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Frauen.Geschichten. von Altmann, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.09.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Frauen.Geschichten.

Frauen sind für Andreas Altmann Wundergeschöpfe: anbetungswürdig und inspirierend. Doch auch rätselhaft und manchmal sogar furchteinflößend. Sein neues Buch ist den Frauen seines Lebens gewidmet, ganz gleich, ob es sich dabei um einmalige Begegnungen handelte oder längere Verbindungen und Freundschaften. Der Leser erfährt etwas vom mitreißenden und gelegentlich auch anstrengenden Drama zwischen Frau und Mann, es geht um bereichernde Erfahrungen, die Wunder der Liebe, aber auch um Enttäuschung, Lüge, Zurückweisung und Betrug. Es sind beglückende, aber auch traurige Momente dabei, beängstigend schwere und heiter-leichte, ja, aberwitzig lustige, die Andreas Altmann in seiner poetischen Sprache schildert. Denn ganz gleich, welcher Art die gemeinsame Erfahrung war, jede Frau war für ihn in gewisser Weise prägend und lehrte ihn etwas über sich selbst. Und über diese Frau. Und über die Welt.

Andreas Altmann zählt zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Seume-Literaturpreis und dem Reisebuch-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm "Frauen.Geschichten." sowie die Bestseller "Verdammtes Land. Eine Reise durch Palästina", "Gebrauchsanweisung für die Welt" und "Gebrauchsanweisung für das Leben". Andreas Altmann lebt in Paris.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492970990
    Verlag: Piper
    Größe: 930kBytes
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Frauen.Geschichten.

65

Noch ein Mädchen aus Wien will ich erwähnen, Rosalie. Das Herz wird mir schwer, wenn ich an sie denke. Die Studentin arbeitete nebenbei als Garderobiere am Theater. Sie war neunzehn und ein lichterloher Beweis für die Ungerechtigkeit in der Welt: So schön war sie. Und freundlich und gescheit. Sie war eine, bei der ich dachte: Sie wird eine Eroberin, eine Frau, die einst in alle Himmelsrichtungen strahlen wird. So bewunderte und beneidete ich sie.

Oft spazierten wir nach einer Vorstellung in ein Café und plauderten. Und setzten uns anschließend auf die nahe, so berühmte, Strudlhofstiege . Und begannen uns zu streicheln, die Hände, das Gesicht, die frühlingswarme Haut. Der Mond leuchtete bisweilen.

Zu zweit ins Bett wollte Rosalie nicht. Auch die nächsten Wochen nicht. Ich war ganz einverstanden: Um Nacktheit betteln kam nicht infrage. Nach dem Flüstern ging jeder in seine Richtung nach Hause, den Mund und die Augen voller Sterne, voller Erinnerung an den anderen.

Nach ein paar Monaten war Rosalie verschwunden. Das passte zu ihr. Sie hatte sich einmal als "existenziell heimatlos" bezeichnet. Ihre Familie war ein Fall für das Sozialamt, ihr Jurastudium hatte sie abgebrochen, sie wusste nicht, wohin. Irgendwie waren wir uns ähnlich.

Ich rief in ihrer WG an und erfuhr, dass sie ausgezogen war. Ohne eine Adresse zu hinterlassen. So betrüblich das klang, die Nachricht beruhigte mich: immerhin kein Unfall, kein Verbrechen. Jetzt konnte ich nur warten, bis sie mich anrief. Aber sie rief nicht an.

So abrupt, so wortlos sich zu trennen, das ist eine absonderliche Erfahrung. Doch der Schrecken kam Jahre später, als ich - schon längst nicht mehr Schauspieler - einen ehemaligen Kollegen aus Wien traf. Der uns manchmal flirten gesehen hatte. Und mich fragte, ob ich auf dem Laufenden sei, von wegen Rosalie. Nein, natürlich nicht. Und F. erwähnte lachend, dass er sie in Deutschland in einer Peepshow entdeckt hätte. "Hundert pro", denn er habe sie angesprochen, ja, sie nach mir gefragt. Doch die inzwischen 30-Jährige habe abgewiegelt, die Entdeckung durch F. schien ihr peinlich.

Rosalie, die Wunderschöne, die mit den vielen Lichtern im Kopf, sie tänzelte jetzt auf einem rosa Flokatiteppich, um Männer zum Abspritzen zu animieren. Bizarr, aber ich musste sofort an meinen Vater denken. Er war ein stattlicher Mann und er war helle. Trotzdem blieb er in diesem bayerischen Kraal stecken und verscherbelte Zubehör für Betschwestern. So ist es eben: Schönheit und Verstand reichen nicht. Die Wut, sich aufzulehnen, muss dazukommen, ja, der unwiderrufliche Wille nur jenes Leben anzunehmen, das man aushält, ja, lieben könnte.

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Ein letztes Kapitel über Wien. Das Schauspielhaus war erfolgreich, das Fernsehen meldete sich und zeichnete Inszenierungen auf. So gab es ein paar Tausend Schilling mehr für uns. Ich investierte sie in Reisen, während der spielfreien Tage. Nie länger als eine Woche, mehr Zeit war nicht. Und ich ahnte, noch diffus, dass ich etwas gefunden hatte, das irgendwann meine Zukunft bestimmen sollte: eben davonfahren in die Welt. Dass ich darüber schreiben würde, dieser Gedanken kam nicht. Zu unbescheiden, zu vermessen hätte er geklungen.

In Prag, im Nachtklub des Hotels Jalta, lernte ich Mila kennen. Die Studentin aus Brünn. Nein, sie war keine der Hausfrauen, die nebenbei als "Hostessen" arbeiteten und jetzt diskret am Rande der Tanzfläche standen. (Auch im Sozialismus wurde tapfer geheuchelt.) Sie war mit ihrer Freundin gekommen, und als wir eng und langsam miteinander tanzten, ließ Maria uns allein. Wie taktvoll. Die Bee Gees spielten How deep is your love und ich fühlte Milas Formen. Und ihre warme Hand auf meinem Rücken. Ach, eines der Wunder der Welt ist das Weltwunder Frau.

Nach dem letzten Kuss vereinbarten wir, dass ich tags darauf, nach 15 Uhr, in ihr Hotel schleiche.

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