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Erledigt in Paris und London von Orwell, George (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Erledigt in Paris und London

Nach seiner Demission als Polizeioffizier in Burma landet Orwell 1933 in den Slums: bei den Arbeitslosen, Asozialen in Paris, wo er sich als Küchenhilfe in einem Luxusrestaurant verdingt; bei den Pennern von London, mit denen er durch die Gossen und Asyle pilgert. Der unsentimentale, erschütternde Bericht eines Betroffenen. George Orwell, eigtl. Eric Arthur Blair, wurde am 25. Juni 1903 in Bengalen, Nordostindien, geboren. In England besuchte er als armer Stipendiat eine Eliteschule. Er diente fünf Jahre in Burma bei der Indian Imperial Police, dann kündigte er, weil er "auf keinen Fall länger einem Imperialismus dienen konnte", den er als "ziemlich großen Volksbetrug durchschaut hatte". Er gesellte sich als Tellerwäscher, Hilfslehrer, Hopfenpflücker und als Buch- und Gemischtwarenhändler zum Proletariat, dessen Leben er in Reportagen und Büchern beschrieb. Zur entscheidenden Erfahrung, die in seine Negativutopien Farm der Tiere 1984 Observer

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257602463
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Down and Out in Paris and London
    Größe: 1471 kBytes
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Erledigt in Paris und London

[7] I

Die Rue du Coq d'Or, Paris, morgens um sieben. Mehrere wütende, würgende Schreie von der Straße her. Madame Monce, die das kleine Hotel gegenüber führt, war herausgekommen, um sich an einen Mieter im dritten Stock zu wenden. Ihre nackten Füße steckten in Holzpantinen, und ihr langes graues Haar war ungekämmt und hing in Zotteln herab.

Madame Monce: " Salope! Salope! Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß Sie die Wanzen nicht auf der Tapete zerdrücken sollen? Glauben Sie denn, das ist Ihr Hotel, eh?! Warum können Sie sie nicht wie jeder andere aus dem Fenster werfen? Putain! Salope! "

Die Frau im dritten Stock: "Vache!"

Dann ein ganzer bunter Chor von Schreien; auf beiden Seiten der Straße werden eilig die Fenster geöffnet, und die halbe Straße mischt sich in das Gezänk ein. Zehn Minuten später plötzlich Stille, als eine Abteilung der berittenen Polizei vorbeitrabt. Die Leute verstummen und starren ihr nach.

Ich beschreibe diese Szenerie, weil ich glaube, daß sie typisch für den Geist der Rue du Coq d'Or ist. Nicht, daß solches Gezänk das einzige wäre, was hier passiert, und doch - kaum ein Morgen vergeht ohne mindestens einen solcher Temperamentsausbrüche. Das war die Atmosphäre dieser Straße: Streitereien, die [8] hoffnungslosen Rufe der Straßengauner, die Rufe der Kinder, die auf dem Pflaster nach Orangenschalen jagen, und nachts der laute Gesang und der säuerliche Gestank von den Wagen mit den störrischen Pferden...

Sie war eine schmale Straße - eine tiefe Schlucht voller großer lepröser Häuser, die sich in sonderbaren Höhen aneinanderlehnen, gerade so, als wären sie in dem Moment erstarrt, als sie im Begriff waren, umzustürzen. Alle Häuser hier waren Hotels und bis unter das Dach vollgepackt mit Mietern, meistens Polen, Arabern und Italienern. Neben den Eingängen zu den Hotels befanden sich winzige bistros, wo man sich für den Gegenwert eines Schillings total betrinken konnte. Regelmäßig samstagnachts war etwa ein Drittel der männlichen Bevölkerung dieses Viertels betrunken. Da gab es Kämpfe um Frauen, und die arabischen Straßenarbeiter, die in den billigsten Hotels wohnten, waren dafür bekannt, mysteriöse Fehden zu inszenieren und sie mit Stühlen und gelegentlich auch Revolvern auszutragen. Nachts pflegte die Polizei nur jeweils zwei Mann auf Streife zu schicken: Das hier war ein regelrechter Sündenpfuhl. Und doch lebten mitten in diesem Lärm und Schmutz die ganz gewöhnlichen, respektablen französischen Ladeninhaber, die Bäcker und Wäscherinnen; sie und ihresgleichen blieben unter sich und machten auf ihre Weise ihr kleines Glück. Das ganze war eine Art repräsentativer Pariser Slum.

Mein Hotel hieß Hôtel des Trois Moineaux, ein düsteres, rachitisches Wildgehege mit fünf Stockwerken, die durch hölzerne Trennwände in vierzig Räume aufgeteilt worden waren. Die Zimmer waren klein und seit eh und je schmutzig, denn so etwas wie ein [9] Stubenmädchen gab es nicht, und Madame F., die patronne, hatte keine Zeit, sich um das Aufwischen zu kümmern. Die Wände waren dünn wie Zündhölzer, und um die Risse zu verdecken, waren sie immer wieder mit neuen Schichten von rosa Papier bepflastert worden, die sich gelöst hatten und unzählige Wanzen beherbergten. Unterhalb der Decke marschierten den ganzen Tag lang Schlangen von Wanzen wie ein Heer kleiner Soldaten entlang, und nachts kamen sie gierig herab, so daß man alle paar Stunden aufstehen und sie massenhaft erledigen mußte. Manchmal, wenn die Wanzen allzu aufdringlich wurden, brannte man Schwefel ab und trieb sie so in das Zimmer nebenan; woraufhin der Nachbar beleidigt zu reagieren pflegte und seinerseits sein Zimmer einschwefelte, um die Wanzen wieder zurückzutreiben. Es war schmutzig hier, aber heimelig, denn Madame F. und ihr Mann waren gute Leute. D

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