text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Der Weg der Meeresmuschel Teegespräche über China von Song, Junling (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.06.2016
  • Verlag: TWENTYSIX
eBook (ePUB)
9,49 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der Weg der Meeresmuschel

In einem Beijinger Teehaus treffen sich regelmäßig ältere Damen und Herren, um sich über ihre Erlebnisse in der Mao-Zeit auszutauschen. Als Intellektuelle wurden sie fast zwanzig Jahre lang politisch verfolgt. Sie wurden aufs Land verbannt, mussten schwere körperliche Arbeit verrichten und waren grausamen Kampf-und-Kritik-Versammlungen und einer permanenten Gehirnwäsche ausgesetzt. Die Gespräche über diese Zeit erleichtern ihre schwere seelische Last. Aber zugleich treibt sie ein Gefühl der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, indem sie den Ursachen für diese despotische Herrschaft und insbesondere der Auswüchse in der sog. Kulturrevolution nachgehen. Sie stellen sich die Frage, wie es dahin kommen konnte und wie man verhindern kann, dass sich derartiges wiederholt. In der Diskussion stellen sie fest, dass beispielsweise die Fehlentwicklung zur sogenannten Kulturrevolution einerseits auf den Personenkult um Mao Zedong, Mao's Kampf um die Alleinherrschaft, aber auch auf die durch die Geschichte überkommene Sklavenideologie und bestimmte kulturelle Traditionen aus der Feudalzeit zurückzuführen ist. Unsere Teehausgäste diskutieren auch über die Klassenkampf-Philosophie im neuen China, die Notwendigkeit der Freiheit für den weiteren Fortschritt der Gesellschaft, die Taiwan-Frage und die Perspektiven der künftigen gesellschaftlichen Entwicklung. Gerade für das letzte sehr komplexe Thema ist der Autor besonders prädestiniert, denn er ist ein anerkannter, nun im Ruhestand befindlicher Soziologe, der sich mit der städtischen Entwicklung Chinas beschäftigt hat. Mao's Kredo des permanenten blutigen Klassenkampfes wird die Erkenntnis entgegengestellt, dass der gesellschaftliche Fortschritt auf Kultur, Wissenschaft, Zivilisation, kurz gesagt, den schöpferischen Kräften der Menschen beruht. Der Autor vergleicht den gegenwärtigen Zustand der chinesischen Gesellschaft mit einer Meeresmuschel. Sie muss sich entscheiden, ob sie sich zurück zu einer pyramidengleichen vertikalen Sozialstruktur oder zu einer horizontalen Sozialstruktur bewegen wird, deren gesellschaftliche Bereiche gleichberechtigt agieren. So diskutieren die Teehausgäste über die Charakteristika der gegenwärtigen Gesellschaft in China. Der Autor hebt hervor, dass die Gesellschaft durch große Vitalität in der Initiative der Menschen und hohe Geschwindigkeit des ökonomischen Wachstums geprägt ist. Dies wird auf der anderen Seite durch ein hohes Risiko und eine große Unbestimmtheit erkauft. Der Autor Song Junling wurde 1939 in Sichuan geboren. Er studierte an der Beijing-Universität westliche Zivilisation. 1961 brach er das Studium ab, um sich als Bauer zu bewähren. Song Junling wurde auf dem Land als Intellektueller fortgesetzt politisch verfolgt und gemaßregelt. Erst nach dem Beginn der Periode von Reform und Öffnung ab 1978 konnte er in einem Forschungsinstitut für Soziologie arbeiten. Er legte wichtige Forschungsergebnisse über die städtische Entwicklung in China vor. Sein autobiografisches Werk "Der Weg der Meeresmuschel - Teegespräche über China" analysiert die Entwicklung und den Zustand der chinesischen Gesellschaft in den letzten 50 Jahren.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 380
    Erscheinungsdatum: 22.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783740736743
    Verlag: TWENTYSIX
    Größe: 589 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der Weg der Meeresmuschel

Kapitel Kulturrevolution

Bericht, wie der aufs Land verschickte Kader Fu Ji geschlagen wurde

U nversehens ist der Frühling auf die Erde zurückgekehrt, Weidenkätzchen fliegen durch die Luft, Sperlinge tschilpen. Die alten Freunde versammeln sich wieder im Pavillon auf der Terrasse, wärmen sich in der Frühlingssonne und erfreuen sich an den noch nicht aufgeblühten Blumen und Sträuchern. Die Lotosknospen im See zeigen schon ihre Spitzen. Aus dem zur Ruhe gekommenen Wasserspiegel ragen ein paar frische Knospen wie Pfeile empor. An diesem windstillen Tag spazieren etwas mehr Leute. Das Teehaus floriert. Zu den Gesprächen sind ein paar mehr Zuhörer gekommen.

Im April des Jahres Bingxu (2006)

"Wer eine derart große Katastrophe erlebt hatte, ohne ernsthaft Schlüsse zu ziehen und lange darüber nachzudenken, dem bleibt außer dem Nichts, dem Verheimlichen, außer einem nichtssagenden Bericht auf wenigen Seiten eines Lehrbuches nur wenig. Wer eine derart große Katastrophe erlebt hatte und doch wider Erwarten nichts tiefgründig Geistiges, keine vernünftige Quintessenz, keine Erhöhung auf die Ebene der nationalen Moral, des Geistes, der Geschichte, keinen soliden historischen Gedenkstein besitzt ... kann man das eine ernsthafte, zu Hoffnungen berechtigende Nation nennen? Kann man das eine Nation mit einer Seele nennen? Aber kann eine Nation, die eine schwere historische Schuld trägt, das Werk der Väter fortsetzen und einen Weg in die Zukunft bahnen? Wie werden die verschiedenen Repräsentanten einer solchen Nation, ob es sich um die regierende Partei oder um Intellektuelle handelt, mit ihrer eigenen Rolle und ihrem Schicksal konfrontiert?

Aus dem Kapitel " Kulturrevolution "

"... ich hörte, wie jemand mich rief. Als ich mich umsah, war ich ganz erstaunt, es war Ministerpräsident Zhou. Ich sah nur, dass er auf einer Steinstufe saß, er hielt beide Hände um die Knie geschlungen und sah sehr müde aus ... Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte, ich hoffte nur, dass er auf seine Gesundheit achtgeben würde. Lange schwieg der Ministerpräsident, er sagte kein Wort, später ließ er mich vorangehen. Als ich mich umsah, saß der Ministerpräsident noch auf den Steinstufen. Etwas entfernt standen mehrere Bewacher ... Das war das erste Mal, dass ich dem Ministerpräsidenten so nah war. Seine Kleidung sah sehr alt und sein Gesicht ganz müde aus. Mein Eindruck war, dass dem Ministerpräsidenten Zhou viele Dinge schwer auf dem Herzen lagen, seine Miene war ernst, dass ihn von der großartigen Veranstaltung an jenem Tage tausend Berge trennten, aber er sagte nichts darüber ..."

"... aber die Geschichte ernsthaft ins Auge zu fassen und die eigenen Verbrechen zu bereuen, ist ein großer Vorzug dieser Nation. Wegen dieses Vorzugs achten wir sie."

Aus dem Kapitel " Kulturrevolution "

Vorsitzender (er hat die siebzig überschritten, seine Haut ist weiß, fein und glänzend, er spricht einen schweren Sichuan-Akzent der Gegend von Guangyuan, er redet leicht und langsam): Gut, liebe Anwesende, nehmen Sie Platz. Heute sind noch mehr als letztes Mal gekommen ... ich werde den Anfang machen und zur Diskussion anregen, ha, ha.

Wir haben diese Teegespräche drei, viel Mal veranstaltet, einige waren recht erfolgreich. Wir haben schon recht systematische Aufzeichnungen zu Papier gebracht. Einige sind zwar ziemlich verworren, ohne ganze Sätze, manche geradezu ungereimtes Zeug, als hätte sich jemand einen Spaß gemacht, ha, ha. Aber das macht nichts, reden wir frei heraus, und wir wollen uns freuen. Aber ich möchte daran erinnern, es gibt recht viele Gründe, wenn wir nicht erfolgreich sind, doch meistens liegt es daran, dass wir untereinander zu heftig streiten, dann wird nicht nur das zentrale Thema des Gesprächs verfehlt, sondern auch die freundschaftliche Atmosphäre des Gesprächs zerstört. Dass es

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen