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Dunkelblau Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor von Schottner, Dominik (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.03.2017
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Dunkelblau

Ein paar Gläser Wein, eine Flasche Bier mehr, na und? Alkohol ist das Schmiermittel unserer Gesellschaft. Was Dominik Schottner nüchtern feststellt, betrifft ihn selbst unmittelbar: Sein eigener Vater war Alkoholiker. Über viele Jahre hat die Familie weggeschaut, hat hilflos miterleben müssen, wie sich ein Mensch immer tiefer ins Verderben säuft. Jetzt spürt der Sohn dem Verhängnis nach und fragt: Wie hätten wir meinem Vater helfen können? Erschütternd offen erzählt er die Geschichte seines alkoholkranken Vaters und sein eigenes Erwachsenwerden im Schatten der Sucht. Ein bewegendes Dokument über die zerstörerische Droge Alkohol - und die Kraft, die man braucht, um gegen sie zu bestehen. Dominik Schottner wurde 1981 in München geboren und studierte Politikwissenschaft, Journalistik und Sportwissenschaft in Leipzig und München. Er volontierte bei der taz und schrieb unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Süddeutsche Zeitung. Seit 2009 ist er Redakteur und Moderator beim Deutschlandradio in Köln und Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 20.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492976077
    Verlag: Piper
    Größe: 697 kBytes
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Dunkelblau

DER TAG, AN DEM MEIN

VATER STIRBT

Der Tag, an dem mein Vater stirbt, beginnt für mich wie jeder andere Tag. Gegen 8:50 Uhr bringe ich meinen Sohn Lukas in die Kita. Er auf dem Laufrad, ich zu Fuß. Tage vorher hat mich jemand um mein Fahrrad erleichtert. Seither gehe ich zu Fuß.

Zu Fuß zu gehen hat in Berlin-Neukölln, wo ich wohne, den Vorteil, dass ich Lukas, ohne vom Rad zu fallen und ohne zu schreien, aufhalten kann, wenn er zu schnell Richtung Straße rollt, wo ihm der Tod durch einen heranbrausenden Transporter oder einen klapprigen Passat mit einem müden Vater am Steuer sicher wäre.

Zu Fuß zu gehen hat aber auch den Nachteil, dass ich für viele Wege viermal so lange brauche wie mit dem Fahrrad. Immerhin, Fußgänger leben länger, glaube ich.

Um kurz vor neun sitzen wir in der Umkleide der Kita, schälen das Kind aus den Klamottenlagen und studieren den Essensplan. Rosenkohleintopf, zum Nachtisch Bananen. Um fünf nach neun betreten wir den Gruppenraum, um zehn nach verabschiede ich mich von Lukas, um elf nach verlasse ich schnell die Kita, halte mir dabei die Ohren zu, und ab ungefähr zwölf nach spaziere ich zu einem Café am Ende meiner Straße.

Ich bin dort mit meinem Freund Christopher verabredet. Wir kennen uns seit dem Studium. Lange Zeit waren wir uns sehr nahe. Tranken Bier für zwei Euro das Glas im Prenzlauer Berg, aßen Schawarma für drei bei einem arabischen Imbiss an der Danziger Straße oder Grünes Curry für fünf auf der Prenzlauer Allee. Feierten mit jungen Ungarn in Budapest die Aufnahme ihres Landes in die EU, gewannen zweimal die Deutsche Journalistenschulmeisterschaft im Fußball und hingen so lange pleite in einer versifften Wohnung in New York rum, bis uns Christophers Mutter Geld überwies, mit dem wir die Bude schließlich bezahlen konnten. Unsere Väter um Geld anzupumpen kam uns damals nicht in den Sinn.

Als ich das Café erreiche, ist es schon halb zehn. Ein Berlin-Café: cool, ungemütlich, mit großer Panoramaglasfront, die von einer Eisen-Glas-Tür unterbrochen wird, die wiederum Probleme mit ihrem Schließmechanismus hat. In der Auslage drängeln sich üppig belegte Aufbackwaren mit Sprossen auf Käse und Cervelatwurst, darunter Remoulade. Daneben Muffins, Tartes, Croissants. Aus den Boxen rieselt Musik.

Ich bin der einzige Gast. Die Freiheit der Platzwahl nehme ich freudig zur Kenntnis und setze mich in die hinterste Ecke, in der Hoffnung, dass es dort am wenigsten zieht. Das stimmt auch, aber Kissen auf den braun lackierten Pressspanbänken wären trotzdem toll. Und eine Bedienung auch. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und warte auf Christopher, während ich eigentlich nur den Anruf meines Vaters herbeisehne.

Zum letzten Mal habe ich mit ihm vor gut einer Woche gesprochen, am Sonntag. Er hatte angerufen, zuerst auf dem Festnetz. Dann auf dem Handy. Dann wieder Festnetz. Normalerweise hätte er dann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

Mit Schwung am Anfang.

Ja, hallo, hier ist der Opa!

(Immer Opa, nie Papa.)

Dann mit dem immer gleichen, halb gespielten Vorwurf.

Euch erreicht man ja gar nicht mehr!

Der direkt in eine stolze Nachfrage übergeht.

Ich wollte nur mal hören, wie es meinem Enkel so geht!

Schließlich die Ermahnung, übervoll mit Resignation und Hoffnung.

Vielleicht könnt ihr ja irgendwann mal zurückrufen, dass ich ihn sprechen kann!

Und dann die Verabschiedung, die er immer draufsprach, seine Signatur.

Danke. Ciao!

Nach dieser Nachricht hätte er dann eine E-Mail geschrieben, fünf Zeilen, fast identischer Wortlaut, meist ohne Betreff. Alles innerhalb weniger Minuten, obwohl es ihm an Zeit nicht mangelte.

Vielleicht könnt ihr ja irgendwann mal zurückrufen, dass ich ihn sprechen kann!

Weil es an

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