro Woche, Sonntagsgeplauder eben. Jetzt wohnte ich zehn Kilometer entfernt von ihr. Ich sagte mir, damit könnte ich umgehen. Immerhin war ich ja Mitte vierzig, als wir wieder in heimatliche Gefilde zogen, ich war selber Mutter, und dann flammten die Konflikte mit meiner Mutter doch wieder auf. Warum war das alles so emotional aufgeladen? Warum wurde ich immer wieder zum Teenager, sobald wir zusammen waren? War alles, was sie sagte, Kritik, oder hörte es sich nur so an? Wie wachsame Boxer schlichen wir umeinander herum. Einmal fragte sie mich, warum ich fettarmen Hüttenkäse kaufte und kein Magermilchprodukt - und erklärte damit fast einen Weltkrieg zwischen uns. Dabei ging es um H

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