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Die Reise mit Paula von Yalom, Irvin D. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.01.2016
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Die Reise mit Paula

Neue Geschichten vom Kultautor Irvin D. Yalom Daß Wissenschaft und Phantasie keine Gegensätze bilden müssen, dafür liefert der amerikanische Psychoanalytiker Irvin D. Yalom seit Jahren überzeugende Beweise. Seine Geschichten um psychische Grenzsituationen und deren Bewältigung haben in Deutschland eine riesige Fangemeinde. In seinem neuen Buch erzählt er nicht nur von allzu menschlichen Neurosen seiner 'Klienten', sondern läßt seine Leser auch tief ins eigene Innere blicken. So berichtet er vom zwiespältigen Verhältnis zu seiner verstorbenen Mutter, die zeitlebens eine ungebildete Frau war, sich gleichwohl unermüdlich für ihre Familie einsetzte. 'Die Reise mit Paula' wiederum führt zurück in die 70er Jahre, als in Amerika das Thema Sterben 'So tabu war wie Pornographie'. Yalom ruft eine Art Selbsterfahrungsgruppe Todkranker ins Leben. In deren Zentrum steht Paula, die an Brustkrebs leidet. Ihre Energie und spirituelle Weitsicht beeindrucken Yalom tief und haben bis heute Spuren in seiner Arbeit hinterlassen. Irvin D. Yalom wurde 1931 als Sohn russischer Einwanderer in Washington, D.C. geboren. Er gilt als einer der einflussreichsten Psychoanalytiker in den USA und ist vielfach ausgezeichnet. Seine Fachbücher gelten als Klassiker. Seine Romane wurden international zu Bestsellern und zeigen, dass die Psychoanalyse Stoff für die schönsten und aufregendsten Geschichten bietet, wenn man sie nur zu erzählen weiß.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 28.01.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641194789
    Verlag: btb
    Originaltitel: Momma and the Meaning of Life
    Größe: 1102 kBytes
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Die Reise mit Paula

Mama und der Sinn des Lebens

Dämmerung. Vielleicht liege ich im Sterben. An meinem Bett unheimliche Gebilde: Monitore, die meinen Puls überwachen, Sauerstoffgeräte, tropfende Flaschen mit Infusionslösungen, zusammengerollte Plastikschläuche - die Eingeweide des Todes. Ich schließe die Augen und gleite in die Dunkelheit.

Doch dann bin ich mit einem Satz aus dem Bett, renne aus dem Krankenhaus und bin urplötzlich in dem hellen, sonnenbeschienenen Vergnügungspark von Glen Echo, wo ich vor Jahrzehnten viele Sommersonntage verbrachte. Ich höre Karussell-Musik. Ich atme den feuchten, karamellisierten Duft von klebrigem Popcorn und Äpfeln ein. Und ich gehe geradeaus weiter - ohne bei dem Stand mit dem gefrorenen Vanillepudding, der Achterbahn, die sich zwei Mal hinunterstürzt, oder dem Riesenrad innezuhalten -, um mich in der Warteschlange vor der Geisterbahn anzustellen. Nachdem ich meine Eintrittskarte bezahlt habe, warte ich, bis der nächste Wagen mit einem Ruck um die Ecke fährt und scheppernd vor mir hält. Nachdem ich eingestiegen bin und den Sicherungsbügel heruntergezogen habe, um mich sicher und gemütlich hinzusetzen, sehe ich mich ein letztes Mal um - und da, in einer kleinen Gruppe von Zuschauern, sehe ich sie.

Ich winke mit beiden Armen und rufe so laut, dass jeder es hören kann: "Mama! Mama!" In diesem Moment macht der Wagen einen Satz und kracht gegen die Doppeltür, die sich öffnet und den Blick auf einen gähnenden schwarzen Schlund freigibt. Ich lehne mich so weit zurück, wie ich nur kann, und bevor ich von der Dunkelheit verschluckt werde, rufe ich erneut: "Mama! Zufrieden, Mama? Zufrieden mit mir?"

Selbst als ich den Kopf vom Kissen hebe und den Traum abzuschütteln versuche, klumpen sich die Worte in der Kehle zusammen: "Zufrieden, Mama? Mama, zufrieden?"

Aber Mama liegt zwei Meter unter der Erde. Seit zehn Jahren mausetot in einem einfachen Fichtenholzsarg auf einem Friedhof am Anacostia River außerhalb von Washington D.C. Was ist von ihr übrig? Wahrscheinlich nur Knochen. Ohne Zweifel haben die Mikroben jeden Fetzen Fleisch entfernt. Vielleicht sind noch ein paar dünne graue Haarsträhnen übrig - vielleicht kleben noch ein paar glitzernde Knorpelstreifen an den Enden größerer Knochen, des Oberschenkelknochens und des Schienbeins. Und, natürlich, der Ring. Irgendwo im Knochenstaub versteckt muss noch der dünne filigrane silberne Hochzeitsring sein, den mein Vater kurz nach ihrer Ankunft in New York in der Hester Street gekauft hatte, nachdem sie im Zwischendeck von dem eine halbe Welt entfernten russischen Schtetl hergekommen waren.

Ja, lange vorbei. Zehn Jahre. Abgekratzt und verwest. Nichts als Haar, Knorpel, Knochen und ein filigraner silberner Ehering. Und ihr Bild, das in meinen Erinnerungen und Träumen lauert.

Warum winke ich Mama in meinem Traum zu? Ich habe schon vor Jahren mit dem Winken aufgehört. Wie vielen? Vielleicht vor Jahrzehnten schon. Vielleicht war es jener Nachmittag vor mehr als einem halben Jahrhundert, als ich acht war und sie mit mir ins Sylvan ging, das Flohkino, das beim Laden meines Vaters um die Ecke lag. Obwohl es viele leere Plätze gab, ließ sie sich neben einem der Schläger des Viertels hinplumpsen, einem Jungen, der ein Jahr älter war als ich. "Dieser Platz ist besetzt, Lady", knurrte er.

"Ja, ja! Besetzt!", gab meine Mutter verächtlich zurück, als sie es sich bequem machte. "Der hält Plätze frei, dieses Großmaul!", verkündete sie jedem, der in der Nähe saß.

Ich versuchte, mich in dem kastanienbraunen Samtpolster unsichtbar zu machen. Später, in dem abgedunkelten Kino, nahm ich meinen Mut zusammen und drehte langsam den Kopf. Da war er und saß jetzt ein paar Reihen weiter hinten neben seinem Freund. Kein Irrtum möglich, sie funkelten mich böse an und zeigten auf mich. Einer von ihnen schüttelte die Faust und formte mit den Lippen die Worte: "Warte n

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