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Die Reise der Seele von Métrailler, Marie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.01.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Die Reise der Seele

Die "Weise von Evolène" wurde die Bäuerin Marie Métrailler genannt. Ihre Kindheit war den harten Gesetzen des bäuerlichen Lebens und eines bigotten katholischen Glaubens unterworfen. Doch schon früh schafft sie sich durch die Lektüre literarischer Mystiker eine eigene Welt. Und beharrt auf ihrer Eigenständigkeit als Frau, indem sie gegen den Widerstand des ganzen Dorfes einen Laden eröffnet. Schon bald suchen berühmte und weniger berühmte Zeitgenossen bei ihr Rat in existentiellen Fragen. Das Selbstporträt einer mutigen Autodidaktin, die ihre Freiheit lebt, ohne ihr Dorf zu verlassen. Marie Métrailler (1901-1979) wurde als Älteste von sechs Geschwistern in Evolène im Val d'Herens geboren. Sie blieb ledig, emanzipierte sich von der katholischen Sittenlehre, fand aber Zugang zur Spiritualität. Sie und ihr Stoffgeschäft zogen Menschen von nah und fern an. Ihr Dorf verließ sie nur vier Mal.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 25.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492954648
    Verlag: Piper
    Originaltitel: La Poudre de Sourire
    Größe: 1971 kBytes
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Die Reise der Seele

Fliehen? Und wohin gehn?

Ich bin, sehr lang ist's her, 1901 geboren, zu einer Zeit, da, vor allem für uns Bergbauern, das Leben ganz anders war. In Evolène gab es keine reichen Leute. Jede Familie hatte ein paar Flickstücke landwirtschaftlichen Bodens, aufgeteilt in was weiß ich wie viele Parzellen. Vom einen Ende ans andere mußte man laufen, um diese Erde zu bewirtschaften. Beim Einbringen der Ernte hieß es alles zusammenkratzen, den letzten Halm, die winzigste Kartoffel. Alles war zu gebrauchen.

War auch das Leben nicht leicht, daß wir unglücklich gewesen wären, konnte man nicht sagen.

Ich wurde in eine Lehrersfamilie hineingeboren, Leute, die sehr schmal lebten. Nur sechs Monate im Jahr dauerte hier die Schule. Mein Vater gab seinen Unterricht, wann und wie er konnte; er hatte es sich so eingerichtet, daß er daneben noch ein wenig Landwirtschaft treiben konnte. Wegen uns Kindern konnte sich meine Mutter nie ganz ihrem Beruf widmen. Beide zusammen verdienten sie nicht mehr als zweihundert Franken pro Winter... So pflanzten wir denn Korn, Kartoffeln, und meine Eltern hatten, glaube ich, eine Kuh zu Hause. Ein hartes Leben, aber man lebte.

Ich war das älteste von sechs Kindern.

Hast du Erinnerungen aus deiner frühen Kindheit?

Ja, doch weiß ich nicht, ob ich sie geträumt habe. Mir will scheinen, diese Dinge hätten sich auf den Maiensäßen, den in der Bergen gelegenen Alphütten, zugetragen, wohin wir manchmal winters zogen. Ich muß ein Jahr alt gewesen sein.

Und ein anderes Bild steigt mir auf, dieses aus dem Frühling, auch da oben. Ich sehe, wie mein Onkel, ein rechter Teufel von einem Bergführer, Schneequader heraushaut. Auf seinen Schultern sitze ich. Wir hatten mehrere Maiensäße, was nicht heißen will, wir hätten viel Boden besessen. In jenem Frühjahr sind wir von Arbey nach Flanmayens heruntergestiegen, dem Wildbach nach, der in die Borgne fließt; wir zogen auf eine andere Voralpe. Ich saß in einem Aufbastsack, einem jener beiden Quersäcke, die dem Maultier über die Flanken hängen. Im anderen mein Bruder. Und ich war zu Tode erschrocken, wie ich daüber die Leere ragte.

Als ich zum letzten Mal dort hinaufstieg und in Arbey wohnte, war ich fünfzehn.

Ich war mit meiner Großmutter dort oben, und ich beobachtete zum Zeitvertreib stundenlang Ameisenhaufen. Stieß sachte mit einem Stecken hinein, um zu sehen, wie die Stockwerke, die Zimmer, die Gänge angelegt waren. Pflanzte dann Blumen in den Haufen. Die Ameisen sollten einen Garten haben. Von den Pflanzen, die sie nicht kannten, überrascht, es waren vor allem wilde Stiefmütterchen, spritzten sie ihr Sekret darüber. Unter der Wirkung der Säure wurden die Blumen, die in Gelb und Violett prangten, rötlich mit ein wenig Lila drin. Ich war verblüfft.

In meinem kleinen Hirn versuchte ich, diese so gut ausgebildete Gesellschaftsform zu verstehen. Das Geheimnis, das ich nicht lüften konnte, jagte mir Furcht ein, warum, kann ich nicht sagen... Heute sehe ich die Dinge anders. Jenes Angstgefühl aber ist geblieben. Ich frage mich: Könnte es daher rühren, daß diese Insekten unsere Vorfahren waren und uns überleben werden auf der Erde? Eine Gattung, die über uns hinauswächst, in die wir uns nicht hin-ein-versetzen können, die uns erschreckt, uns die mensch-lichen Grenzen aufzeigt? Ist es die Form ihrer Intelligenz, die mich verstört? Ich habe keine Antwort.

Auch die Schmetterlinge machen mir angst, wenn ich sie ansehe. Zu dieser Jahreszeit kommen sie ins Haus. Eine Vanessa Vulkan mit rotem Streifen auf schwarzbraunem Grund. Sie kapseln sich in einem Spalt am Holzboden ein, mitten im

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