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Ein Kapitel aus meinem Leben von Honigmann, Barbara (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.11.2012
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Ein Kapitel aus meinem Leben

'Ein Kapitel aus meinem Leben', so nannte Litzy mit betontem Understatement den heikelsten Teil ihres ungewöhnlichen Lebens: ihre Ehe mit dem weltberühmten 'Meisterspion' und Doppelagenten Kim Philby. Barbara Honigmann erzählt nüchtern, poetisch und komisch das unglaubliche Leben ihrer eigenen Mutter, einer Agentin und Emigrantin, Jüdin und Kommunistin, im Europa der Kriege und Diktaturen. Die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Frau. Barbara Honigmann, 1949 in Ost-Berlin geboren, arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 emigrierte sie mit der Familie nach Straßburg, wo sie noch heute lebt. Honigmanns Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Kleist-Preis, dem Max-Frisch-Preis sowie dem Ricarda-Huch-Preis (2015). Bei Hanser erschienen u.a. Ein Kapitel aus meinem Leben (2004), Das Gesicht wiederfinden (2006), Das überirdische Licht (Rückkehr nach New York, 2008) und Bilder von A. (Roman, 2011) und Chronik meiner Straße (2015).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 01.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446242388
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1053 kBytes
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Ein Kapitel aus meinem Leben

Es war grausam, Ethel und Julius Rosenberg hinzurichten, aber unschuldig waren sie nicht", sagte meine Mutter, während sie vor dem Spiegel ihre wilde Frisur in irgendeine Ordnung zu bringen versuchte; und obwohl das, was sie da sagte, im Gegensatz zu allem stand, was ich um mich herum hörte, was sie in der Schule lehrten und wie es sonst überliefert wurde, ließ meine Mutter gar keinen Zweifel daran, daß sie es besser wußte, und deswegen fragte ich auch nicht nach. Statt dessen fragte ich sie nach ihrer ursprünglichen Haarfarbe, weil sie sich, soweit ich überhaupt zurückdenken kann, die Haare färbte, natürlich nur in dunklen Tönen, denn sie war ja ein "dunkler Typ", in diesen Tönen allerdings schöpfte sie das ganze Spektrum von Dunkelblond bis Tiefschwarz über Rostbraun und Feuerrot voll aus. Sie antwortete mir, das weiß ich nicht mehr, ich hab's wirklich vergessen. An ihre ursprüngliche Haarfarbe konnte sie sich nicht mehr erinnern, aber daß Ethel und Julius Rosenberg nicht unschuldig hingerichtet worden waren, das wußte sie genau. Wir wohnten in einer Villa im Berliner Stadtteil Karlshorst, in dem am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet worden war, natürlich nicht in unserer Villa, aber ganz in der Nähe davon, ein großer Teil von Karlshorst war seitdem zur sowjetischen Garnisonsstadt geworden, mit einer riesigen Kaserne für die Soldaten und abgesperrten Gebieten für die militärischen Übungen, aber es gab auch einen zivilen Teil mit Geschäften, Kino und Kultursaal und, noch näher bei uns, einige Wohnblöcke, in denen Offiziere mit ihren Familien wohnten. Ihre Kinder spielten in den Innenhöfen zwischen den Wohnblöcken, und ich ging manchmal hin, um mitzuspielen, doch ich blieb all die Jahre das einzige deutsche Kind, das auf den Russenspielplatz ging. Unser Hund Poldi allerdings, der von einer "undressierbaren Promenadenmischung stammte und Folgen nicht gelernt hatte", wie mein Vater erklärte, verlief sich beim Spazierengehen regelmäßig in das militärische Sperrgebiet hinein, aus dem man tagsüber und manchmal auch nachts gefährliche Geräusche wie Schüsse hörte und in das man natürlich keinen Fuß zu setzen wagte, was ja auch allerstrengstens verboten war; wir mußten dann in der Kommandantur anrufen und fragen, ob ihn die Militärbehörde irgendwo aufgegriffen hatte, dann konnten wir ihn später auf der Kommandantur abholen. Mit der Zeit kannten sie ihn schon und brachten ihn uns entgegen: Wot waschji Poldi! Als eines Tages an unserer Tür in Karlshorst ein Mann klingelte und mit starkem englischem Akzent nach Mrs. Hannnigmänn fragte, waren die Rosenbergs seit über zehn Jahren hingerichtet und meine Mutter seit fast 20 Jahren aus dem englischen Exil zurückgekehrt. Eigentlich war sie nicht "zurückgekehrt", da sie Berlin in ihrem ganzen Leben vorher noch nie betreten hatte, sondern sie war meinem Vater gefolgt, der in Berlin an ein früheres Leben als Journalist bei der Vossischen Zeitung anknüpfen konnte, während meine Mutter den Bruchstükken ihres Lebens nur ein neues hinzufügte. Meine Eltern sprachen noch oft englisch miteinander und mit ihren Freunden, die ebenfalls aus der Emigration zurückgekehrt waren und von denen sich einige Ehefrauen aus England oder den USA mitgebracht hatten, die natürlich kein Deutsch sprachen und sich auch keine besondere Mühe gaben, es zu lernen, und das Englischsprechen war wohl auch eine Art, sich der Zusammengehörigkeit und des Zusammenhalts zu versichern und gegen die Ablehnung derer zu schützen, die sie als fremd und als privilegierte Parteielite ansahen, was keine ganz falsche Wahrnehmung war. Sie waren als Juden fremd geworden und waren mehr oder weniger privilegiert, weil sie zur Parteielite gehörten oder wenigstens eine höhere Stufe in der Kulturhierarchie einnahmen. Ihre Privilegien, ihr Kosmopolitismus und ihr Status als überlebende Juden und als Kommunisten waren ihre Stigmata. Die Villa in Karlsho

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